Mit der Energiewende ändern sich die Kernkompetenzen der Versorger, die sich über Jahrzehnte als profitabel erwiesen haben. Neue Geschäftsideen müssen her. Eine davon könnte die Betriebskostenabrechnung in der Wohnungswirtschaft sein, sagt Sebastian Korstik, Vertriebsleiter der Stadtwerke Essen. Dafür hat der Versorger ein innovatives Tool namens "Kubiks" entwickelt. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, einen Ansturm auf das Produkt gibt es allerdings noch nicht. Über die Vorteile des Tools und die Bedenken der Branche sprach die ZfK mit ihm im Interview.
Vor welchen Herausforderungen steht die Wohnungswirtschaft im Bereich Energiemanagement?
Aus meiner Sicht ist die Wärmewende ein zentrales Thema – sowohl im Neubau als auch im Bestand. Dabei wird deutlich, dass Wohnungswirtschaft und Energie wirtschaft zunehmend zusammenwachsen – nicht nur aus Notwendigkeit, sondern weil sie aktiv aufeinander zugehen. Ein gutes Beispiel ist hier der 24-Stunden-Lieferantenwechsel. Früher ein typisches Thema für Energieversorger, heute betrifft es genauso große Wohnungsunternehmen. Hier zeigt sich, wie stark beide Bereiche heute verzahnt sind.
Was hat sich noch geändert?
Noch vor einigen Jahren gab es punktuelle Kooperationen – etwa beim Heizungstausch oder in Neubauten. Heute geht es um ganzheitliche Konzepte wie kommunale Wärmeplanungen. Auch die Wohnungswirtschaft agiert strategischer: Sie schaut nicht mehr nur auf Einzelobjekte, sondern auf ihr gesamtes Portfolio.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir planen in einem Gebiet den Bau eines Wärmenetzes, gleichzeitig möchte ein Wohnungsunternehmen dort dezentrale Wärmepumpen einsetzen. Ohne frühzeitige Abstimmung entstehen Lock-in-Effekte – also Investitionen, die später als Fehlentscheidungen bereut werden könnten. Solche Situationen gilt es zu vermeiden.

Sie haben mit "KUBIKS" ein neues Energiemanagement entwickelt. Welche Motivation steckt dahinter?
Kubiks entstand aus der Idee, durch unterjährige Verbrauchsinformationen Transparenz zu schaffen und Bewohnerinnen und Bewohner für ihren Energieverbrauch zu sensibilisieren. Daraus entwickelte sich eine modulare Plattform, die heute weit mehr leistet: von der Verbrauchserfassung über ESG-Reporting bis hin zur technischen Steuerung von Anlagen.
Wir haben Kubiks gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft entwickelt – über alle Ebenen hinweg: Software, Hardware und Anwendung. Unser Fokus liegt hierbei nicht auf klassischer Stromversorgung, sondern auf der Heiz- und Betriebskostenabrechnung, kombiniert mit Contracting. Das war der ideale Ausgangspunkt für eine zukunftsfähige Plattform. Ansätze wie "Walter hilft" von den Stadtwerken Troisdorf ähneln unserem. Was uns im Vergleich dazu aber besonders macht, ist die Tiefe der Integration – vom Portal bis zum Alltag der Hausverwalter. Technisch könnten wir selbst Hausverwalter werden. Aktuell wollen wir diesen Schritt aber nicht gehen.
"Durch die Energieversorgung der Zähler ist Echtzeiterfassung möglich, was uns gegenüber anderen Anbietern einen Vorsprung verschafft."
Wie funktioniert das konkret und welche typischen Anwendungsfälle gibt es?
Kubiks erfasst Daten von Hauptzählern für Strom, Gas, Wasser und Wärme im Keller und integriert dabei Submeteringgeräte in den Wohnungen. Alle Daten werden zentral visualisiert und stehen für Abrechnungen zur Verfügung – ohne manuelles Ablesen. Durch die Energieversorgung der Zähler ist Echtzeiterfassung möglich, was uns gegenüber vielen anderen Anbietern einen Vorsprung verschafft.
Typische Anwendungen reichen von der erwähnten Echtzeit-Datenvisualisierung aller Zählerarten, über PV-Monitoring auf den Dächern und CO₂-Reporting bis zu Frühwarnsystemen wie bei Rauchmeldern sowie der digitalen Verwaltung als Service für die Hausverwalter.
An wen richtet sich die Plattform?
Sie ist besonders für kleinere Hausverwaltungen, Wohnungsgesellschaften und Eigentümergemeinschaften gut geeignet. Diese können damit ihre gesamte Liegenschaft verwalten – inklusive vieler Optionen wie Onlinebanking, Handwerkerkoordination, Messenger-Diensten und digitaler Übergabeprotokolle. Wir möchten zentraler Ansprechpartner für die Digitalisierung von Zählern, Abrechnung, Visualisierung, Steuerung und Verwaltung sein – alles aus einer Hand, größtenteils vom Nutzer selbst bedienbar.
