Der Preiskampf um Flüssigerdgas ist in den vergangenen Tagen deutlich intensiver geworden.

Der Preiskampf um Flüssigerdgas ist in den vergangenen Tagen deutlich intensiver geworden.

Bild: © Wojciech Wrzesień/AdobeStock

Eine modellbasierte Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat untersucht, ob EU-Länder einen Lieferausfall von russischem Erdgas kompensieren könnten. Das Ergebnis ist eindeutig: Selbst wenn Gasnachfrage bis 2030 hoch bliebe, wäre der Verzicht auf russisches Erdgas möglich.

Als Ersatz für die benötigten Gasmengen kommen Pipelineimporte aus anderen Ländern sowie LNG-Importe in Fragen, und zwar ohne Ausbau der Infrastruktur.

FNB Gas: entspannter Winter

Durch den vergangenen Winter kam Europa deutlich entspannter als noch durch den Winter 2022/2023, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine für eine Krisensituation sorgte. Milde Temperaturen sorgten für einen vergleichsweise geringen Absatz, die Konsolidierung der diversifizierten Importrouten und hohe Speicherfüllstände für zusätzliche Sicherheit.

Ebenfalls positiv wirkte sich die milde Witterung aus, sowie weitere Gaseinsparungen im Wärmemarkt und in der Industrie.

"Die Gasversorgung konnte ohne große Hindernisse stabil und zuverlässig gewährleistet werden", resümierte Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB Gas), Thomas Gößmann, im Winterrückblick 2023/2024.

Diversifizierte Importrouten

Über die diversifizierten Importrouten konnte der Erdgasbedarf problemlos gedeckt werden, heißt es in der Analyse des FNB Gas. Neben weiterhin großen Liefermengen aus Norwegen wurden auch die westlichen Einspeisungen, insbesondere aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich fortgesetzt, wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau als im Winter zuvor. Darüber hinaus importierte Deutschland weiteres Gas über die drei heimischen LNG-Terminals.

Diese Entwicklungen führten auch dazu, dass die Großhandelspreise im Vergleich zum Vorjahr wieder deutlich gesunken sind. Auch der Regelenergiebedarf normalisierte sich wieder. Zudem lagen die Speicherfüllstände jederzeit über den gesetzlich geforderten Mindestwerten, sodass die FNB auch Hochlastsituationen während einer Kältewelle hätten bewältigen können.

Noch hoher Anteil von russischem LNG

Offenbar war die Versorgungssituation im vergangenen Winter so entspannt, dass ein Verzicht auf russische LNG-Importe möglich erscheint. Im Januar 2024 hat die EU fast 20 Prozent ihrer Lieferungen von verflüssigtem Erdgas aus Russland bezogen. Die größten Abnehmer waren dabei Spanien, Frankreich und Belgien.

Die Gasversorgung in der EU ist auch langfristig ohne den Import von russischem Gas gewährleistet, betonen nun die Experten des DIW Berlin. Die Versorgungssicherheit stehe also weiteren EU-Sanktionen gegen Russland nicht im Weg. Die DIW-Ökonominnen Franziska Holz und Claudia Kemfert aus der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt haben dazu gemeinsam mit Kollegen der Technischen Universität Berlin, Lukas Barner und Christian von Hirschhausen, langfristige Berechnungen mit dem Global-Gas-Modell vorgenommen.

Dazu haben die Wissenschaftler zwei Nachfrageszenarien entwickelt und analysiert. Ein Szenario mit einer langsam rückläufigen und ein anderes mit einer schnell sinkenden Erdgasnachfrage. Beide Nachfrageszenarien waren mit drei Angebotsszenarien kombiniert: Importe aus Russland wie derzeit, Importe aus Russland wie vor dem Kriegsjahr 2022 und ganz ohne russische Importe, beispielsweise wenn die EU Sanktionen verhängen sollte.

DIW: Weg frei für EU-Sanktionen?

Zwar importiert die EU seit dem russischen Angriff auf die Ukraine bereits nur noch rund ein Viertel der ursprünglichen Menge aus Russland, dennoch bleibt das Land Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) in die EU und hat auch noch einige EU-Länder Mittel- und Osteuropas energiepolitisch im Griff. "EU-weit deckt Russland derzeit noch rund 14 Prozent der Erdgasnachfrage. Doch Deutschland und Europa kämen in den kommenden Jahrzehnten auch ohne Importe aus Russland aus, selbst die stark von russischem Erdgas abhängigen Länder wie Österreich und Ungarn", sagte Franziska Holz.

Den Verzicht auf russisches LNG würden durch norwegische und US-Lieferungen gedeckt. Aber auch Länder wie Algerien, Katar, Nigeria und Aserbaidschan würden den Wegfall des russischen Erdgases ersetzen ‒ selbst dann, wenn die Nachfrage in der EU nicht so schnell wie geplant sinken würde.

LNG-Infrastruktur überdimensioniert

Dabei sei ein zusätzlicher Ausbau der LNG-Infrastruktur nicht notwendig, behauptet das DIW. Denn der bereits geplante LNG-Ausbau sei überdimensioniert. Wenn die fünf Milliarden Kubikmeter LNG entfielen, die die EU derzeit pro Quartal noch aus Russland bezieht, könnten diese Importe aber in fast allen Szenarien ohne die derzeit in Planung befindlichen Ausbauten auskommen. Lediglich in einem Extrem-Szenario müssten die vorhandenen LNG-Kapazitäten in der EU leicht erweitert werden, konkret in Italien und Kroatien. "Der derzeit geplante Ausbau an LNG-Importterminals ist stark überdimensioniert", so Studienautor Christian von Hirschhausen. (am)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper