"Gemessen am Kundenbestand haben wir mit unseren nachhaltigen Vertriebsformen Erfolg", stellte Michael Roelofs, Geschäftsführer, Stadtwerke Troisdorf gleich zu Beginn fest. Am Morgen ging es bei der VKU-Vertriebskonferenz 2021 um "Neue Vertriebskonzepte in Zeiten von Klimawandel und CO2-Bepreisung". Auch die Frage, worauf Kommunalversorger dabei besonders achten müssen, stand im Raum.
Beim Kommunalversorger aus dem Rheinland, so Roelofs, stellt man seit längerem fest, dass eine neue, kritische Generation heranwächst, die wissen will, was in einem "grünen" Produkt drin ist. Seine Schlussfolgerung war daher, dass Energieversorger authentisch nachhaltig handeln müssen. Denn nur so werden sie langfristig auch als nachhaltige Versorger wahrgenommen.
Nachhaltiges Berichtswesen für Finanzierung nutzen
Klaus Seidel, Leiter Business Development, EWE Vertrieb, stimmte dem zu: "Die junge Kundschaft ist aufgeklärt und merkt, wenn etwas nur Greenwashing ist." Allerdings dürfe man bei der Nachhaltigkeit auch das Prinzip der Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht lassen. Denn dies stelle einen wichtigen Eckpfeiler dar.
Große Chancen sah er vor allem bei nachhaltigen Finanzierungsformen. Einzelne Banken seien nicht mehr bereit, in alte Versorgungsstrukturen zu investieren, so Seidel. EWE Vertrieb überlegt daher, wie sich das nachhaltige Berichtswesen nutzen lässt, um für entsprechende Finanzierungsformen in Frage zu kommen.
Wer kann sich den Betrieb von Bädern leisten?
Roelofs stimmte dem zu, hielt jedoch eine Frage entgegen: "Was sind die Kunden bereit, für Nachhaltigkeit auszugeben?" Zudem gehören seiner Ansicht nach auch soziale Aspekte, Vielfalt und Ökonomie zum Konzept nachhaltigen Wirtschaftens.
Viele kommunale Versorger betreiben neben dem Energiegeschäft schließlich auch Parkhäuser, Bäder und andere öffentliche Einrichtungen. Mit diesen verdient man üblicherweise kein Geld. "Und das", so Roelofs weiter, "müssen wir Stadtwerke dann auch kommunizieren." Denn viele Kunden seien durchaus bereit, für diesen Rundum-Service mehr zu zahlen, wenngleich nicht alle.
ÖPNV und Sharing-Anbieter – Wege der Kooperation
Armin Freund, Leiter Verkehrsmanagement, Stadtwerke Remscheid, ging ferner auf den ÖPNV als Aufgabe vieler Kommunalversorger ein. Auch hier vollziehe sich ein Wertewandel. "Früher war der ÖPNV an starre Fahrpläne gebunden. Heute wollen die jüngeren Kunden mehr sharen und flexibel sein. On-Demand-Verkehre sind im Kommen." Viele Kommunalversorger müssten sich bei den Angeboten und Tarifen daher flexibler aufstellen.
Die Stadtwerke arbeiten bei einem Projekt bereits erfolgreich mit der Stadt. Was die Sharing-Angebote betrifft, stünde man auch mit anderen Partnern in Kontakt. "Klar ist, das ist nicht unsere Kernkompetenz. Wir sehen uns in Remscheid aber als Mobilitätsdienstleister Nummer 1. Das heißt nicht, dass wir alles selbst betreiben, aber wir wollen uns um alles kümmern", so Freund.
Was Zertifikate bringen
Dass die Kommunalversorger aber auch an Grenzen stoßen, stellte Roelofs klar. Besonders was die klimaneutrale Eigenerzeugung angehe, stoße man auf Grenzen. "Wir haben nicht mehr viel Potenzial. Wir bestücken die Dächer mit PV – das wäre es schon. Klimaneutralen Strom nur aus eigener Erzeugung werden wir nicht hinkriegen. Daher müssen wir über die Stadtgrenzen hinausgehen."
Zunächst fragen sich die Stadtwerke daher, welche Möglichkeiten im Landkreis bestehen. Aber auch Herkunftsnachweise oder Klimaschutzzertifikate aus dem Ausland seien denkbar. "Die Frage ist aber, wie viel mehr würden Kunden zahlen?", sagte Roelofs weiter. "Welche Leistung wird noch als 'grün' wahrgenommen und wo sind wir bereits im Bereich des 'Greenwashings'?"
CO2-Bepreisung rechtssicher umsetzen
Klaus Seidel ging zuletzt noch auf das Thema CO2-Bepreisung ein: Wie schaffen es Kommunalversorger rechtssicher, die BEHG-Preise in ihr Geschäft einzubeziehen? EWE Vertrieb habe sich entschieden, die CO2-Steuer in alle Verträge einzupreisen. "Das ist eine rechtssichere Lösung. Wir haben das recht frühzeitig gemacht und haben das auch kommunikativ begleitet", so Seidel weiter.
Zuletzt betonte er noch, was bei der Durchführung von nachhaltigen Vertriebsformen aus seiner Sicht entscheidend ist. "Die Unternehmen, vom Management bis zu den Mitarbeitern, aber auch die Kunden, müssen ein nachhaltiges Leitbild verinnerlichen. Dieses muss auch authentisch sein." Denn nur dann könne ein Wertewandel auch gelingen. (jk)