Ein weiterer Anwendungsfall ist das Leerstandsmanagement. Die Anmeldung von Leerständen ist oft aufwendig. Mit unserer Lösung läuft das digital in drei Schritten – vom Zwischenverbraucherwechsel bis zur automatischen Abmeldung. Abrechnungen erfolgen pauschal oder gebündelt – statt dutzender Nullrechnungen.
Voraussetzung für Kubiks ist der Zugang zu den Zählern. Dabei sind die Stadtwerke Essen kein Stromgrundversorger oder Stromnetzbetreiber. Wie gelangen Sie in die Keller?
Unter anderem über die Gaszähler. Im Gasbereich sind wir sowohl Grundversorger als auch Netzbetreiber und somit grundzuständiger Messstellenbetreiber. Daher haben wir direkten Zugriff auf die Hauptzähler. Dieser ist entscheidend, weil nur damit echte Verbrauchsdaten generiert werden. Heizkostenverteiler erfassen keine Kubikmeter oder Kilowattstunden, sondern nur Punkte. Erst mit dem Hauptzähler können wir zum Beispiel zeigen, ob das Schlafzimmer 20 Prozent des Verbrauchs verursacht – ein Hinweis auf Fehlfunktionen.
Unsere Lösung ist dabei, sogenannte Impulsadapter am Zähler anzubringen, die per Funk oder Kabel Daten an ein Gateway senden. Im Strombereich sind wir als wettbewerblicher Messstellenbetreiber aktiv und könnten dort ebenfalls Zählerdaten über unsere Infrastruktur erfassen. Das Gateway enthält ein Controllable Local System, kurz CLS, zur sicheren, BSI-konformen Datenübertragung. Bei größeren Projekten arbeiten wir meist mit Partnern zusammen. Auch Wasser- und Wärmemengenzähler können problemlos integriert werden – unser Gateway unterstützt mehrere Protokolle.
Sie bieten das System auch als White Label an. Wie ist die Nachfrage derzeit?
Als potenzielle Interessenten haben wir zwei Zielgruppen identifiziert: Zum einen ist es die Wohnungswirtschaft in Essen – unser Kernmarkt, in dem wir enge Kontakte und Vertrauen aufgebaut haben. Zum anderen sind es aber insbesondere auch externe Stadtwerke und andere Energieversorger – hier sehen wir uns als Enabler, nicht als Konkurrenten. Denn niemand kennt die lokale Wohnungswirtschaft besser als das jeweilige Stadtwerk. Wir haben unser System über fünf Jahre entwickelt. Es wäre ineffizient, wenn jedes Stadtwerk das von Grund auf neu aufbauen müsste. Die Reaktionen auf Messen wie der Energiefachmesse E-World 2025 waren durchweg positiv – von "echter Innovation" bis "mutig und zukunftsweisend". Erfreulicherweise sind wir auch mit gut einem Dutzend anderer EVUs über Kubiks in Gesprächen und freuen uns darauf, darunter auch bald einen konkreten White-Label-Partner zu finden.
Welche Hürden haben Sie dabei bisher identifiziert?
Viele Unternehmen sind bei neuen Geschäftsmodellen verständlicherweise zunächst zurückhaltend. Themen wie Mieterstrom oder Wärmepumpen haben aktuell höhere Priorität. Einigen fehlt bislang auch die organisatorische Infrastruktur zur Umsetzung solcher Modelle.
"Das System ist langfristig tragfähig."
Trägt sich das System inzwischen wirtschaftlich?
Ja, das System ist langfristig tragfähig – sonst hätten wir es nicht gestartet. Natürlich mussten wir intern den Business Case genau durchrechnen und begründen, auch ohne White-Label-Partner.
Hatten Sie erwartet, dass andere Unternehmen bei digitalen Projekten eher zögerlich agieren?
Das ist immer unterschiedlich. Bei unseren eigenen Kunden aus der Wohnungswirtschaft können wir den Bedarf gut einschätzen. Bei anderen Unternehmen ist das schwieriger – Nähe und Einblick fehlen oft. Bisher gab es nur technische Kooperationen, keine gemeinsamen Produktentwicklungen. Wir sind offen für Partnerschaften. Wir wollen niemandem die gesamte Wertschöpfungskette aufzwingen, sondern bieten flexible Einstiege – vergleichbar mit einem Reihenhaus, bei dem der Erste den Grundriss vorgibt.
Warum übernehmen Sie nicht selbst Hausverwaltungen?
Da gilt es, vieles sorgfältig zu betrachten wie zum Beispiel organisatorische Rahmenbedingungen oder auch den personellen Aufwand. Sicher ist, dass in Zukunft auch für die Stadtwerke viele neue digitale Geschäftsfelder dazu kommen und wir uns als Stadtwerke Essen hier flexibel aufstellen werden.
Das Interview führten Daniel Zugehör und Artjom Maksimenko


