Der Energiedienstleister EnviaM hat trotz der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg seine gesteckten Ziele erreicht. "Wir sind ein starkes Unternehmen und haben eine klare Strategie. Dank ihr sind wir auch in Krisenzeiten robust aufgestellt", sagte der Vorstandsvorsitzende Stephan Lowis anlässlich der Bilanzpressekonferenz zum Geschäftsjahr 2021.
Der regionale Energie- und Infrastrukturdienstleister aus Ostdeutschland hat sein Ergebnis aus dem Vorjahr bestätigt: Das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis vor Steuern und Zinsen (EBIT) betrug 316,7 Mio. Euro (2020: 317,9 Mio.). Dank eines höheren Bilanzgewinns stieg zudem die Dividende auf 0,77 Euro je Stückaktie (2020: 0,65 Euro). 191,1 Mio. Euro gingen an die Gesellschafter, 80,5 Mio. Euro davon an die kommunalen Anteilseigner.
Geschäftszahlen EnviaM-Gruppe
| 2020 | 2021 | |
| Stromabgabe* | 14.643 GWh | 12.623 GWh |
| Gasabgabe | 10.430 GWh | 10.951 GWh |
| Umsatzerlöse | 2776,1 Mio. Euro | 2766,9 Mio. Euro |
| Kundenzahlen | 1.276.428 | 1.341.660 |
| Investitionen** | 248,3 Mio. Euro | 231,7 Mio. Euro |
| Mitarbeiter*** | 3318 | 3398 |
| EBIT**** | 317,9 Mio. Euro | 316,7 Mio. Euro |
* inkl. Saldierung EEG-Mengen
** immaterielle Vermögensgegenstände und Sachanlagen
*** Vollzeitkräfte ohne Auszubildende
**** um Sondereffekte bereinigtes operatives Ergebnis vor Steuern und Zinsen EBIT
Rückgang beim Stromgeschäft
Für den Rückkgang bei der Stromabgabe sorgte unter anderem, dass die EnviaM ihr Key-Account-Geschäft zurückfahren. Dabei handelt es sich um große Industriekunden, bei denen die Margen oft gering ausfallen. Seit mehreren Jahren lässt der Energieversorger alte Verträge daher auslaufen. Neue Verträge werden nicht mehr angeboten.
Bei den Privatkunden gab es dagegen große Zuwächse. "Ausfälle von Billiganbietern wie Stromio und Gas.de haben dazu geführt, dass Kunden bei uns in die Grundversorgung gefallen sind", erklärte CEO Lowis. "Viele Kunden sind auch bei uns geblieben. Deshalb musste wir kurzfristig Energie nachbeschaffen."
Wasserstoff soll Erdgas ersetzen
Das habe auch der Ertragslage geschadet. Im Ergebnis für 2021 wirkten sich diese Effekte noch nicht aus. Für 2022 werden die höheren Beschaffungskosten aber herausfordernd, prognostizierte Lowis.
Auch deshalb will die EnviaM will in den kommenden Jahren Erdgas schrittweise durch Wasserstoff ersetzen und unabhängiger von Lieferungen aus dem Ausland werden. In einem ersten Schritt sollen in Bitterfeld, Roitzsch und Thalheim in Sachsen-Anhalt drei Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff entstehen, erklärte der Vorstandschef.
EnviaM will selbst H2 erzeugen
Damit sollen Kunden mit hohem Energieverbrauch vorrangig im Raum Leipzig versorgt werden. "Wir trauen uns zu, den Gasverbrauch von Porsche, BMW und dem Flughafen Leipzig zu ersetzen." Die sogenannte Wasserstoffbrücke solle mit Partnern in drei bis vier Jahren umgesetzt sein.
"Langfristig wollen wir Gas gegen Wasserstoff tauschen - und zwar komplett", betonte Lowis. Dabei wolle EnviaM auch selbst Erzeuger von H2 werden und Elektrolysekapazitäten aufbauen. Das rund 7000 Kilometer lange Gasnetz sei für den neuen Energieträger geeignet.
Bisher keine Gasmangellage
Trotz des Krieges in der Ukraine gebe es derzeit keine Versorgungsengpässe, sagte Lowis. Die Versorgungssicherheit der Kunden habe oberste Priorität.
"Insbesondere bei der Gasversorgung ist die Situation aufgrund des Ukraine-Krieges kritisch. Eine Gasmangellage ist nach wie vor nicht auszuschließen." Dem Unternehmen zufolge könnte ein vollständiger Ausfall russischer Gaslieferungen im Winter nicht komplett ausgeglichen werden.
330 Mio. Euro für Gas- und Stromnetze
Auch abseits der Wasserstoff-Infrastruktur plant EnviaM hohe Investitionen. Vorgesehen sind Ausgaben von rund 330 Mio. Euro, um Gas- und Stromnetze weiter zu modernisieren und intelligenter zu machen.
22 Mio. Euro fließen dabei in den Ausbau von erneuerbaren Energien: Neben vier neuen Solarparks entsteht in in Lützen (Burgenlandkreis) der größte Windpark. Auch somit will das Unternehmen bis 2040 klimaneutral werden.
Mobilfunklöcher stopfen
In der Telekommunikation erwartet die EnviaM derweil ein wichtiges Geschäftsfeld. Das Unternehmen will ein führender regionaler Anbieter von Datacentern werden. "Wir sehen aufgrund der Digitalisierung einen wachsenden Bedarf an Datacentern", erläutert Andreas Auerbach, Vertriebsvorstand.
Rund 44 Mio. Euro investiert der Energieversorger bis 2023 außerdem in Glasfasernetze für Privatkunden. Die neue (hundertprozentige) Tochtergesellschaft Eon TowerCo soll künftig Mobilfunklöcher stopfen. Der Dienstleister wird für Mobilfunk-Netzbetreiber bundesweit Strommasten zu Funkmasten für das 4G- und 5G-Mobilfunknetz umrüsten.
Neue digitale Kompetenzen
Ein Kulturwandel steht dem Unternehmen auch intern bevor. "Wir wollen flexibles Arbeiten fördern, ein neues Führungsverständnis leben und Kundenzentrierung und Unternehmertum stärken", verdeutlichte Sigrid Nagl, Personalvorständin und Arbeitsdirektorin. Dazu werden auch neue Arbeitswelten entstehen. Pilotstandorte gebe es bereits unter anderem in Halle (Saale). Dort treffen Teamflächen auf Rückzugsmöglichkeiten und Orte des persönlichen Austausches.
Außerdem wolle die EnviaM die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter stärken. Deshalb bildet das Unternehmen ab diesem Jahr auch Kaufleute für Digitalisierungsmanagement aus. 2,8 Mio. Euro werden insgesamt in die Ausbildung investiert. (jk, mit Material der dpa)



