Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze noch das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, denn dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen.
Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren(at)zfk(dot)de.
Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits neun Beiträge erschienen (darunter fünf Fachbeiträge zur neuen Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0). Sämtliche bisher erschienene Artikel finden Sie hier. In der neuesten Folge geht es ins saarländische Völklingen. In seinem Gastbeitrag spricht Sascha Bös, Geschäftsführer der Stadtwerke Völklingen Netz, unter anderem über die Potenziale grüner Gase und die Bausteine einer künftigen Wärmestrategie.
Gastbeitrag von
Sascha Bös,
Geschäftsführer
Stadtwerke Völklingen Netz
Die Wärmewende ist eine der zentralen Stellschrauben der deutschen Energiewende. Für eine Stadt wie Völklingen im Saarland, die stark industriell geprägt ist und deren Stadtgebiet sich weitläufig bis an die französische Grenze erstreckt, stellt sie eine doppelte Herausforderung dar: Einerseits muss der Wärmebedarf einer Bevölkerung von rund 40.000 Menschen zuverlässig, klimafreundlich und bezahlbar gedeckt werden. Andererseits gilt es, den hohen Energiebedarf der Industrie zu berücksichtigen und in künftige Wärme- und Netzstrategien einzubinden.
Als Stadtwerke Völklingen Netz wissen wir, dass die Wärmewende nur dezentral und in enger Abstimmung mit allen Akteuren vor Ort gelingen kann. Es geht nicht nur um technische Fragen, sondern auch um klare rechtliche Rahmenbedingungen und vor allem um tragfähige Finanzierungsmodelle.
Aktuelle Situation: Erdgas und Fernwärme als Doppelbasis
Die derzeitige Wärmeversorgung in Völklingen stützt sich auf zwei tragende Säulen: Erdgas und Fernwärme. Das Gasnetz befindet sich vollständig im Eigentum der Stadtwerke und wird auch von uns betrieben. Parallel dazu versorgt der Fernwärmeverbund Saar (FVS), eine Tochter der Iqony, Teile der Stadt. In enger Kooperation übernehmen wir dabei die Rolle des Bindeglieds zwischen Wärmeerzeugung und Endkundschaft: Der FVS betreibt das Netz, wir sichern den direkten Kundenkontakt und die Abwicklung.
Darüber hinaus betreiben wir selbst eine kleine Nahwärmeinsel, die als lokales, effizientes Wärmenetz eine wichtige Ergänzung darstellt. Solche Projekte können in Zukunft eine wichtige Ergänzung sein, um Versorgungssicherheit vor Ort zu stärken und die Abhängigkeit von fossilen Energien zu verringern. Parallel dazu unterstützen wir mit unseren eigenen Mess- und Abrechnungsleistungen den Betrieb dezentraler Wärmedirektservice-Anlagen, beispielsweise auf Basis von Wärmepumpentechnologie.
Ein zentrales Steuerungsinstrument für die Gestaltung der künftigen Wärmeversorgung ist die kommunale Wärmeplanung (KWP). Völklingen hatte bereits 2023 einen Antrag gestellt, um vorzeitig mit der Erstellung zu beginnen. Nach einer anfänglichen Ablehnung stehen seit Inkrafttreten des Wärmeplanungsumsetzungsgesetzes (WPUG) Ende 2024 nun die erforderlichen Fördermittel bereit. Wir begleiten die Stadt dabei beratend und planend. Die erste Phase – die Bestandsanalyse – soll nach Auswahl eines externen Partners zeitnah starten. Durch diesen Prozess finden wir hoffentlich konkrete Ansätze und Ideen. Der politische Wille, Deutschland bis 2045 klimaneutral aufzustellen, ist klar. Die KWP wird die Basis für eine langfristige Wärmewendestrategie bilden, in die wir unsere praktischen Erfahrungen mit Projekten wie der Nahwärmeinsel direkt einbringen können.
Bausteine einer künftigen Wärmestrategie
Aus unserer Sicht ist jetzt schon klar: Die künftige Wärmeversorgung in Völklingen wird ein Mosaik verschiedener Lösungen sein. Eine Schlüsselrolle spielt die Nutzung industrieller Abwärme – ein Potenzial, das aufgrund der energieintensiven Industrie in der Region besonders hoch ist. Für die Innenstadt und angrenzende Ortsteile sehen wir eine Verdichtung der Fernwärmeversorgung als wahrscheinlich. In den weitläufigeren Außenbezirken werden hingegen dezentrale Systeme wie Wärmepumpen oder zusätzliche Nahwärmeinseln eine größere Bedeutung erhalten. Unsere Aufgabe als Stadtwerk ist es, hier Antworten und Lösungen für die Kunden zu finden – etwa, wenn ihre aktuelle Gasheizung ausgetauscht werden muss.
