Von Hans-Peter Hoeren
Überraschung, Erleichterung, Verunsicherung – in diesem Spektrum bewegen sich die Reaktionen der Kommunalwirtschaft nach den jüngsten Vorschlägen der EU-Kommission zur Lockerung der Direktive zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD).
Durch die geplante massive Anhebung der Größenkriterien wären voraussichtlich nur noch 20 Prozent der ursprünglich betroffenen mehreren Hundert kommunalen Unternehmen berichtspflichtig. Ursprünglich galt die Verpflichtung erstmals für ein Reporting über das Jahr 2025, nun müssen die verbliebenen Unternehmen erst über das Jahr 2027 berichten.
Reduktion der Prüfpflichten vorgeschlagen
Zusätzlich entfällt auch für alle kleineren Unternehmen die Pflicht, die Taxonomie-Kennzahlen zu berichten. Zudem soll es keine sektorspezifischen Berichtsstandards mehr geben, die verbleibenden ESRS-Standards sollen zudem deutlich verschlankt werden. Auch der Umfang der Prüfpflichten durch Wirtschaftsprüfer soll reduziert werden, das würde Aufwand und Kosten der Prüfung senken.
All das steht im sogenannten Omnibus-Paket, dass die EU-Kommission Ende Februar vorgelegt hat. Die Vorschläge benötigen noch die Zustimmung von EU-Parlament und dem Rat der EU. Der Ministerrat wird sich mit dem Thema am 12. März beschäftigen, das Parlament könnte in seiner Sitzungswoche Anfang April nachziehen, heißt es in einer Analyse des Beratungsunternehmens BET. Mit einem deutschen Gesetz sei frühestens Mitte 2026 zu rechnen.
Viele kommunale Unternehmen arbeiten seit Monaten und teils Jahren unter Hochdruck am Aufbau eines Nachhaltigkeitsmanagements und eines Reportings, um die ursprünglich seit 2025 geltenden Berichtspflichten mittelfristig erfüllen zu können. Diese sahen ab 2026 einen Nachhaltigkeitsbericht für 2025 vor.
Die Planungsunsicherheit ist groß. "DieGeschäftsführungen müssen jetzt eine Risikoabwägung vornehmen. Stelle ich aktuelle CSRD-Projekte schon ein, obwohl die Vorschläge der Kommission noch nicht rechtlich bindend sind? Oder lassen wir begonnene Projekte weiterlaufen, bis rechtliche Klarheit herrscht?", bringt es Sebastian Seier, Leiter Kompetenzteam Nachhaltigkeit & Klimaschutz bei beim Beratungsunternehmen BET Consult auf den Punkt.
Künftig soll der KMU-Berichtsstandard der EU (VSME) über einen delegierten Rechtsakt offiziellen Charakter bekommen. "Der VSME enthält eine übersichtliche Zahl an Datenpunkten zur Umwelt, eigenen Arbeitskräften und Governance und verzichtet unter anderem auf eine Wesentlichkeitsanalyse", erklärt Sebastian Seiber, Leiter Kompetenzteam Nachhaltigkeit & Klimaschutz beim Beratungsunternehmen BET Consult.
Repriorisierung der Ressourcen
"Zahlreiche Unternehmen denken aktuell darüber nach, ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung auf den freiwilligen Berichtsstandard VSME) umzustellen", berichtet Seier. Dieser sehr abgespeckte Nachhaltigkeitsbericht umfasse ein Zehntel der Berichtspunkte eines ESRS-Berichts und ermöglicht Unternehmen interessierten Banken, ihren Gesellschaftern oder anderen Stakeholdern fundiert Auskunft zu Nachhaltigkeitsthemen zu geben und eine nachhaltige Unternehmenssteuerung zu etablieren.
