Der Ökostromversorger Elektrizitätswerke Schönau (EWS) aus dem Schwarzwald hat seine geplanten Mengenzuwächse im Vertrieb für das laufende Jahr eigentlich bereits im vierten Quartal 2021 erreicht.
Der Neukundenvertrieb ruht aktuell. Man wolle Kunden ein verlässliches Angebot machen, dessen Preis mittelfristig stabil sei, erklärt Rainer Sylla, der seit September Geschäftsführer der EWS Vertriebs GmbH ist.
"Unser typischer Kunde ist kein klassischer Wechselkunde".
25.000 Neukunden haben die EWS brutto übers vergangene Jahr gewonnen, davon rund 5.500 in den letzten zwei Monaten des vergangenen Jahres. Darunter befänden sich auch ehemalige Stromio-Kunden in einer hohen dreistelligen Zahl. Zahlreiche davon seien bereits vor dem endgültigen Aus des Energiediscounters zur EWS gewechselt.
"Von Stromio zur EWS zu wechseln, das ist wie von einem SUV auf ein E-Bike umzusteigen, von einem preisgetriebenen zu einem ökoaffinen und verlässlichen Anbieter", sagt Sylla. Die EWS beschaffen strukturiert über Händler, PPAs und langfristige Lieferbeziehungen und haben ihren Fokus vor allem auf dem bundesweiten Vertrieb.
Rund 225.000 Kunden werden aktuell deutschlandweit mit Ökostrom, Gas und Biogas beliefert. „Unser typischer Kunde ist kein klassischer Wechselkunde.“
"Wir können in der Beschaffung ähnlich agieren, wie ein Regionalversorger mit einem Grundversorger-Portfolio".
Hier profitiere man im Markt davon, dass die bürgereigene Genossenschaft und ihre Produkte als „sehr authentische Energiemarke“ wahrgenommen werden. Die Wechselquoten seien konstant niedrig, die Weiterempfehlungsrate sehr hoch.
„Deshalb können wir in der Beschaffung ähnlich agieren, wie ein Regionalversorger mit einem Grundversorger-Portfolio“. Kunden würden nicht über Vergleichsportale, sondern über zielgruppenspezifische Veranstaltungen und passgenaue Ansprachen in den eigenen Kommunikationskanälen erreicht.
Dabei profitiere man auch von einem engen Draht sowohl zu langjährigen Weggefährten und Partnern als auch zu aktuellen Bewegungen wie „Fridays-for-Future“.
"Die Bereitschaft von der reinen Preisdiskussion wegzukommen, hat zugenommen".
Selbst, wenn Anbieter wie Stromio nach der Konsolidierung auf den Markt zurückkommen sollten, die Sichtweise vieler Konsumenten auf die vermeintlichen Billiganbieter werde sich verändert haben, ist Sylla überzeugt.
„Viele Verbraucher werden die Wertigkeit einer verlässlichen ökologisch nachhaltigen Energieversorgung noch einmal anders beurteilen. Die Bereitschaft von der reinen Preisdiskussion wegzukommen und auch bei der Energieversorgung mehr auf Qualität zu achten, hat zugenommen“, ist er überzeugt.
Von der aktuellen Diskussion um eine Aufsplittung der Grundversorgertarife sind die EWS nur am Rande betroffen. In ihrem Grundversorgungsgebiet in Schönau mit 3.500 Zählpunkten liegt die Versorgungsquote bei über 90 Prozent. „Genau ein Stromiokunde ist hier in die Ersatzversorgung gefallen.“
"Der Einheitspreis bleibt unser Ziel".
„Ein Split ist grundsätzlich kurzfristig am effektivsten, den notwendigen Preisschub kann man seinen Bestandskunden nicht erklären“, zeigt Sylla Verständnis. Um sich vor den Risiken einer Insolvenz von größeren Geschäfts- und Gewerbekunden zu schützen, haben die EWS einen zusätzlichen Ersatzversorgungstarif für Nichthaushalts-Kunden mit einem Verbrauch von mehr als 10.000 kWh eingeführt.
Bestands- und Neukunden bezahlen aktuell bei den EWS den selben Preis. „Der Einheitspreis bleibt unser Ziel.“ Sollte man im laufenden Jahr aber auf Neukundenakquise gehen, werde man davon abweichen und höhere Preise bei Neukunden verlangen müssen.
Zahl der Genossenschaftsmitglieder ist weiter gewachsen
Durch die Marktkonsolidierung sieht Sylla für die EWS Chancen, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit an Bedeutung gewinnen und weitere Kunden überzeugt werden können.
Als bürgereigenes Unternehmen mit einem genossenschaftlich organisierten Energievertrieb spreche man einen breiten Teil der Bevölkerung an, ähnlich der genossenschaftlich organisierten Volks- und Raiffeisenbanken. Die Zahl der Genossenschaftsmitglieder ist im vergangenen Jahr auf nunmehr über 10.500 gewachsen.
Neue Chancen im Gewerbekundensegment
Bisher seien die EWS eher auf Privatkunden fokussiert, aber auch im Gewerbe- und Geschäftskundensegment ergebe die aktuelle Marktsituation neue Ansatzpunkte, sagt Sylla.
„Gerade Branchen mit einem hohen Energieverbrauch, die früher mit uns über den letzten Cent diskutiert haben, sprechen jetzt intensiv mit uns über Energieeffizienz, nachhaltige Energiekonzepte, flexible Tarife und Eigenerzeugung". (hoe)



