Karin Klaus und Florian Fichter investieren nicht nur Kapital, sondern vor allem in Persönlichkeiten. Mit Enpulse Ventures, einer Tochter der EnBW, entwickeln sie neue Geschäftsmodelle für die Energiezukunft. Im Interview unterstreichen sie ihren Anspruch: Gründergeist in die Strukturen eines Energieriesen bringen.
Frau Klaus, Herr Fichter, was ist die Kernidee von Enpulse und wie ist die Verbindung zur EnBW?
Fichter: Enpulse war zunächst Teil des Innovationsbereichs der EnBW und hat interne Start-ups aufgebaut. 2022 beschlossen wir, dass wir mehr Freiheit und Flexibilität sowie Gründerpersönlichkeiten brauchen – die womöglich nicht in einem Konzern arbeiten würden. So kam es zur Ausgründung. Ein Teil des Teams ist damals mitgekommen, heute sind wir circa 25 Beschäftigte. Wir als Enpulse sind eine hundertprozentige Tochter des EnBW-Innovationsbereichs.
Welche Start-ups interessieren Sie besonders?
Klaus: Ganz grob sind wir in drei Themenfeldern unterwegs. Zum einen im Bereich Smart Grid, also Digitalisierung der Netze. Den nächsten nennen wir Connected Customer. Da dreht sich alles rund um die Endkund:innen, etwa Smart Home oder auch E-Mobilität. Als Drittes beschäftigen wir uns mit der Erzeugung, stehen dort aber noch relativ am Anfang. Gemeinsam mit den verschiedenen Geschäftseinheiten der EnBW identifizieren wir hier laufend spannende Opportunitäten und suchen dann gemeinsam nach einer möglichen Umsetzung. Ein klassischer Weg ist zum Beispiel, dass wir beobachten, dass eine EnBW-Einheit ein bestimmtes Problem lösen muss, für das wir dann entsprechende Lösungsideen, meist in Form von konkreten Geschäftsmodellen, entwickeln und im besten Fall an den Start bringen.
Die meisten Start-ups, die wir unterstützen, bewegen sich derzeit in dem erwähnten Connected-Customer-Bereich. Ein gutes Beispiel ist Zählerfreunde, ein Start-up, das wir schon lange unterstützen. Es ermöglicht Haushalten und Unternehmen, ihren Energieverbrauch transparent zu visualisieren, zu analysieren und zu optimieren, um sowohl Kosten als auch CO2-Emissionen zu reduzieren.
Das heißt, Sie orientieren sich vor allem an der Entwicklung der EnBW?
Fichter: Wir möchten Unternehmertum in die EnBW bringen, weil wir überzeugt sind, dass Unternehmertum – wenn richtig eingesetzt – den Konzern besser, schneller und effizienter macht. Dabei greifen wir auf verschiedene Instrumente zurück, die wir je nach den spezifischen Rahmenbedingungen einsetzen. Zum einen arbeiten wir im Rahmen des sogenannten Venture Clientings mit Start-ups zusammen, ohne dass wir zwingend investieren müssen.
Zweitens investieren wir gezielt in vielversprechende Start-ups – oft schon in der Pre-Seed-Phase. So können wir die Entwicklung frühzeitig mitgestalten und das Team nicht nur finanziell, sondern auch strategisch und mit unserem Know-how und unserer Erfahrung unterstützen. Und drittens betreiben wir klassisches Venture Building: Das heißt, wenn es für ein konkretes Problem noch keine gute Lösung am Markt gibt, entwickeln wir eigene Geschäftsmodelle und gründen sie als Start-ups aus – von der ersten Idee über die Validierung bis hin zur Ausgründung.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie investieren – besonders in der Frühphase? Und welche Kriterien legen Sie an?
Klaus: Ein Kriterium kann sein, dass das Start-up bereits eine Beziehung zur EnBW hat, zum Beispiel über ein Pilotprojekt. Das ist aber keine Voraussetzung. Worauf wir inzwischen jedoch sehr genau achten, ist der Faktor Mensch. Denn der Erfolg steht und fällt mit dem Gründerteam. Das ist nach unserer Erfahrung der Grund Nummer eins, wenn es nicht klappt. Die Kompetenzen der Gründerinnen und Gründer sollten sich daher möglichst gut ergänzen. Wenn der Teamspirit nicht stimmt, kann die Idee noch so gut sein, dann sind wir raus.
Wenn bis dahin aber alles passt, folgt eine umfassende Due Diligence, die unter anderem Markt, Wettbewerb, Geschäftsmodell, IT und auch einen Legal Check umfasst. Also zum Beispiel: Wie sind die Verträge mit den Kundinnen und Kunden ausgestaltet? Ein gewisses Risiko, dass es trotzdem nicht klappt, bleibt natürlich immer.
"Wir schleifen niemanden durch den Prozess."
Nehmen wir an, Sie haben ein Start-up gefunden, Team und Verträge geprüft und Kapital investiert. Wie fördern Sie dieses Unternehmen darüber hinaus?