Einige Unternehmen würden auch eine Repriorisierung ihrer Ressourcen vornehmen. Statt Zeit und Geld in die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts zu stecken, treiben sie andere Projekte voran. Häufig sind das die Erstellung einer Treibhausgasbilanz und einer Dekarbonisierungsstrategie oder eine pragmatische Klimawandelfolgenanalyse für die wichtigsten Assets.“
"Der freiwillige KMU-Standard der EU (VSME) wird sicherlich künftig eine größere Rolle spielen." Goldy Raimann, Asew
Die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (Asew) hat über 50 kommunale Unternehmen bezüglich ihres Vorbereitungsstands auf die bisherige, seit Jahresbeginn geltende Berichtspflicht befragt.
"Die Ergebnisse zeigen eine breite Streuung im Vorbereitungsstand der Stadtwerke", erklärt Goldy Raimann, Gruppenleiterin Nachhaltigkeit bei der Asew. Einige Stadtwerke hätten sich noch in den Anfangsstadien der Umsetzung befunden, der größte Teil hatte aber bereits substanzielle Fortschritte erzielt und einige wenige seien schon auf der Zielgeraden gewesen.
Ein Großteil der Befragten habe noch keine Entscheidung getroffen, ob sie weiterhin, wie ursprünglich ab 2026 erstmals geplant, einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen würden. Der VSME-Standard der EU werde aber sicherlich künftig eine größere Rolle spielen, so Raimann.
Die bisherige Berichtspflicht sei sicher zu "komplex, zu theoretisch gewesen", sagt Juliane Fleischer vom Kooperations- und Innovationsmanagement der EDW Energiedienste in Thüringen. "Das hat den Unternehmen das Gefühl von noch mehr Bürokratie gegeben."
Fleischer koordiniert mehrere Arbeitsgemeinschaften mit insgesamt 19 kleineren Energieversorgern aus dem Bundesland. Beide haben zentrale Vorbereitungsschritte, unter anderem die Wesentlichkeitsanalyse bereit abgeschlossen. Ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement wurde bisher aber noch nicht aufgebaut. Zu den Mitgliedern zählen auch nicht-berichtspflichtige Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen verankern und entwickeln wollen.
"Die Unternehmensvertreter, die ich bislang persönlich sprechen konnten, waren alle sehr erleichtert über den EU-Vorschlag", sagt sie. Die geplanten Änderungen hätten erhebliche Auswirkungen. "Keines unserer Mitglieder wäre mehr berichtspflichtig."
"Kein radikaler Paradigmenwechsel"
"Wir werden uns auf eine freiwillige Berichterstattung nach VSME oder LSME einstellen“, sagt die Nachhaltigkeitsmanagerin Angelika Maupilé von den Stadtwerken Norderstedt. Sie geht davon aus, dass der Kommunalversorger künftig nicht mehr unter die CSRD-Berichtspflicht fällt. Die vorgeschlagenen Vereinfachungen aus Brüssel hält sie nicht für einen radikalen Paradigmenwechsel. Die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeitsdaten für die Branche werde dadurch nur verlangsamt.
Die Wuppertaler Stadtwerke haben bereits 2023 erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt und finalisieren derzeit für das Berichtsjahr 2024 den ersten umfassenden Berricht nach Vorgaben der CSRD-Richtlinie. Da das Unternehmen mit mehreren Tausend Mitarbeitenden berichtspflichtig bleibt, werden die bis dato etablierten Prozessen beibehalten.
Auch in Wuppertal ist man überzeugt, dass der Trend zu einer wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeitsdaten anhalten werde. Eine Vereinfachung der Berichterstattung sei jedoch auch für die wachsende Bedeutung des Themas wünschenswert.
"Nachhaltigkeit ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit"
Auch bei der Beratungstochter EWR Climate Connection des Wormser Kommunalversorgers ist man davon überzeugt. "Nachhaltigkeit ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit – mit klaren Wettbewerbsvorteilen, geringeren Risiken und erhöhter wirtschaftlicher Resilienz", heißt es.
Unabhängig von regulatorischen Anpassungen blieben Marktmechanismen, Stakeholder-Anforderungen und Klimarisiken bestehen. "Unternehmen, die jetzt strategisch auf Nachhaltigkeit setzen, sichern sich Zukunftsfähigkeit und Wettbewerbsvorteile."


