"Wir hätten uns im ersten Jahr unserer Verantwortung andere Zahlen gewünscht": 
Die Geschäftsführung der Stadtwerke Neumünster, bestehend aus Thomas Junker (links) und Timo Schmelzle, ist erst seit Januar 2017 im Amt und musste erst einmal eine interne Restrukturierung einleiten.

"Wir hätten uns im ersten Jahr unserer Verantwortung andere Zahlen gewünscht": Die Geschäftsführung der Stadtwerke Neumünster, bestehend aus Thomas Junker (links) und Timo Schmelzle, ist erst seit Januar 2017 im Amt und musste erst einmal eine interne Restrukturierung einleiten.

Bild: © Stadtwerke Neumünster

Wegen enormen Planabweichungen in der Telekommunikationssparte und Fehleinschätzungen bei der Beschaffung müssen die Stadtwerke Neumünster für das vergangene Geschäftsjahr 2017 tiefrote Zahlen ausweisen. Die Verluste des stadteigenen Konzerns fallen deutlich höher aus als im Wirtschaftsplan der Stadt prognostiziert und summieren sich auf rund 5,5 Mio. Euro, im Vorjahr hatte das Unternehmen noch ein positives Ergebnis nach Steuern von 3,5 Mio. Euro erwirtschaftet.

Glafaserasubau: Bauboom hat etliche Maßnahmen verzögert

Hauptursache sind Planabweichungen im Baugeschäft in der noch relativ jungen Telekommunikationssparte in Höhe von 5,1 Mio. Euro. Der Bauboom treibe die Kosten in die Höhe, habe aber auch etliche Maßnahmen verzögert. Bereits akquirierte Kunden konnten nicht wie geplant den Anbieter wechseln. Schlimmer als den eigentlichen Ergebniseinbruch im Telekommunikationsbereich bewerten die beiden Geschäftsführer aber, dass die Ursachen hierfür intern erst spät und nur durch hartnäckiges Nachfragen in vollem Umfang sichtbar wurden.

"Unterschiedliche Auffassungen von Verantwortlichkeiten"

"Unklare Prozesse, eine sparsame Dokumentation, Sonderregelungen, unterschiedliche Auffassungen von Verantwortlichkeiten und ein für heutige Verhältnisse unzureichendes Risikomanagement haben dazu geführt, dass das ganze Ausmaß der Misere nur scheibchenweise ans Licht kam und wir nicht früher gegensteuern konnten", erläutert kaufmännische Geschäftsführer Timo Schmelzle. Er bildet gemeinsam mit dem technischen Geschäftsführer Thomas Junker seit Januar 2017 das neue Führungsduo der SWN.

"Es fehlten Rückstellungen"

Im Februar diesen Jahres seien zusätzliche Baukosten von rund vier Mio. Euro bekannt geworden, die in den kaufmännischen Systemen nicht enthalten waren. "Es fehlten beispielsweise Rückstellungen, die hierfür gebildet werden müssen", erklärt Schmelzle. Die SWN-Geschäftsführer haben deshalb eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingeschaltet. Die Wirtschaftsprüfer bestätigten ihre Einschätzung, dass die Unternehmenssteuerung nachjustiert werden muss. Personelle Konsequenzen wurden daraus bereits gezogen.

Erste Signale bereits im Mai 2017

Erste Signale über Planabweichungen hatte es bereits im Mai 2017 gegeben, seit Herbst vergangenen Jahres wird der Telekommunikationsbereich unter neuer Leitung umgebaut, der Vorgänger hatte das Unternehmen im Sommer 2017 verlassen. "Wir haben die Finger früh in die Wunde gelegt", sagt Schmelzle, der sich gemeinsam mit seinem Geschäftsführungskollegen Junker mit einigen Altlasten aus der Vergangenheit konfrontiert sieht. Jetzt richte man die kaufmännische Steuerung und Controlling neu aus und schärfe die Verantwortlichkeiten nach, heißt es.

