Von Andreas Lorenz-Meyer
Drei Jahrzehnte hat Thorsten Körner bei den Leipziger Stadtwerken gearbeitet, in ganz unterschiedlichen Positionen. Mal stellte er die Grundsatzleitplanung Netze (Strom, Gas, Fernwärme) auf, mal baute er Wasserkraftanlagen in Polen, mal leitete er den Energiehandel. Silvester 2024 war dann Schluss, Körner ging in Rente. Es gab eine Abschiedsfeier, auf der er eine Rede hielt. Wie es sich für ein Stadtwerke-Urgestein gehört, war sie mit reichlich Anekdoten gewürzt. Nach dem Vortrag kam ein Kollege auf ihn zu: "Mensch, Thorsten, ich wusste gar nicht, was du so alles gemacht hast."
Die Bemerkung trifft auf den Punkt. Körner hat viel erlebt – nicht nur bei den Stadtwerken. In den Achtziger Jahren war er Gießereifacharbeiter beim VEB Metallgusswerk Leipzig, kurz Megu. "Da habe ich große Getriebeblöcke für die Triebwagen der Reichsbahn gegossen. Die Modellform wurde mit Sand gefüllt, in der Rüttelmaschine verdichtet, auf ein Laufband gelegt und mit mehr als 1000 Grad heißem flüssigen Metall gefüllt." Um das nach der Erstarrung immer noch heiße Gussstück freizulegen, wurde der Sand "zerstört" - deshalb sagte man "verlorene" Gussformen. Ein harter Knochenjob, so Körner. "Es war sehr heiß, staubig und laut. Aber es hat mir Spaß gemacht. Ich war jung und die Bezahlung gut." Nach 1990 erging es der Megu wie vielen volkseigenen Betrieben. Sie wurde in einzelne Gesellschaften zerlegt. Es folgten Privatisierungen, Neugründungen, Verkäufe und Übernahmen. 2019 kam das endgültige Aus.
Teil der friedlichen Revolution
Körner, 65, ist in Leipzig geboren und aufgewachsen. Prägend für seine Jugend im Mitteldeutschen Braunkohlerevier war die schlechte Luft. Er wollte etwas dagegen tun, studierte an der TU "Carl Schorlemmer" Leuna/Merseburg Verfahrenstechnik mit Spezialisierung Umweltschutz- und Energietechnik. In der Freizeit engagierte er sich mit Freunden in der kirchlichen Umweltbewegung. Die Proteste, etwa für den Einbau von Filtern im Braunkohlekraftwerk Espenhain, änderten nichts. "Stattdessen hat uns die Stasi beobachtet und verfolgt."
Nach der gefälschten Kommunalwahl im Mai 1989 spitzte sich die Lage zu - Körner war "auf einmal" Teil der friedlichen Revolution. Eine Zeit der Angst, aber auch der Aufbruchstimmung, die mit den montäglichen Friedensgebeten begann. Ein Kollege warnte ihn, am 9. Oktober 1989 daran teilzunehmen. "Leipzig glich an diesem Tag einem Heerlager. Polizisten mit Kampfausrüstungen, Helmen, Gasmasken, Schützenpanzerwagen und Hundestaffeln standen im Hintergrund rund um die Nikolaikirche bereit."
Dass die Situation nicht eskalierte, habe an der "geballten Kraft von fast 70 000 friedlichen Demonstranten" gelegen. Diesen Tag wird Körner nie vergessen. 1990 wurde er dann ins erste freie Stadtparlament gewählt – und beschäftigte sich als Teilnehmer der runden Tische erstmals mit der künftigen Energieversorgung. In der interfraktionellen Arbeitsgruppe Energie kämpfte er für die Leipziger Stadtwerke – die 1992 gegründet wurden.
Arbeitsaufenhalte in Mongolei und Osteuropa
Von 1990 bis 1994 arbeitete Körner als Geschäftsführer eines energiewirtschaftlichen Beratungsunternehmens, dann wechselte er zu den Stadtwerken. Erste Position: Abteilungsleiter Leitplanung in der Hauptabteilung Energiewirtschaft. Wie überall in Ostdeutschland war der Investitionsbedarf vier Jahre nach der Wiedervereinigung auch in Leipzig riesig: Geschätzt 2,3 Milliarden
D-Mark brauchte die Sanierung und Rekonstruktion der Energieanlagen. Körner bereitete die Investitionsentscheidungen energiewirtschaftlich vor.
"Im Gegensatz zur DDR haben wir auf eine dezentrale Energieversorgung mit Strom und Wärme aus eigenen Anlagen gesetzt, später ergänzt um Fernwärme aus dem 14 Kilometer entfernten neuen Kraftwerk in Lippendorf." Der Ausbau der Fernwärme und des Erdgasnetzes bedeutete die Ablösung von rund 100 000 braunkohlegefeuerten Öfen, im Zeitraum 1990 bis 1996. Dadurch sank die Schadstoffbelastung der Luft massiv.
