Henry Otto leitet als Partner den Geschäftsbereich Energy Consulting von PwC Deutschland.

Henry Otto leitet als Partner den Geschäftsbereich Energy Consulting von PwC Deutschland.

Bild: © PwC

Henry Otto leitet als Partner den Geschäftsbereich Energy Consulting von PwC Deutschland. Zudem sitzt er im Vorstand der Wibera Wirtschaftsberatung. Zu seinen Mandanten zählen dabei neben Energieversorgungsunternehmen und weiteren Unternehmen der öffentlichen Daseinsvorsorge auch verschiedene Kommunen.

Im Interview mit der ZfK spricht er über die in den meisten Fällen guten Jahresergebnisse der Stadtwerkebranche und nennt die Gründe dafür. Künftig sieht er aber deutlich gestiegene Ergebnisrisiken, unter anderem im Vertrieb und aufgrund der Regulierung.

Deutschland hat in der jüngsten Energiekrise den gesellschaftlichen Charaktertest bestanden.

Herr Otto, im Frühjahr 2022 haben Sie mit Blick auf die damals noch sehr angespannte Situation am Energiemarkt prognostiziert, dass diese in den Bilanzen der Stadtwerke querbeet Spuren hinterlassen wird. Wie fällt ihr Fazit der Berichtssaison 2022 aus?
Henry Otto: Allen pessimistischen Prognosen zum Trotz haben wir eine ziemlich gute Berichtssaison erlebt. Mir sind nur wenige Fälle bekannt, bei denen die Ergebnisse in größerem Maßstab eingebrochen sind. Das liegt nicht nur an den vielfach außerordentlich guten Ergebnissen in der Erzeugung, sondern auch am Vertrieb und daran, dass oftmals fast alle Geschäftsbereiche ganz gute Ergebnisse abgeliefert haben.

Das hat vor allem mit einem veränderten Verbraucherverhalten zu tun. Man könnte auch sagen Deutschland hat in der jüngsten Energiekrise den gesellschaftlichen Charaktertest bestanden.

Was meinen Sie genau?
Die Abschläge für Energie haben sich zum Teil verdrei- oder vervierfacht und die Haushalte haben das vielfach kompensiert durch eine Änderung des Konsumverhaltens, in dem sie beispielsweise beim Urlaub gespart haben. Die Deutschen haben sich anders verhalten als man hätte vermuten können.

Im vergangenen Jahr ist mit Blick auf die Energiekrise viel vor Ausfallrisiken und deutlich steigenden Zahlungsausfällen gewarnt worden. Bisher hat es aber nur wenig größere Ausfälle gegeben. Die Energieversorger hatten aber teilweise bereits höhere Ausfälle eingepreist. Für das laufende Jahr sehe ich aber gerade im Vertrieb schon einige Risiken.

Auch die Luft beim Thema Investitions- und Finanzierungsfähigkeit wird künftig dünner.

Das müssen Sie konkreter machen.
Das Preisniveau ist aktuell immer noch relativ hoch und die Preisspreizung gerade mit Blick auf die Discounter, die sich zu niedrigeren Preisen eindecken konnten, ist zum Teil signifikant. Wenn die Discounter das auch in der nächsten Heizperiode durchhalten können, dann werden sich die Stadtwerke in ihrer Preispolitik strecken müssen, sonst werden sie merklich Kunden verlieren.

Ich sehe da auch die Gefahr, dass langjährige, loyale Stadtwerkekunden sich bei einem Einsparpotenzial von 30 Prozent oder mehr erstmalig mit dem Thema Anbieterwechsel beschäftigen. Eine markante Kundenabwanderung ist aber nicht die einzige große Herausforderung, die ich auf die kommunalen Energieversorger zukommen sehe. Auch die Luft beim Thema Investitions- und Finanzierungsfähigkeit wird künftig dünner.

Womit hängt das zusammen?
Der Investitionsbedarf für die Energiewende ist gigantisch. Aufgrund der Zinswende steigen gleichzeitig die Finanzierungskosten, die regulatorischen Eigenkapitalzinsen sinken hingegen. Deshalb plädieren wir auch für eine Anhebung der Eigenkapitalzinsen für Bestandsinvestitionen. Auch hier müssen Kredite irgendwann erneuert werden.

