Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze noch das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis spätestens 2045 ändern, denn dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen.
Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren(at)zfk(dot)de.
Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits zehn Beiträge erschienen (darunter fünf Fachbeiträge zur neuen Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0). Sämtliche bisher erschienene Artikel finden Sie hier. In der neuesten Folge geht es nach Dülmen im Münsterland. Dort will die Stadt bereits 2035 bilanziell klimaneutral sein
Von Hans-Peter Hoeren
Die Stadt Dülmen im Münsterland will bis 2035 klimaneutral werden. "Wir müssen schneller sein als viele andere Kommunen, denn bundesweit gilt 2045 als Zielmarke. Jede Entscheidung, die wir heute treffen, muss 2035 im Blick haben", sagt Dirk Middendorf, der seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Stadtwerke Dülmen ist.
Um dies zu schaffen, wünscht er sich unter anderem zeitnah einen belastbaren rechtlichen Rahmen, wie das Unternehmen den Ausstieg aus dem Erdgas angehen kann. Die EU-Gasmarkt-Binnenrichtlinie ist seit 2024 in Kraft, spätestens bis 5. August kommenden Jahres muss sie in deutsches Recht umgesetzt sein.
"Für uns Stadtwerke ist selbst ein Umsetzungstermin in 2026 noch sehr knapp: Wenn wir bis 2035 klimaneutral sein wollen, müssen wir heute Investitions- oder auch Desinvestitionsentscheidungen vorbereiten", stellt er klar. Ohne einen klaren Rahmen für Stilllegung, Umwidmung oder Fortführung des Gasnetzes laufe man Gefahr, dass Projekte verschleppt würden oder Fehlinvestitionen entstehen.
Mehrere Zukunftsszenarien
Aufgrund der bestehenden rechtlichen Unsicherheiten, arbeite man in Dülmen an klaren Szenarien, damit man sofort starten könne, sobald der Rechtsrahmen stehe.
"Dazu gehört erstens, dass wir mit unseren Kunden und den Betreibern der Gasfernleitungen im Gespräch sind, um zu klären, ob und unter welchen Voraussetzungen Erdgas künftig durch Wasserstoff ersetzt werden kann", sagt er. Außerdem untersuche man systematisch, ob und wo in Dülmen Nah- oder Fernwärmelösungen realisierbar sind. Zentral für eine langfristige Planungssicherheit sei dann auch ein verlässlicher Förderrahmen: Fern- oder Nahwärmeprojekte ließen sich ohne Förderung kaum wirtschaftlich darstellen, und die derzeit von der Bundesregierung vorgesehenen Mittel reichten nicht aus, um bundesweit Projekte in der nötigen Größenordnung anzustoßen. "Hier ist schnell Klarheit erforderlich, damit wir rechtzeitig investieren und die Weichen stellen können."
Das bedeutet allerdings nicht, dass man bis 2035 den letzten Kilometer Erdgasleitung stilllegen werde. Dülmen strebt eine bilanzielle Klimaneutralität an. Middendorf: "Das bedeutet, dass wir auch an anderer Stelle kompensieren können. Ein zentraler Hebel ist der Ausbau der Windkraft, für die wir im Münsterland sehr gute Bedingungen haben. Jede lokal erzeugte Kilowattstunde grüner Strom zahlt direkt auf die Klimaneutralität ein. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Kehrseite: Das Stromnetz muss diese Mengen aufnehmen können. Hier zeigen sich – wie überall in Deutschland – erste Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, vor allem bei Netzausbau, Akzeptanz und Finanzierbarkeit."
Gasnetzkonzession wird in den nächsten Jahren neu ausgeschrieben
Ein großes Thema in Dülmen ist die Ausgestaltung der künftigen Gasnetzkonzession. Die Stadt Dülmen wird in den kommenden Jahren die Konzession neu ausschreiben müssen, denn der bestehende Vertrag läuft bald aus. "Besonders spannend ist die Frage, unter welchen Bedingungen wir uns überhaupt auf eine Verlängerung bewerben werden", sagt Middendorf. Eine Verpflichtung zum Weiterbetrieb des Gasnetzes für eine Konzessionsdauer von 20 Jahren – wie früher üblich – sei kaum denkbar.
Wichtig sei vor allem ein Rahmen, der Planungssicherheit bietet und gleichzeitig genügend Flexibilität lässt. "Natürlich wünschen wir uns eine möglichst lange Laufzeit. Entscheidend ist aber, dass wir die Möglichkeit haben, Netze stillzulegen oder auf Wasserstoff umzuwidmen, wenn das wirtschaftlich sinnvoll ist. Der Konzessionsvertrag muss Spielraum für die Transformation eröffnen."