Es folgten Auslandsjahre. Die Weltbank fragte an, ob die Leipziger beim Aufbau eines modernen Strom- und Fernwärmeversorgers in der Mongolei helfen wollten. "Das passte. Wir hatten in puncto Transformation ja Erfahrung. Und wir sprachen Russisch." Also ging Körner in die Mongolei, wo er nicht nur beriet, sondern auch gegen den Kraftwerkedirektor zum mongolischen Ringkampf antrat. Weitere Auslandsstationen: Litauen, Bulgarien, Polen. Die Leipziger Stadtwerke hatten unter anderem Anteile der Fernwärmeversorger im litauischen Klaipeda erworben. Dort legte damals noch der Oberbürgermeister fest, wann die Heizsaison beginnt und endet.
Der Wert einer Kilowattstunde
Zurück in Leipzig sattelte Körner nochmal um und verantwortete ab 2007 das Front Office des Energiehandels. Ab 2016 war er Bereichsleiter. Seine Mitarbeiter handelten mit Strom, Gas, CO₂, Öl und beschafften Holz sowie Grünstromzertifikate. "Ich sehe die wesentliche Bedeutung des Energiehandels in ihrem Beitrag zur Wohlfahrt. Durch das Wettbewerbsmodell werden (Heiz-)kraftwerke und Brennstoffe optimal eingesetzt. Der Handel senkt Beschaffungskosten und Preisrisiken, er gewährleistet Versorgungsicherheit und Wirtschaftlichkeit."
Hektisch wurde es bei unvorhergesehenen Ereignissen, etwa Heizkraftwerksausfällen. Auch negative Preise brachten Unruhe. Am 9. Oktober 2009 wurden für eine Megawattstunde Strom kurzfristig minus 500 Euro bezahlt, im Intraday-Handel sogar bis minus 1500 Euro. "Unser Händler brachte die ganze Nacht an der Börse zu."
Ein besonderer Tag war der 27. Januar 2008. Beim ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt hatten über 87 Prozent der Leipziger gegen den Verkauf von Stadtwerke-Anteilen an die Gaz de France votiert. Dieses klare Bekenntnis der Bürgerschaft zu ihren Stadtwerken hat Körner sehr beeindruckt, genauso ein Erlebnis im Rahmen Holzbeschaffung für die Biomasse(heiz)kraftwerke. "Als ich im Thüringer Ort Bischofferode das erste Mal die riesigen Holzlagerplätze für ein relativ kleines 20-MWel-Kraftwerk gesehen habe, wurde mir bewusst, wie wertvoll eine Kilowattstunde Strom ist."
Für mehr Flexibilität zu sorgen
Seit einem halben Jahr ist Körner in Rente, aber so ganz lässt ihn die Energiewirtschaft nicht los. Er hat ein Buch über die Geschichte der Leipziger Stadtwerke geschrieben. Da kommt auch der Moment vor, als 2023 der 170 Meter hohe Schlot des lange vorher stillgelegten Heizwerkes "Max Reimann" gesprengt wurde. Damit endete endgültig die Ära der Braunkohle, deren Staub den jungen Körner dazu veranlasst hatte, Verfahrenstechniker zu werden.
Wie er auf die heutige Energiewirtschaft blickt? Die Branche habe es mit einer Reihe Herausforderungen zu tun. Erstens der Wandel der Energiemärkte mit den drei Ds Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung. "Als Energiehändler sehe ich da die Notwendigkeit, mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien für mehr Flexibilität zu sorgen, unter anderem durch Stromspeicher und Lastmanagementsysteme." Zweitens sei es nicht so einfach, mit den Widersprüchen der Energiepolitik klarzukommen. Drittens der soziale Aspekt: Energie muss nicht nur klimaneutral sein, sondern auch kostengünstig."
Bis zum oft verkündeten Ende von Kohle und Erdgas werde es vermutlich länger dauern als geplant, dennoch ist Körner optimistisch. Stadtwerke seien gut darin, radikalen Veränderungen zu bewältigen. Das sehe er am eigenen Unternehmen. "1990 gab es in der Leipziger Innenstadt noch ein veraltete Dampfnetz. Heute haben wir ein modernes Fernwärmenetz, ein auf Wasserstoff umstellbares Heizkraftwerk und bald die größte Solarthermieanlage Deutschlands." Viele Stadtwerke hätten schon bewiesen, dass sie mit großen Umbrüchen und dem Spagat zwischen Daseinsvorsorge, energiepolitischen Vorgaben und Wirtschaftlichkeitsanforderungen gut umgehen können. Der Branche sei also auch zuzutrauen, die Energiewende zu meistern. Zumal der Wettbewerb in der deutschen und europäischen Energiewirtschaft viel Innovation hervorbringe.
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Thorsten Körner: Geschichte der Leipziger Stadtwerke - Die Leipziger Energieversorgung im Wandel der Zeit, Passage-Verlag Leipzig 2025, 192 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-95415-168-4, 24,50 Euro. Erscheint im August 2025
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