Martin Ridder bleibt Eins-Geschäftsführer.

Martin Ridder bleibt Eins-Geschäftsführer.

Bild: © eins energie in sachsen GmbH & Co. KG

Von Hans-Peter Hoeren

Nach den Bombardierungen der iranischen Atomanlagen durch die USA bleibt auch das Szenario einer Blockade der Straße von Hormus ein erhöhtes Risiko. Sollte das so kommen, halten Handelsexperten eine Verdoppelung der Ölpreise für möglich. Etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels wird über die Meerenge abgewickelt. Auch physische Gaslieferungen aus dem Nahen Osten könnten in der Folge beeinträchtigt sein oder zurückgefahren werden. 

Der Preis für europäisches Erdgas ist nach dem US-Angriff auf den Iranweiter in die Höhe geschnellt. Zum gestrigen Handelsauftakt sprang der wichtige Terminkontrakt TTF zur Auslieferung im Juli dieses Jahres bis auf 42,44 Euro je Megawattstunde (MWh) und damit auf den höchsten Stand seit Anfang April. Bis zum frühen Mittag war die Notierung etwas gesunken und lag bei 41,30 Euro und damit immer noch über dem Niveau vom vergangenen Freitag.

Was löst diese krisenhafte Entwicklung und diese zunehmende Drohkulisse im Handel und in der Beschaffung eines großen regionalen Energieversorgers, wie der Eins Energie in Chemnitz, aus? Rund 50 Prozent des Geschäfts des Unternehmens entfallen über alle Geschäftsfelder gesehen auf Erdgas, die jährlichen Beschaffungsmengen liegen zwischen fünf und sechs Terawattstunden (TWh). Gas ist also nach wie vor das Brot- und Buttergeschäft. Eins Energie hat eine eigene Abteilung mit Spezialisten für Beschaffungs- und Handelsthemen und arbeitet in der Beschaffung eng mit der Thüga-Tochter Syneco zusammen. 

"Wir befinden uns in einer Phase erhöhter Konzentration und nutzen alle Instrumente."

"Wir beobachten die Entwicklung mit erhöhter Vorsicht, sehen aber momentan noch keinen Grund zur Panik“, bringt es Martin Ridder, der Kaufmännische Geschäftsführer von Eins Energie im Gespräch mit der ZfK auf den Punkt. Das Handels- und Vertriebsgeschäft laufe nach außen sichtbar ganz normal weiter. "Wir haben weder einen Vertriebsstopp für Neukunden noch haben wir unsere bereits in der Energiekrise angepassten Beschaffungs- und Risikostrategien erneut geändert", führt er weiter aus.

Die Kontrollen im Handelsbereich erfolgten als Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen aber noch engmaschiger. "Wir befinden uns in einer Phase erhöhter Konzentration und nutzen alle Instrumente, die uns derzeit zur Verfügung stehen", verdeutlicht Ridder. Tägliche oder wöchentliche Sitzungen von Risikokomitees wie zum Teil in den Jahren 2021 bis 2023 gebe es aktuell nicht. Man schaue aber ganz genau, wann man wo gegebenenfalls etwas sinnvoll nachschärfen könne oder müsse. 

Sollte die Straße von Hormus gesperrt werden durch den Iran, rechnet Ridder im ersten Schritt mit deutlich steigenden Gas- und Ölpreisen und insgesamt mit einer Erhöhung der Preisrisiken im Energiehandelsumfeld. Damit müsse aber jeder resilient aufgestellte Energieversorger bis zu einem gewissen Grad umgehen können.

"Wir leben in einer Zeit multipler, geopolitischer Krisen, die die Preisentwicklung um ein Vielfaches dynamischer machen, darauf gilt es sich einzustellen“, so der Kaufmännische Geschäftsführer. Anhaltspunkte für eine akut drohende physische Verknappung der Gasmengen und Einschränkungen der Versorgungssicherheit sieht er aber aktuell noch nicht am Horizont heraufziehen. 

"Wichtige Vorlieferanten haben mittlerweile eine deutlich restriktivere Risikopolitik. Die Mengenflexibilität ist hier nach wie vor eingeschränkt."

Zu den Instrumenten, die man aktuell vor allem nutzt, gehören unter anderem Nachkalkulationen oder Anpassungen der Risikozuschläge im tagesaktuellen Handel. "Es geht darum zu prüfen, ob die gestiegenen Preisrisiken entsprechend in den Zuschlägen abgebildet sind." Auch die Handelslimits würden fortlaufend überprüft, ebenso die Auswirkungen der Risikostrategie. Natürlich stünden dabei auch Fragen im Raum, ob man bestimmte Geschäfte bei entsprechender Preisentwicklung generell erst einmal auf Eis lege oder dort noch vorsichtiger agiere. "Es geht darum, in einer noch kürzeren Taktung vorgehen zu können, um schnell am Markt zu reagieren."

Beispielsweise im Geschäft mit großen Gewerbe- oder Industriekunden. Die Flexibilitäten beim Gaseinkauf hätten längst noch nicht die Größenordnung wie vor der jüngsten Energiekrise erreicht. Davor war es durchaus möglich, dass bei größeren Verbrauchsabweichungen eingekaufte Gasmengen innerhalb bestehender Flexibilitäten in den Verträgen zum Vorlieferanten preisneutral angepasst werden konnten. Das hat sich geändert, wichtige Vorlieferanten haben hier mittlerweile eine deutlich restriktivere Risikopolitik. "Die Mengenflexibilität ist hier nach wie vor eingeschränkt".

Das hat Auswirkungen für das Geschäft mit großen Gewerbe- und Industriekunden und spiegelt sich dort wider. Aufgrund der geringeren Flexibilität hat sich Eins Energie hier auch risikoaverser aufgestellt. "Die Industriekunden beschaffen eine festgelegte Menge zu einem festgelegten Preis pro Kilowattstunde, für Mengenabweichungen gibt es Preisaufschläge." Diese Risiken könne nicht mehr im gleichen Umfang wie vor der jüngsten Energiekrise der Energieversorger tragen.

"Wichtig ist, Bezugs- und Absatzmengen möglichst synchron und keine größeren offenen Positionen zu halten."

Für Privat- und kleinere Gewerbekunden beschafft Eins Energie auf der Grundlage einer mittel- bis langfristig angelegten Strategie die erforderlichen Mengen für die nächsten ein bis drei Jahre. "Solche Preissprünge wie zuletzt von zehn bis zwanzig Prozent sind für einen professionell aufgestellten Energieversorger grundsätzlich kein Problem." Steigt der Großhandelspreis dauerhaft noch einmal signifikant an, sieht es anders aus.

Wichtig sei für alle Energieversorger in der jetzigen Situation eine resiliente Aufstellung im Bereich Beschaffung und Vertrieb, betont Ridder. "Es geht unter anderem darum, die Bezugsmengen und die Absatzmengen möglichst synchron zu halten und keine größeren offenen Positionen zu halten, sowohl am Terminmarkt als auch in der kurzen Frist", erklärt er. Dies gelte unabhängig von der aktuellen Krisensituation in Nahost aber grundsätzlich für jeden Versorger. Hier ist natürlich auch die Genauigkeit der Verbrauchsprognose entscheidend.

Die jüngste Energiekrise in den Jahren 2021 bis 2023 habe gezeigt, dass zur Resilienz aber auch ein ausreichender Marktzugang, eine ausreichende Liquidität und eine deutlich marktnähere Beschaffung gehörten. "Man kann sich allerdings auch nicht vorab gegen jedes mögliche Szenario oder jegliche Risiken schützen.“

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