"Verpflichtender Rückbau wäre Kostenlawine"
Auch Regelungen zu eventuellen Rückbauverpflichtungen werden eine wichtige Rolle spielen. Aus Sicht der Stadtwerke ist es entscheidend, die Sicherheit zu haben, dass stillgelegte Gasleitungen nicht grundsätzlich aus dem Boden entfernt werden müssen. Weitaus sinnvoller wäre es, alternative Nutzungen zuzulassen – etwa eine Umwidmung auf Wasserstoff oder im Einzelfall auch die Verwendung als Leerrohr für Stromleitungen oder Glasfaserkabel.
Dafür müssten zwar zusätzliche Regelwerke angepasst werden, doch es würde die vorhandene Infrastruktur effizient nutzbar machen. Selbst dort, wo keine Folgenutzung in Betracht kommt, wäre es unproblematisch, alte Kunststoffleitungen im Boden zu belassen. "Es gibt keinen guten Grund, in ganz Deutschland die Gehwege aufzureißen, nur um stillgelegte Rohre herauszuholen“, betont Middendorf.
"Derzeit gibt es je nach Konzessionsvertrag unterschiedliche Regelungen, ob nach einer Außerbetriebnahme ein Netz zurückgebaut werden muss. Ohne klare Vorgaben bleibt das Auslegungssache – mit enormen finanziellen Risiken für die Netzbetreiber", verdeutlicht Middendorf.. Ein verpflichtender Rückbau wäre eine Kostenlawine, die die Energiewende nicht voranbringt, sondern verteuert. Zudem müsse für diese Risiken eigentlich schon jetzt in den Netzentgelten vorgesorgt werden, was die Bundesnetzagentur ablehne. "Ohne Rechtssicherheit drohen am Ende gigantische, unnötige Baustellen“.
"Allzu enge Vorgaben aus Berlin nicht sinnvoll"
Zentral seien auch klare rechtliche Vorgaben, unter welchen Umständen eine Stilllegung oder Außerbetriebnahme zulässig ist. Gleichzeitig sollte der Netzbetreiber vor Ort entscheiden können, welche Netzabschnitte davon konkret betroffen sind. "Niemand in Berlin kennt die lokalen Gegebenheiten so genau wie wir selbst. Allzu enge Vorgaben aus der Ferne könnten sinnvolle, wirtschaftliche Lösungen verhindern. Es geht also um den richtigen Ausgleich: Rechtssicherheit schaffen, aber mit genügend Spielraum für sachgerechte Entscheidungen vor Ort", so Middendorf.
Dabei müsse man aber immer die Interessen der Dülmener Bürger im Blick behalten: "Wir wollen sicherstellen, dass niemand bei der Umstellung allein gelassen wird und wollen auch niemanden mit kurzen Umstellungsfristen überfordern." Deswegen müsse eine Perspektive geschaffen werden, mit der jeder umgehen kann.
Begrenztes Potenzial für die Fernwärme
Die Stadt Dülmen muss erst 2028 eine kommunale Wärmeplanung vorlegen. Dennoch habe man freiwillig erste Quartiersplanungen durchgeführt. "So bekommen wir ein klares Bild: Unser Potenzial für Fernwärme ist leider gering – wie in vielen ländlichen Regionen", hält Middendorf fest.
Der Grund sei vor allem das Fehlen einer günstigen Wärmequelle. Die Wärmeplanung werde deshalb wahrscheinlich zeigen, dass viele Haushalte auf dezentrale Lösungen setzen müssten. "Das mag zunächst ernüchternd wirken, aber wir sehen unsere Rolle darin, die Menschen bestmöglich zu beraten und ihnen passende Optionen aufzuzeigen – ob Wärmepumpe, Pelletheizung oder Hybridlösungen."
Auch ein Anschluss an das Wasserstoffkernnetz wird in Dülmen ernsthaft geprüft. Hier ist man in der komfortablen Lage, dass mehrere überregionale Transportleitungen durch die Stadt verlaufen, die Teil des Kernnetzes werden sollen.
"Wasserstoff ist deutlich reaktiver als Erdgas"
Doch viele Fragen seien noch offen, etwa die Verfügbarkeit, die Kosten, das Kundeninteresse, die Möglichkeit, Teile des Gasnetzes für den Wasserstofftransport zu nutzen. Auch einige technische Herausforderungen sind für Middendorf noch ungeklärt.
"Wasserstoff in Fernleitungen wird mit Betriebsdrücken von rund 30 bis 40 bar transportiert und ist deutlich reaktiver als Erdgas", sagt er. Eine Wasserstoffleitung könne man nicht einfach im Betrieb "anbohren", um neue Anschlüsse zu legen. Das bedeute: eigentlich müssten am besten alle Interessenten vor Inbetriebnahme eines Leitungsabschnitts bekannt sein. "Wir nutzen diese Information, um frühzeitig Gespräche zu führen und Bedarf abzufragen – so vermeiden wir später teure Nacherstellungen von Anschlüssen."



