Digitalisierung wird als größte Herausforderung der Versorgungsbranche gesehen – nicht nur in Deutschland. Jedes fünfte Unternehmen hier fühlt sich allerdings trotz hoher Investitionen sehr schlecht vorbereitet. Das ist das Ergebnis der Branchenstudie "State of Utility 2026" des Softwareanbieters Lime Technologies, welches der ZFK exklusiv vorab vorliegt.
Für den Report wurden Branchenexpertinnen und -experten aus Deutschland, Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen befragt. In den nächsten drei Jahren sehen sie Digitalisierung (27 Prozent), Regulierung (20 Prozent) und Kundenbeziehungen (14 Prozent) als die größten Baustellen für ihre Unternehmen. Dass die Digitalisierung dabei deutlich vor Regulierung liegt, zeigt, wie sehr operative Prozesse und IT-Strukturen derzeit unter Druck stehen.
Deutschland besonders selbstkritisch bei der Digitalisierung
Die Versorgungsunternehmen in Norwegen und Finnland fühlen sich auf die angesprochenen Herausforderungen am besten vorbereitet, während Schweden und Dänemark selbstkritischer sind. Deutschland sticht mit 13 Prozent heraus, die mit "überhaupt nicht vorbereitet" antworten.
"In meiner Erfahrung hinken die deutschen Unternehmen bei der Digitalisierung allerdings gar nicht so weit hinterher, wie oft behauptet wird", erklärt Svante Holm, Energiewirtschaftsexperte und Sales Manager für Utility bei Lime Technologies. Viele ERP-Systeme seien etwas älter als in Skandinavien, aber riesige Unterschiede würde er nicht feststellen. "Das Wichtigste ist das Investieren in Digitalisierung und hier sehen wir in Deutschland durchaus Ambitionen."

Das Wichtigste ist das Investieren in Digitalisierung und hier sehen wir in Deutschland durchaus Ambitionen.
Svante Holm
Sales Manager für Utility bei Lime Technologies
Digitalisierung ist laut Report in Deutschland der Bereich, in den Versorger am meisten investieren. Sie bleibt für die Versorger aber auch ein täglicher Pain Point: Den größten Frustrationsfaktor und auch das größte Entwicklungshemmnis sehen sie in den technologischen Herausforderungen.
Deutsche lieben Daten – können sie aber noch nicht gut im Unternehmen teilen
Die deutschen Versorger geben an, bereits stark datengetrieben Entscheidungen zu treffen. 83 Prozent antworteten auf die Frage "Wie gut werden Daten Ihres Unternehmens derzeit zur Entscheidungsfindung genutzt?" mit "sehr gut". Auch die Norweger sehen sich als sehr datengetrieben an.
"Die Antwort könnte teilweise kulturell bedingt sein – vielleicht gibt es eine größere Gewohnheit, sich auf Daten zu verlassen statt auf Gefühle, Meinungen oder Konsens", so Holm. Es könnte auch eine Frage der Tools sein: Die beiden Länder verfügen möglicherweise über fortschrittlichere digitale Systeme, die es einfacher machen, Berichte zu generieren, auf denen Entscheidungen basieren können.
Deutlich kritischer bewerten die Deutschen allerdings den Austausch von Daten zwischen den Abteilungen. Dieser wird bei vier von zehn Befragten als "schlecht" eingestuft. Warum erklärt Rune Riepshoff aus Vertrieb und Beschaffung bei den Stadtwerke Witten in dem Report: "Der Datenaustausch ist derzeit recht komplex, da Daten in mehreren Systemen gespeichert sind." Ein Teil davon sei synchronisiert, aber es gebe auch isolierte Lösungen, bei denen kein Austausch stattfindet, was zu Informationslücken führt. In anderen Fällen müssten Mitarbeiter erheblichen manuellen Aufwand betreiben, um auf alle relevanten Informationen zuzugreifen.
Auch die Kunden sollen zufrieden sein
Die meisten Versorgungsunternehmen urteilen generell sehr positiv über ihre Fähigkeit, Kundenerwartungen in den nächsten fünf Jahren erfüllen zu können. Norwegen sticht hier als besonders optimistisch heraus, was laut den Studienautoren starke digitale Grundlagen, einen klaren Fokus auf das Kundenerlebnis und eine hohe Anpassungsfähigkeit widerspiegeln könnte.
Deutschland hingegen zeigt einen vorsichtigeren Optimismus: Während die meisten deutschen Unternehmen erwarten, ziemlich gut abzuschneiden, wählte keiner "sehr gut". Das deute darauf hin, dass deutsche Unternehmen sich Herausforderungen bewusst sind – regulatorisch wie betrieblich.
"Für mich zeigt der Branchenreport klar, dass wir sehr ähnliche Herausforderungen in den verschiedenen Ländern haben", sagt Holm. "Die Versorgungsbranche ist mitten in ihrer digitalen Transformation." Digitalisierung sei sowohl die größte Herausforderung als auch der wichtigste Investitionsbereich und damit der zentrale Hebel für die Zukunftsfähigkeit der Versorgungsbranche.