Derjenige, der  beispielsweise 2015 einen größeren Kredit aufgenommen hat, der dann 2024 ausläuft , wird sich im kommenden Jahr zu deutlich höheren Kosten refinanzieren müssen. Und deswegen sollten auch die Eigenkapitalzinsen im Bestand angepasst werden. Gerade im Stromnetz sehen wir in den kommenden Jahren aufgrund der dezentralen Erzeugung und der Elektromobilität einen großen Investitionsbedarf und das bei steigenden Finanzierungskosten.

Die 2022er Ergebnisse sind vielfach sehr gut in der Branche, aber künftig muss man eher mit geringeren Ergebnissen rechnen.

Reicht denn der geplante neue Eigenkapitalzinssatz für Neuinvestitionen aus?
Für die reine Neuinvestition ist dieser marktkonform.  Im Mittel ist das okay, aber es reicht sicher nicht für alle. Wenn ein Unternehmen aber bereits eine hohe Verschuldung hat und eine schlechte Bonität, reichen diese Zinssätze nicht aus. Dann sind die Refinanzierungskosten bei den Banken teilweise höher als die Eigenkapitalverzinsung durch den Regulierer.

Ob Konstanz oder Bielefeld, Finanzierungsvereinbarungen von Stadtwerken mit ihren Hauptgesellschaftern werden angepasst. Wie wird sich die Ausschüttungsfähigkeit der Stadtwerke und das Thema eines finanziell funktionierenden Querverbunds entwickeln?
Das wird in Summe anspruchsvoller. Die 2022er Ergebnisse sind vielfach sehr gut, aber künftig muss man eher mit geringeren Ergebnissen rechnen. Es besteht das Risiko, dass Kunden abwandern. In der Gasversorgung werden die Kundenzahlen perspektivisch zurückgehen und damit die Margen. Im Bereich der Gasnetze werden die Ergebnisse über Abschreibungen und Rückstellungen sinken, ein möglicher Rückbau oder auch Stilllegungen werden sich hier finanziell niederschlagen.

All das spricht für niedrigere Ergebnisse. In allen Geschäftsfeldern im klassischen Energiebereich sehen wir Ergebnisrisiken. Gleichzeitig steigen die Material-, Personal- und Energiekosten im Bäderbetrieb und im Verkehrsbereich und damit die Verluste. Das heißt es bleibt weniger Geld für den Ausgleich der Defizite im Querverbund übrig. In Folge sinken die Ausschüttungen.  

Investitionen in das Stromnetz und die Wärmeversorgung sind für Rentenversicherungen attraktiv.

Ist denn die Energiewende allein mit den herkömmlichen Finanzierungsinstrumenten zu schaffen oder müssen hier neue Wege beschritten werden?
Ich würde da zwischen Fremdkapital- und Eigenkapitalseite unterscheiden. Auf der Fremdkapitalseite sollte die Kreditfähigkeit der Stadtwerke durch Bürgschaften oder Förderkredite vom Bund, den Ländern und ggfs. auch von den Kommunen gestärkt werden. Das würde helfen, die Zinskosten bei den Banken zu senken. Auf der Eigenkapitalseite sind zunächst die heutigen Gesellschafter gefordert, zusätzliches Kapital bereitzustellen.

Wenn dies nicht möglich ist, sehe ich großes Potenzial bei heimischen Rentenversicherungen und Pensionsfonds, hier als langfristige Kapitalgeber bei Stadtwerken einzusteigen. Diese haben einen großen Anlagedruck und müssen Gelder über lange Zeiträume anlegen. Die sind gleichzeitig aber nicht derart renditeorientiert wie ausländische Private-Equity-Investoren, die eine höhere Verzinsung erwarten und eher kurzfristig orientiert sind.

Investitionen für Rentenversicherungen in das Stromnetz und die Wärmeversorgung  sind attraktiv, da sie eine höhere Rendite erhalten als etwa bei einer Anlage in Bundesanleihen.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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