Fichter: Zunächst versuchen wir, Start-up und Konzern zu einer stärkeren Zusammenarbeit zu bewegen. Dann sehen wir gleich – am Kunden EnBW –, ob ein Kunde ernsthaftes Interesse hätte und erhalten erstes Feedback. Danach begleiten wir das Start-up intensiv und bieten gezielte Beratung zu spezifischen Fragen, Coaching sowie Zugang zu unserem Netzwerk. Bei aller Unterstützung legen wir Wert darauf, dass die Gründerinnen und Gründer unternehmerisch denken. Wir schleifen niemanden durch den Prozess. Wichtig ist, dass das Team eigenständig Entscheidungen trifft und die Verantwortung für den Erfolg trägt.
In wie viele Start-ups investieren Sie im Augenblick oder fördern diese?
Klaus: Es kommt immer auf den Betrachtungszeitpunkt an. Derzeit sind wir an elf Start-ups beteiligt. Zuletzt haben wir mit Okka Energy und Dach für Dach zwei Start-ups aus dem Solarbereich ausgegründet. Wenn Start-ups reifer werden und sich einerseits am Markt bewiesen haben und andererseits die strategische Bedeutung für die EnBW gezeigt haben, werden diese durch die EnBW selbst weiter gesteuert.
Große Unternehmen tun sich oft schwer mit Veränderungen. Wie sehen Sie die Rolle von Start-ups in diesem Kontext?
Klaus: Die Kombination der beiden Welten – die Agilität von Start-ups und die Stabilität großer Unternehmen – ist besonders wertvoll. Start-ups bringen schnelle, innovative Ideen, während große Unternehmen Zugang zu Märkten und Netzwerken haben. Es geht also nicht um ein Entweder-oder, sondern darum, wie eine effiziente Zusammenarbeit gelingen kann. Start-ups haben oft keinen Zugang zu den großen Kund:innen. Hier können wir als Brücke fungieren, indem wir die Ideen der Start-ups übersetzen und in die bestehenden Netzwerke der etablierten Unternehmen einbringen.
"Ohne die richtigen Netzwerke wird es sehr schwierig."
Was sind die größten Herausforderungen für Start-ups im Energiesektor?
Fichter: Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit den Netzbetreibern und den etablierten Playern im Energiemarkt. Sobald Start-ups tiefer in das Energiesystem eintauchen, brauchen sie Partner, um die nötigen Ressourcen und Zugangsmöglichkeiten zu erhalten. Ohne die richtigen Netzwerke wird es sehr schwierig, sich zu etablieren. Viele Start-ups streben schnelle Exit-Strategien an, doch in der Energiebranche geht es oft um kleinere, langfristige Kooperationen. Die Start-ups, die sich bei uns melden, suchen nicht nur Investitionen, sondern auch die richtigen Partner und Netzwerke, die ihnen helfen, langfristig zu wachsen.
Welche Trends sehen Sie für die kommenden Jahre, insbesondere im Hinblick auf Flexibilität und Cybersicherheit?
Klaus: Flexibilität ist natürlich eines der großen Themen und spielt in verschiedenen Bereichen unserer Arbeit eine Rolle. Beispielsweise fördern wir Geschäftsmodelle, die es Endkund:innen ermöglichen, durch die Bereitstellung von Flexibilität direkt an den Energiemärkten zu partizipieren. Darüber hinaus wird auch die Stromerzeugung in den nächsten Jahren zunehmend flexibler und dezentraler werden. Dies erfordert unter anderem die intelligente Anbindung von Kleinanlagen an die Energiemärkte. So werden Batterien im kleinen wie im großen Maßstab zukünftig eine wichtige Rolle in energiewirtschaftlichen Geschäftsmodellen spielen.
"Cybersicherheit in Stromnetzen wird immer wichtiger."
Dies erfordert natürlich auch Stromnetze, die in Zeiten knapper Netzkapazitäten in der Lage sind, Flexibilitätslösungen zu nutzen. Solche Lösungen können beispielsweise Netzengpässe reduzieren, indem sie Anreize für ein netzdienlicheres Verhalten setzen. Und ja, auch das Thema Cybersicherheit wird in diesem Zusammenhang immer wichtiger und ist ein relevantes Resilienzthema, das immer mitgedacht werden sollte. Denn durch die Digitalisierung der Netze sammeln die Betreiber immer mehr Daten, deren Sicherheit gewährleistet werden muss. Es gibt bereits viele Start-ups, die Lösungen in diesem Bereich anbieten, und diese wollen wir unterstützen.
Wie sehen Sie die Rolle von Start-ups in der Wärmewende?
Fichter: Die Wärmewende insgesamt ist ein entscheidendes Segment, insbesondere für die nächsten Jahre. Denn die Endverbraucher:innen wollen autarker und damit preisunabhängiger bei der Nutzung ihres Wärmesystems werden. Auch in der kommunalen Wärmeplanung gilt es zu prüfen, wie wir die Wärmenetze der Zukunft gerade im Bereich der Nah- und Fernwärme effizienter gestalten können. Ein Beispiel für ein Start-up, das wir in diesem Bereich unterstützen, ist Zenturio. Sie entwickeln einen digitalen Zwilling für Fernwärmenetze, um deren Effizienz zu steigern und Verluste im Netz zu reduzieren. Das ist ein Bereich, in dem wir großes Potenzial sehen.
Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Das Interview führte Daniel Zugehör
