Die Fernwärmenetze von Görlitz und der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec sollen bis spätestens 2030 gemeinsam mit klimaneutraler Fernwärme versorgt und ihre Fernwärmenetze miteinander verbunden werden. Eine entsprechende Absichtserklärung (Letter of Intent) wurde gestern von den beiden Bürgermeistern Octavian Ursu (Görlitz) und Rafal Gronicz (Zgorzelec) unterzeichnet. Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung dieser Vision spielen die Stadtwerke Görlitz AG. Die Stadt Görlitz will bis 2030 klimaneutral sein.
Erste Phase bis 2022
Die Umsetzung des Großprojekts erfolgt in zwei Phasen. Bis 2022 soll die Wärmeerzeugungsanlagein Zgorzelec/Grozowa modernisiert werden. Das Ziel: Eine schnelle Reduktion der Emissionswerte, um die EU-Vorgaben einhalten zu können. Hierzu wird die Leistung der alten Kohlekessel reduziert und durch neue Erdgas-Blockheizkraftwerke teilweise ersetzt. Begleitend dazu wird eine Machbarkeitsstudie zu dem geplanten Fernwärmeverbund erstellt sowie die notwendige Fördermittelakquise auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene forciert. Erzeugungsstrategie für die Fernwärme-Standorte in Görlitz soll in dieser ersten Phase überarbeitet werden.
Phase 2: Umstellung auf Biomasse
In der zweiten Projektphase ist der Bau einer 2,5 Kilometer langen Verbindungsleitung zwischen den Versorgungsgebieten Zgorzelec und Görlitz-Königshufen sowie die komplette Umstellung vom Heizwerk in Zgorzelec auf Biomasse geplant.
Wärmepotenziale von Kläranlage nutzen
In der Endausbaustufe soll das Wärmenetz Königshufen den überwiegenden Teil seines Wärmebedarfs aus Zgorzelec beziehen. Da die Verbindungsleitung über das Gelände der Görlitzer Kläranlage läuft, ist geplant, hier Wärmepotentiale direkt ins Netz einzubinden. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Nutzung der Abwärme aus dem Abwasser oder die Einbindung von Solarthermie.
Hohe CO2-Einsparungen
Auch die Umstellung der weiteren Fernwärmegebiete in Görlitz auf erneuerbare Energien soll in diesem Zeitraum erfolgen. Die Fernwärmeerzeugung erfolgt somit 2030 in beiden Städten komplett klimaneutral. Erste Schätzungen gehen von einer Einsparung von rund 57.000 Tonnen jährlich aus.
"Das Teilen einer gemeinsamen Infrastruktur"
Noch in diesem Jahr soll eine technische und organisatorische Machbarkeitsstudie erarbeitet werden. Die beiden Städte hatten sich bereits 1998 zur gemeinsamen Europastadt mit mehr als 87.000 Einwohnern erklärt, um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil zu intensivieren. Mit der Verbindung ihrer Fernwärmenetze auf beiden Seiten der Neiße würde die Europastadt auf die nächste Ebene gelangen: das Teilen einer gemeinsamen Infrastruktur.
"Wegweisendes Projekt"
Die sächsische Landesregierung signalisiert Unterstützung für das Vorhaben. Von einem „vorbildlichen und wegweisenden“ Projekt, sprach der Staatsminister für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft, Wolfram Günther. Das Vorhaben zeige, „dass Klimaschutz nicht an Grenzen gebunden sein sollte und muss“.
„Mit dieser Kooperation verbinde ich die Hoffnung, dass die Generationenaufgabe Strukturwandel und das Gelingen der europäischen Energiewende auch im europäischen Verbund gemeinsam erfolgreich gestaltet werden kann“, bekräftigte Thomas Schmidt, der Staatsminister für Regionalentwicklung.
Stadtwerke betreiben Kundenbüro in Zgorzelec
Die Görlitzer Stadtwerke um ihren Vorstandsvorsitzenden Matthias Block pflegen bereits seit längerem „eine gute Beziehung zu den polnischen Kollegen in Zgorzelec“. Das Unternehmen hat auf polnischer Seite im vergangenen Jahr ein Kundenbüro eröffnet und betreibt gemeinsam mit dem polnischen Energiedienstleister ein grenzüberschreitendes Fahrradverleihsystem. „Nun wollen wir enger zusammenarbeiten und haben hierfür eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der SWG und der ZPEC, der Wärmeversorgungsgesellschaft auf Zgrozelec gegründet“, erklärte Block. (hoe)


