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Die Frage des Alleinstellungsmerkmals als Energieversorger treibt die Branche um: Der Markt wird in Anbetracht zahlreicher Privatanbieter und Online-Dienstleister dichter und die Dringlichkeit an zukunftsfähigen Geschäftsmodellen wächst. Wie können sich Stadtwerke und klassische Versorger gegen Startups, Sharing oder Floating-Modelle durchsetzen? Gar nicht – stattdessen kann die Investition in die jungen Wilden lohnen, um sich in der digitalen Welt als Marke breiter aufzustellen. Das zeigt zumindest die Erfahrung von EWE auf der SZ-Impulstagung „Smart, Digital, Vernetzt“ in Berlin.

Als einer der größten deutschen Kommunalunternehmen fokussiert EWE seit Jahren den Ausbau „digitaler Geschäftsmodelle“. Für Christian Arnold, Leiter Business Innovation ist das auch dringend nötig: Ein vertikales Geschäftskonzept bei dem alle Leistungen unter einer Marke offline vertrieben werden, sei in fünf bis zehn Jahren ein Auslaufmodell. Ein breites Portfolio an Marken und Dienstleistungen im Online-Geschäft sei entscheidend für die Zukunft der Versorger. EWE will deshalb eine Offensive an Investitionen starten. 30 bis 40 Beteiligungen strebt das Unternehmen an, zwei „digitale“ Geschäftspartner waren auf dem Impulstag zu Gast.

Wissenstransfer schafft Win-Win für Versorger und Startups

„WirvonHier“ und „Eigensonne“ profitieren nicht nur vom Finanzkapital des Versorgers, sondern im Kontext der strategischen Ausrichtung von EWE werden die zwei Berliner Startups auch beraten und mit Know-how aus dem „Heimatmarkt“ von EWE unterstützt. Das Kommunalunternehmen wiederum profitiert von den digitalen Kompetenzen der jungen Unternehmen. 

„WirvonHier“ ist ein Online-Nachbarschaftsnetzwerk. Dabei geht es um die Vernetzung von Nachbarn, um Anliegen und Interessen als Community besser voranbringen zu können.  „Eigensonne“ hat sich hingegen mehr Transparenz im Handel mit PV-Anlagen auf die Fahnen geschrieben. Gründer und Geschäftsführer Moritz Hau will die „smarte, saubere Energie demokratisieren“.  Egal ob Großkonzern oder Kleinanbieter, sämtliche PV-Hersteller sollen den gleichen Zugang zur Online-Plattform haben. So sollen Kunden verschiedenste Angebote auf einer Seite vergleichen können und sofort einen Überblick über Preise, Leistungen und technische Details bekommen.

Beide Unternehmen stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere, erst vor wenigen Monaten brachten die jeweiligen Gründer ihre Idee auf den Markt. Dennoch wird EWE schon jetzt als digitale Marke repräsentiert, wenn auch nur indirekt durch ihre Beteiligung an den Startups. Das Kommunalunternehmen zielt dabei auf eine neue Markenbildung ab, die mehr Emotionalität beim Verbraucher weckt. Stadtwerke und Versorger wären zwar eine „trusted Brand“, müssten jedoch stärker als Partner der Region wahrgenommen werden. Netzwerke wie „WirvonHier“ bieten hierfür genau die richtige Schnittstelle.

Emotionsorientieres Branding, statt reine Datensammlung

Bei der Beteiligung an digitalen Geschäftsmodellen ginge es also nicht nur um Datengewinnung und daraus resultierendes kundenorientiertes Marketing. Vielmehr will EWE die Nähe zum Kunden aus dem Offlinebereich in das digitale Zeitalter transformieren und auf die Ansprüche des Verbrauchers in einer digitalen Welt reagieren. Interessen die in der Online-Nachbarschaftscommunity von „WirvonHier“ geäußert werden, können vom Energieversorger angepackt und das eigene Image weiter ausgebaut werden. Die Zusammenarbeit mit „Eigesonne“ zeigt Kundenbedürfnisse beim Anlagenkauf auf und führt zu einer einfacheren, schnelleren Abwicklung von Käufen an denen EWE wiederum beteiligt ist.

Auch wenn sich die Beteiligung aus finanzieller Sicht aktuell noch nicht für den Versorger lohnt, einen Fuß auf den digitalen Märken hat EWE in der Tür und rechnet damit in den nächsten Jahren 40 bis 50 Mio. Euro Ertrag mit diesen und ähnlichen Geschäftsmodellen zu machen. (ls)

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