Das Osterpaket der Bundesregierung wird nach Ansicht von Enervie-Vorstandssprecher Erik Höhne den Erneuerbarenausbau im Verbreitungsgebiet des Regionalversorgers, sprich in Südwestfalen, entfesseln. Seit fünf Jahren umfasst die Pipeline des Unternehmens rund 20 vorentwickelte Windenergieprojekte, deren Finalisierung, vor allem aufgrund der Abstandsregeln in NRW, auf Eis liegt.
„Der entscheidende Hebel ist, dass der Erneuerbarenausbau jetzt von überragendem öffentlichen Interesse ist“, erklärte Höhne auf Nachfrage bei der Bilanzpressekonferenz. Er gehe deshalb davon aus, dass davon auch einige der geplanten Erneuerbarenprojekte von Enervie profitieren werden und sich einfacher umsetzen ließen.
Auf eine Prognose bezüglich der Wahrscheinlichkeit eines Gas-Embargos verzichtete Höhne hingegen. „Ein Lieferstopp oder ein Embargo wäre mehr als ernst. Ich teile nicht die Einschätzung, dass Deutschland im nächsten Winter einen Lieferstopp von russischem Gas handhaben könnte“, stellte er klar. Es sei „absolut wichtig“, dass die Bundesregierung die Frühwarnstufe im Notfallplan Gas ausgerufen habe, um sich frühzeitig auf eine mögliche Gasmangellage vorzubereiten.
„Wir sollten sehr bewusst mit der Situation umgehen und werden bis Oktober die Gasspeicher füllen müssen“, erklärte er. Aufgrund der Vorgaben des Gasspeichergesetztes sei das Sommergas aktuell sogar teurer als das Wintergas.
Enervie steigert Ergebnis und Umsatz
Das mehrheitlich kommunale Unternehmen, an dem die Städte Hagen und Lüdenscheid sowie der Entsorgungskonzern Remondis beteiligt sind, hat im Geschäftsjahr 2021 das Ergebnis vor Steuern auf 47,2 Mio. Euro (2020: 43,1 Mio. Euro) gesteigert, der Umsatz kletterte vor allem dank der gestiegenen Energiepreis deutlich auf 1,18 Mrd. Euro (2020: 937 Mio. Euro).
Neben den Turbulenzen an den Energiemärkten ab dem vierten Quartal machten Enervie im vergangenen Jahr die Corona-Krise, aber auch die regionalen Auswirkungen der Hochwasserkatastrophe zu schaffen. Die Stadt Hagen war hier besonders betroffen, die Schäden im Netzgebiet des Regionalversorgers beliefen sich auf rund zwölf Mio. Euro. „Angesichts dieser Krisensituation blicken wir auf ein wirklich gutes Jahr zurück“, so der Enervie-Chef.
Aufgrund eines gefallenen Handelsvolumens verringerte sich der Stromabsatz um rund zehn Prozent auf 7,2 Mrd. kWh, der Gasabsatz hingegen zog witterungs- und handelsbedingt um 21 Prozent auf rund 7,9 Mrd. kWh an.
Pumpspeicherwerk mit hohem Deckungsbeitrag
Die gute Ergebnisentwicklung schlug ich auch in einer höheren Eigenkapitalquote von 27,9 Prozent (2020: 26,7 Prozent) nieder. Aufgrund des höheren Jahresüberschusses schlägt der Vorstand eine Erhöhung der Dividende an die Aktionäre in Höhe von 14 Mio. Euro (2020: 11 Mio. Euro) vor.
Einen wesentlichen Beitrag zu dem Ergebnis trug der Erzeugungsbereich bei. So leistete das Pumpspeicherwerk (PSW) in Finnentrop-Rönkenhausen trotz eines lang andauernden Turbinenausfalls hohe Deckungsbeiträge. Für Höhne ist das PSW ein „sehr wichtiger Baustein der Energiewende“. „Wir freuen uns, dass wir hier die Trendwende sehr früh gesehen haben, die hatten wir erst in zwei, drei Jahren erwartet.“
Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Herdecke verzeichnete aufgrund der hohen Gaspreise zwar etwas weniger Betriebsstunden als in den Vorjahren, Erik Höhne sprach aber dennoch von einer „zufriedenstellenden Einsatzbilanz“. Die Enervie-Tochter Mark-E nahm im Herbst 2021 die neue „weitergehende Aufbereitungsstufe“ im Wasserwerk Hagen-Hengstey in Betrieb. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 17 Mio. Euro.
Zweiter Teil des Aktionärsdarlehens wird im Sommer zurückgezahlt
Einen besonderen Fokus legte Enervie im vergangenen Jahr erneut auf Wachstumsthemen im Rahmen der Energiewende in der Region. Mit der Stadt Hagen wurde als Modellregion das Wasserstoff-Projekt „HyExperts“ initiiert, zudem plant die Netztochter Enervie Vernetzt gemeinsam mit Partnern den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur im südöstlichen Ruhrgebiet und angrenzenden Sauerland im Rahmen des Projekts „ZukunftRuH2r“.
Die für das laufende Jahr geplante Rückzahlung des zweiten Teils des Aktionärsdarlehens in Höhe von 30 Mio. Euro soll wie geplant im Sommer erfolgen. Enervie hatte 2014/2015 im konventionellen Bereich hohe dreistellige Verluste eingefahren und eine harte Restrukturierung durchlaufen. Zur Stabilisierung trug damals auch der Kredit in Höhe von insgesamt 60 Mio. Euro durch die Gesellschafter bei.
Deutlich verbessertes Standing bei Kreditverhandlungen
Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte Enervie eine neue, langfristig strukturierte Konzernfinanzierung von rund 170. Mio. Euro abgeschlossen. „Wir sind mittlerweile wieder notenbankfähig und sind im Investmentgrade. Das heißt eine Bank, die uns Geld leiht, kann sich selber günstiger refinanzieren“, so Höhne. Dies sei immer Grundlage für eine marktgerechte Finanzierung und hänge mit der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens in den vergangenen Jahren zusammen.
Aufgrund der Verwerfungen im Energiemarkt erwartet die Enervie-Gruppe auch im laufenden Jahr weiterhin sehr hohe und volatile Energiepreise. Auf einen operativen Ausblick verzichtete die Unternehmensführung mit Blick auf die aktuellen Unsicherheiten. Der Krieg in der Ukraine werde die Situation weiter verschärfen und bringe gleichzeitig große Herausforderungen für die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa mit sich, heißt es weiter.
Bezahlbarkeit von Energie: "Sorge macht uns insbesondere die Industrie"
Insbesondere das Thema Bezahlbarkeit treibt Enervie-Chef Höhne dabei um. Aufgrund der langfristigen Beschaffung habe man den eigenen Kunden entsprechend günstige Konditionen sichern können. „Je länger die Situation an den Energiemärkten andauert, desto stärker kommen wir in der Beschaffung aber für die Folgejahre in Situationen, wo wir uns auf einem deutlich höheren Marktpreisniveau eindecken müssen“.
Deswegen würden in der Perspektive die Energiepreise für die Kunden ansteigen. Das gelte insbesondere für Industrie. „Diese macht uns große Sorgen, weil dort in der Regel nicht so langfristig beschafft wird wie bei den Privatkunden und entsprechend die extremen Marktentwicklungen hier sehr stark durchschlagen." (hoe)