Bauverzögerungen: "Das ist ein Teufelskreis"

Die Stadtwerke Neumünster sind 2009 in den Glasfaserausbau eingestiegen. Das Netz umfasst eine Länge von rund 3000 Kilometern. Im Vertrieb ist die SWN-Telekommunikationssparte  mit knapp 37000 Privat- und Geschäftsfkunden sehr erfolgreich. Die SWN bauen die Glasfasernetze und verkaufen sie nach Fertigstellung an die Zweckverbände. Von denen pachten sie anschließend die Infrastruktur und betreiben diese. Durch die Bauverzögerungen verringerten sich auch die Erlöse aus dem Netzbetrieb und den Telekommunikationsdienstleistungen, die die Stadtwerke anbieten. "Das ist ein Teufelskreis", so Geschäftsführer Thomas Junker.

Grundsätzlich werde man am Telekommunikationsbereich festhalten, versichert Junker auf ZfK-Anfrage. "Wir sind überzeugt, dass wir diesen Bereich wieder auf Kurs bringen werden", sagt er.  Beim Glasfaserausbau habe die SWN der enorme Anstieg der Baukosten stark getroffen. Diesen Effekt spürten auch kommunale Unternehmen in anderen Bundesländern.

Trendwende am Beschaffungsmarkt zu spät erkannt

Die zweite wesentliche Ursache für den Ergebniseinbruch der SWN sind Verluste von 0,1 Mio. Euro in der Strombeschaffung, ursprünglich hatte man dort ein Plus von zwei Mio. Euro erwartet. Der kalkulierte durchschnittliche Beschaffungspreis wurde um rund fünf Prozent überschritten. "Die Stadtwerke Neumünster sind mit ihrer eher risikobereiten Beschaffungsstrategie über viele Jahre sehr gut gefahren", so Timo Schmelzle. Als die Preise an den Handelsplätzen dann jedoch wieder anzogen, habe man den Großteil des Strombedarfs der Kunden zu den höheren Preisen einkaufen müssen. Daher resultiere das Minus.

"Defizit signalisiert den Wendepunkt"

Inzwischen haben die SWN ihre Strategie beim Stromeinkauf umgestellt. Die Preisrisiken werden jetzt dadurch minimiert, dass die Strommengen vermehrt in Teilmengen mittel- und langfristig und so nur noch zu einem Bruchteil kurzfristig decken müssen. Die Rückkehr des zu 100 Prozent kommunalen Konzerns in die schwarzen Zahlen soll durch eine neuen Gesamtstrategie erreicht werden. "Das Defizit signalisiert deen Wendepunkt der Stadtwerke", sagt Timo Schmelzle.

Stadt stärkt Geschäftsführung den Rücken

Neben der internen Restrukturierung mit Fokus auf Prozessoptimierung und Erhöhung der Kosteneffizienz liegt die zweite Säule dabei auf der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Erlösquellen. und der Personalentwicklung. Die Kraftwerksstrategie mit Schwerpunkt Kraft-Wärme-Kopplung wurde von der neuen Geschäftsführung bereits weiter entwickelt. Neumünsters Oberbürgermeister Olaf Taurus stärkte dem SWN-Führungsduo beim Pressetermin am Donnerstag den Rücken. "Die Neuausrichtung ist wichtig und richtig, ein Weiterso kann es angesichts der Erkenntnisse nicht geben", so Taurus.

Das Stadtoberhaupt zeigte sich optimistisch, dass die SWN bald wieder auf Kurs sind. Zwischen 2013 und 2015 hatten die Stadtwerke jeweils rund zwei Mio. Euro an Gewinn an die Stadt abgeführt, 2016 waren es noch knapp 1,2 Mio. Euro. Ob im nächsten Jahr schon die Rückkehr in die schwarzen Zahlen gelingt, ist noch nicht abzusehen.

Wirtschaftsplan wird in den nächsten Wochen aktualisiert

„Für verlässliche Prognosen ist es noch zu früh", sagte Geschäftsführer Schmelzle gegenüber der ZfK. Man wisse noch nicht genau, wie hoch die Effekte aus den Maßnahmen zur Effizienzsteigerung ausfallen, arbeite aber mit Hochdruck daran. Bis Mitte des Jahres wolle man den Wirtschaftsplan aktualisieren. In einigen Wochen müsste also auch hier Klarheit bestehen. Der SWN-Konzern hatte Ende vergangenen Jahres rund 771 Mitarbeiter, die Umsatzerlöse stiegen im vergangenen Jahr deutlich auf 270 Mio. Euro (Vorjahr: 239 Mio. Euro). Die Eigenkapitalquote sank von 27,1 auf 23,7 Prozent. (hoe)

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