Frank Brinkmann hat seit 2018 die Fusion der Drewag und der Enso vorangetrieben und erfolgreich vollendet. Die aus dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen im Jahr 2021 entstandene Sachsenenergie ist der größte Kommunalversorger Ostdeutschlands. Die Beschäftigtenzahl entwickelt sich in Richtung 4000, der Umsatz liegt mittlerweile bei rund 5 Mrd. Euro.
Im ZfK-Interview erklärt er, warum ihm die hohen Energiepreise große Sorgen machen und fordert Änderungen beim Marktdesign. In Sachen Kraftwerksstrategie und dem Zubau neuer Kraftwerke spricht er sich für ein Höchstmaß an Flexibilität aus. Nur auf Wasserstoff zu setzen, sei fahrlässig, so sein Credo.
Herr Brinkmann, die Übertragungsnetzentgelte verdoppeln sich. Die Sachsenenergie hält die Preise dennoch stabil und investiert dafür einen zweistelligen Millionenbetrag in ihre Kunden. Vielerorts dürften die Strompreise im Frühjahr aber weiter steigen. Wie steht es um die Bezahlbarkeit der Energie?
Frank Brinkmann: Die Endverbraucherpreise für Energie werden generell immer teurer und teurer und werden nicht mehr auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Die Akzeptanz der Energiewende steht damit zunehmend auf der Kippe. Das ist nicht zu unterschätzen.
Die Energiepreise können sich nicht immer weiter nach oben schrauben.
Wenn die Haushalte und die Wirtschaft mit der Höhe der Energiepreise überfordert werden, bekommen wir auch Probleme. Das macht mir große Sorgen. Die Energiepreise können sich nicht immer weiter nach oben schrauben und da sind wir gerade dabei. Und das hängt maßgeblich mit den Systemkosten, dem Redispatch und dem gesamten Marktdesign zusammen.
Das müssen Sie ein bisschen genauer erklären.
Ein Viertel der Stromkosten kommt jetzt von den Übertragungsnetzbetreibern. Da werden teure Gaskraftwerke hochgefahren, weil wir zu viel Erneuerbarenstrom im Netz haben und wir keine Leitungen haben, um diesen vom Norden nach Süden zu transportieren. In Süddeutschland wird ganz viel teurer Gasstrom erzeugt und verbraucht und wir zahlen alle dafür. Das gesamte Marktdesign müsste da verändert werden.
Ausschreibungen für zusätzlich gesicherte Leistung erst ab 100 MW ist zu kurz gedacht.
Themenwechsel: Die Sachsenenergie will bis 2035 die Dekarbonisierung komplett umgesetzt haben. Dazu werden Sie eine gewisse Förderkulisse brauchen. Sehen Sie da klarer nach den jüngsten Haushaltsbeschlüssen der Bundesregierung?
Für uns ist baldige Klarheit bei der Kraftwerksstrategie zentral. Hier sind mir zwei Dinge ganz wichtig. Die Ausschreibungen für die zusätzliche gesicherte Leistung erst ab 100 MW ist zu kurz gedacht. Das sollte auch für kleinere und vor allem dezentralere Leistungsgrößen, wie etwa 20-, 50- oder 80 MW-Kraftwerke möglich sein.
Und der zweite wichtige Punkt ist, dass die neuen Kraftwerke dual-use-fähig sein sollten – allein auf Wasserstoff zu setzen, halte ich für fahrlässig.
Wir brauchen jetzt relativ schnell neue Anträge für Gaskraftwerke.
Was meinen Sie genau mit dual-use-fähig?
Dual-use bedeutet, dass diese Kraftwerke beides können, mit und ohne Wasserstoff Energie erzeugen. Die zu bauenden oder umzubauenden Ersatzkraftwerke sollen perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden können. Wenn Sie dort aber Gasturbinen haben, müssen sie fast 70 Prozent des Kraftwerks umbauen, wenn sie es von Gas auf Wasserstoff oder von Wasserstoff auf Gas umrüsten wollen.
Das ist bei Gasmotorenkraftwerken anders, so wie bei uns in Dresden-Reick. Diese sind bereits dual-use-fähig und können viel einfacher umgerüstet werden. Und diesen Ansatz finde ich in der jetzigen Übergangsphase volkswirtschaftlich am sinnvollsten. Denn er gibt uns eine größere Flexibilität.
Wir können heute nicht gesichert sagen, ob und wann immer genug Wasserstoff da ist und dann noch zu wettbewerbsfähigen Preisen. Wir brauchen relativ schnell jetzt Bauanträge für neue Gaskraftwerke. Wir sind in einer Situation, wo die Kohlekraftwerke wahrscheinlich doch noch länger am Netz sein werden als ursprünglich geplant – das konterkariert aber den Grundgedanken hinter der Energiewende.
Wie mehrheitsfähig ist Ihre Position in der Energiebranche?
Darüber gibt es natürlich unterschiedliche Auffassungen, gerade zwischen großen und kleineren Kraftwerksbetreibern. Wir müssen auch schauen, dass nicht nur an alten Standorten neue Gaskraftwerke entstehen. Die Standorte sollten intelligent und strategisch sinnvoll gewählt werden.
Die Nutzung von Wasserstoff in der Fernwärmeerzeugung hat ja auch in Ihrem Dekarbonisierungskonzept bis 2030 eine zentrale Rolle. Wie genau soll die aussehen?
In der beschleunigten Variante der Wärmewende bis 2035 wird Wasserstoff eine signifikante Rolle spielen und da ist eben noch sehr viel offen. Wir haben im Moment einen Fernwärmeanteil von 45 Prozent am gesamten Heizwärmebedarf. Dieser wird auf über 50 Prozent anwachsen. Ich denke, diese Entwicklung wird man vielerorts in den nächsten Jahren bei der Transformation der Wärmeversorgung sehen.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)
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