Die Sorge vor einem jähen Stopp der russischen Gaslieferungen löst weiterhin eine Art Torschlusspanik im Energiehandel aus. Die Nachfrage ist seit März konstant bis steigend, die Liquidität hingegen minimal.

Die Sorge vor einem jähen Stopp der russischen Gaslieferungen löst weiterhin eine Art Torschlusspanik im Energiehandel aus. Die Nachfrage ist seit März konstant bis steigend, die Liquidität hingegen minimal.

Illustration: © Corona Borealis/Adobestock

Wenn der Gas- und Strompreis innerhalb eines Jahres zwischenzeitlich auf den zehnfachen Wert ansteigt, dann ist das in etwa so, als wenn der Deutsche Aktienindex im selben Zeitraum von circa 15.000 auf 150.000 Punkte ansteigt, sagt Michael Arnold, Geschäftsführer der Stadtwerke Duisburg Energiehandel GmbH.

"Das Preisniveau ist auf einem Level, das es noch nie gab und dennoch ist diese Entwicklung aus unserer Sicht der am wenigsten besorgniserregende Teil der jüngsten Entwicklungen im Energiehandel. Das Preisniveau kann grundsätzlich abgesichert werden", stellte er vergangene Woche auf der Stadtwerketagung des Handelsblatts klar. Viel schlimmer seien hingegen die massiv gestiegenen Volatilitäten und Marktrisiken sowie das Kontrahenten- und Liquiditätsrisiko.

Und auch das operative Risiko bei untertägigen Schwankungen der Gaspreise von zeitweise bis zu 50 Euro pro MWh innerhalb kürzester Zeit dürfe nicht unterschätzt werden. "Die Anforderungen an die Reaktionsschnelligkeit sind in einem unglaublichen Maße gestiegen", sagte Arnold. Die kurzfristige Volatilität am Spotmarkt sei seit September vergangenen Jahres um den Faktor 5 bis 10 gestiegen, beim Strom um drei bis sechs. Auch im Terminmarkt habe die Volatilität extrem zugenommen, beim Gas um den Faktor drei bis vier.

"Ob jedes Stadtwerk aktuell über eine ausreichend breite Handelspartnerbasis verfügt, ist fraglich"

Für eine offene Position von 100 GWh Gas habe früher das Risiko in der Größenordnung von ca.  0,5 Mio. Euro pro Jahr gelegen, heute seien es rund sieben Mio. Euro. „Das kann schnell existenzgefährdend werden“, warnte er. Diese Risiken müssten neu eingepreist werden. Das habe Auswirkungen auf die Beschaffung, die Kapitalhinterlegung und das Pricing. „Eine Risikoabsicherung durch Hedging am Terminmarkt ist aktuell aufgrund der geringen Liquidität vor allem am außerbörslichen Over the Counter (OTC) Markt, erheblich erschwert. Ob jedes Stadtwerk auch in Zeiten sinkender Liquidität über eine ausreichend breite Handelspartnerbasis verfügt, ist fraglich“, betonte er.

Eine minimale Liquidität bei einer konstanten bis steigenden Energienachfrage, konstatiert seit März auch Mathias Pechmann, Head of Commodity Flow Desk bei RWE Supply and Trading. "Wenn ich den Großhandelsmarkt betrachte, habe ich momentan das Gefühl, ich schaue in leere Regale“, erklärte Pechmann. Ursachen für diese Torschlusspanik sieht er unter anderem in der Angst vor einem Stopp der russischen Gaslieferungen. Hinzukämen Unsicherheiten, wie hoch der Gasspeicherbedarf nach dem kommenden Winter sein werde sowie die eingeschränkten, weltweiten LNG-Mengen.

"Beschaffungsstrategie richtet sich nicht mehr nach der Profit-, sondern nach der Risikooptimierung"

„Wir reden von einer dauerhaften Änderung der Marktsituation, auf Anbieter- und auf Nachfrageseite“, führte er weiter aus. Als Folge davon müssten Versorger den Governance-Rahmen anpassen, den Spotanteil senken und ihre Eindeckungsstrategien überdenken. Vollversorgungen würden teurer, entsprechend sollte nach Alternativen gesucht werden. „Grundsätzlich richtet sich die Beschaffungsstrategie nicht mehr nach der Profit-, sondern nach der Risikooptimierung“.

Stadtwerke würden sich künftig generell mehr mit Risikomanagement, -modellen und Risikokapital beschäftigen müssen, ergänzte Michael Arnold. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen seien die Anforderungen an das Portfoliomanagement deutlich angestiegen. Insbesondere erforderten nahezu alle quantitativen Modelle und Methoden eine gründliche Überprüfung, Daumenregeln und Erfahrungswerte seien in Frage zu stellen.

Kann oder will jedes Stadtwerk diese dramatisch gestiegenen Anforderungen an Portfoliomanagement, Handel und Beschaffung überhaupt allein bewältigen?

"Aktuelle Situation ist für jeden Energieversorger eine ernstzunehmende Herausforderung"

„Das ist eine unternehmerische Entscheidung. In den vergangenen Jahren ging der Trend zu einer eigenen, strukturierten Beschaffung einschließlich der Übernahme der hieraus resultierenden Risiken. Das gilt es jetzt zu überdenken“, so der Geschäftsführer der Stadtwerke Duisburg Energiehandel. Die aktuelle Situation sei für jeden Energieversorger eine ernstzunehmende Herausforderung. „Jedes Unternehmen muss da letztlich seine Risiken kalkulieren und abschätzen“. (hoe)

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