Auch grüne Gase können möglicherweise perspektivisch einen Beitrag leisten – als Bio-Erdgas oder Wasserstoffbeimischungen. Derzeit sind jedoch weder ausreichende Mengen noch wettbewerbsfähige Preise verfügbar. In der Industrie kann Wasserstoff ein unverzichtbarer Grundstoff werden, etwa für Hochtemperaturprozesse. Für private Haushalte dagegen ist er aufgrund technischer Komplexität, Kosten und fehlender Infrastruktur mittelfristig aus unserer Sicht keine realistische Option.
Gebietsanalysen im Netz und Technologieoffenheit
Bislang hat es in Völklingen nur vereinzelt Stilllegungen von Gasanschlüssen gegeben, etwa durch den Umstieg einzelner Verbraucher auf Wärmepumpen. Flächendeckende Rückbauten ganzer Netzabschnitte wurden noch nicht vorgenommen. Gleichwohl ist absehbar, dass fossiles Erdgas mittelfristig ausläuft. Uns ist es deshalb wichtig, unser Gasnetz zukunftssicher zu gestalten und so langfristig einen wertvollen Beitrag zur Energiewende zu leisten.
Der wichtigste Punkt ist die technische Erhaltung der Netze. Dazu müssen auch Aspekte wie Gebietsanalysen (potenzielle Kunden, Industriebedarf, potenzielle andere Wärmequellen) und Technologieoffenheit (etwa die H2-Readiness einzelner Strecken) berücksichtigt werden. Dabei wollen wir das Netz so auslegen, dass es unter möglichst unterschiedlichen Rahmenbedingungen funktionsfähig bleibt – sei es bei technischen, wirtschaftlichen oder regulatorischen Veränderungen.
Herausforderungen: Finanzierung, Technik und Politik
Die Wärmewende ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein jahrzehntelanger Prozess. Die größten Herausforderungen für uns als kommunales Unternehmen liegen in der Finanzierung, in der technologischen Umsetzung – und in der Anpassung an die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen. Wärmenetze, Nahwärmeinseln und Speichertechnologien erfordern hohe Investitionen.
Selbst bei guter Förderkulisse bleibt die Kostenfrage entscheidend. Denn letztlich zahlen die Endkunden. Umso wichtiger ist es, effiziente, technisch tragfähige und langfristig planbare Versorgungslösungen zu entwickeln, die sowohl Investitions- als auch Betriebskosten optimieren. Lokale Wärmeinseln könnten bei uns in Völklingen eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus braucht es aber auch externe Wärmeproduzenten, die kosteneffiziente, skalierbare und erneuerbare Wärmeerzeugungstechnologien bereitstellen. Dabei sollten bestehende Potenziale – etwa industrielle Abwärme – deutlich stärker genutzt werden.
Forschungsprojekt hilft, Investitionen zu priorisieren
Wir sehen uns bei der Wärmewende in Deutschland mit einer Vielzahl möglicher Technologien konfrontiert – von Wärmepumpen über KWK-Anlagen bis hin zu Power-to-Heat-Konzepten. Jede Lösung muss regional passen und zukunftsoffen sein. Unsere Aufgabe als Versorger ist es, für unser Gebiet Konzepte zu entwickeln, die auch bei veränderten politischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen Bestand haben. Darum engagieren wir uns seit Jahren in Forschungsprojekten. Im Projekt "Zellnetz2050" zum Beispiel werden zellulare Energienetzstrukturen simuliert, die Strom-, Wärme- und Gasnetze koppeln und eine flexible, resiliente Versorgung ermöglichen und die erzeugte Energie so möglichst lokal und damit kostengünstig nutzen. Diese Forschungsergebnisse können uns dann als Basis dienen, um zielgerichtete Investitionen in die Zukunft ableiten und priorisieren zu können.
Die Finanzierung der gesamten Transformation ist schließlich eine Mammutaufgabe. Verlässliche Rahmenbedingungen sind auf dem Weg in die Wärmezukunft unverzichtbar. Die letzten Jahre waren von wechselnden Vorgaben geprägt – das verunsichert Investoren und Kommunen gleichermaßen. Wir brauchen klare Leitplanken: für Stilllegungen, für den künftigen Einsatz grüner Gase, für Investitionsentscheidungen. Besonders wichtig ist eine langfristige Förderarchitektur, die sich nicht an Legislaturperioden orientiert, sondern an den Lebenszyklen von Netzinfrastrukturen. Die Wärmewende darf nicht idealpolitisch getrieben sein. Sie muss vor Ort pragmatisch gedacht und effizient umgesetzt werden – damit Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit Hand in Hand gehen.


