Herr Hilkenbach, die Wuppertaler Stadtwerke wollen bis 2035 klimaneutral sein und haben eine eigene Dekarbonisierungsstrategie ausgearbeitet. Die größte Herausforderung ist wie im Rest der Republik die Wärmewende. Auch in Wuppertal gibt es viele ältere Bestandswohnungen. Welche Optionen sehen Sie hier für die Umsetzung?
Markus Hilkenbach: Wir setzen aktuell vor allem auf einen Ausbau der Fernwärme. Um zusätzlich in der Fläche die Wärmeversorgung umzustellen, prüfen wir aktuell mit dem Fraunhofer-Institut die Nutzung von Geothermie. In richtigen Ballungsstrukturen, die teils über 100 Jahre alt sind, fallen mir neben einem Wasserstoffanteil im Gasnetz grundsätzlich aber nicht viele seriöse Optionen für ein Massengeschäft ein.
Da sind auch viele Fragen noch nicht beantwortet. Das finde ich im Übrigen auch nicht schlimm. Wir werden da reinwachsen und mit Sicherheit werden in den nächsten zehn Jahren auch neue Produkte und Innovationen in diesem Kontext entstehen.
Wie ist ihr Blick auf die Zukunft des Gasnetzes?
Der politische und gesellschaftliche Wille ist klar und definiert. Darüber hinaus unterstreicht die aktuelle politische Entwicklung diesen Weg – sie beschleunigt ihn sogar. Wir haben als Branche und auch als WSW diese Herausforderung angenommen und beschäftigen uns aktiv mit der notwendigen Wärmewende. Was wir aus meiner Sicht aber dringend vermeiden sollten ist eine Gutmensch-Schlechtmensch-Diskussion, wenn es bspw. um Wärmepumpen oder Gasnetzanschlüsse geht.
Die Wärmepumpe ist kein Allheilmittel. Ballungsgebiete werden noch viele Jahre über die Gasnetze mit Wärme versorgt werden.
Beides wird über viele Jahre parallel notwendig sein. Es wird für die Akzeptanz des gesamten Transformationsprozesses nicht zielführend sein, diejenigen zu beschimpfen, die einen Gasanschluss haben und diejenigen zu loben, die über eine Wärmepumpe verfügen. Die Wärmepumpe ist kein Allheilmittel. Ein Großteil der Menschen in Ballungsgebieten wird noch viele Jahre über die Gasnetze mit Wärme versorgt werden.
Sie haben in der Vergangenheit öfters darauf hingewiesen, dass die Ausbauziele aus dem Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung nicht eins zu eins vor Ort umgesetzt werden können. Was ist denn in Wuppertal möglich?
Wenn wir aus den Ausbauzielen der Ampel-Koalition in Berlin operative Ziel für Wuppertal linear ableiten müssten, dann wären diese für uns völlig unrealistisch. Beispielsweise müssten in Wuppertal pro Jahr mehr PV Anlagen gebaut werden als von 1990 bis heute installiert wurden. Dieses Beispiel ließe sich auch auf die anderen Bereiche wie Haussanierungen, Wärmepumpen, Elektromobilität etc. übertragen.
Wir werden den Transformationspfad ambitioniert angehen, aber in einer für uns realistischen Geschwindigkeit.
Aus diesem Grund haben wir uns als WSW einen eigenen Plan erarbeitet, um die von uns direkt und indirekt zu beeinflussenden CO2 Mengen in den nächsten Jahren zu reduzieren. Wir nehmen das Thema Energiewende als WSW sehr ernst. In den nächsten Jahren lassen sich mehr als 300 Mio. Euro an Investitionen dem Ziel der Dekarbonisierung zuordnen. Wir werden diesen Transformationspfad ambitioniert angehen, aber in einer für uns realistischen Geschwindigkeit und mit Ressourcen bzw. monetären Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.
Abgesehen vom Klimaschutz und der lokalen Verantwortung, welche strategischen Optionen bietet die Dekarbonisierung für die Wuppertaler Stadtwerke?
Unsere obersten strategischen Ziele sind die Ausrichtung zu einem lokalen Infrastrukturdienstleister in Wuppertal und die Kundenzentrierung. Wir streben an, dass diese Ausrichtung und die damit einhergehende digitale Klammer uns auf Dauer unabhängig vom reinen Verkauf der Kilowattstunde machen. Das möchte ich gern näher erläutern. Wir sind uns sicherlich einig, dass der Kunde heutzutage gelernt hat, seine Bedürfnisse online zu befriedigen. Das heißt, die Frage nach der Notwendigkeit des Verkaufs über digitale Plattformen ist eigentlich schon entschieden. Wir haben neben vielen Herausforderungen in diesem Kontext aber auch den Vorteil viel zielgerichteter Cross-Selling-Potenziale zu adressieren. Vor allem im Massenkundengeschäft hilft uns das weiter.
Wir möchten eine langfristige Kundenbeziehung mit echten energiewirtschaftlichen Mehrwerten aufbauen.
Auf der Produktseite müssen alle unsere neuen EDL-Angebote auch energiewirtschaftlich begleitet werden. Wir möchten ja gern eine langfristige Kundenbeziehung mit echten energiewirtschaftlichen Mehrwerten aufbauen. Seien es Einspeisetarife für PV, weiterentwickelte Mieterstromangebote, Ladestrom- und Wärmestromtarife mit dynamischen Komponenten und Wohlfühlpakete für die Kundinnen und Kunden. Dazu sind Backendplattformen die Voraussetzung. Mit unserem Tal.Markt-Produkt, welches in der Lage ist individuelle EE-Mixe viertelstundenscharf zuzuordnen und abzurechnen, haben wir den Weg in diese neue Energiewelt beschritten und verprobt.
Wenn wir es schaffen, diese Komponenten stabil in die Vernetzung zu bringen und Mehrwerte für Kunden zu heben, haben wir eine Lebensberechtigung jenseits des bestehenden Deckungsbeitragsmodells. Wenn es uns weiterhin gelingt, das zweite große Standbein unserer DNA als kommunales Unternehmen – die Infrastrukturdienstleistung – zu stärken und in die neue digitale Welt zu führen, habe ich ein Alleinstellungsmerkmal, das ein überregionaler Anbieter in dieser Ausprägung gar nicht anbieten kann.
Dann befinde ich mich in meinem Burggraben als Stadtwerk unabhängig davon, ob der Deckungsbeitrag für die kWh Gas dann noch ein Thema ist.
Können Sie das an einem Bespiel noch Mal konkreter machen?
Wir stellen beispielsweise ein stadtüberspannendes LoRaWAN-Funknetz für IoT-Anwendungen zur Verfügung und haben schon über 1.000 Sensoren in einem Dutzend Anwendungsfälle. Damit können wir neue Dienstleistungen erbringen aber auch unser Kerngeschäft kontinuierlich verbessern. Einfach weil die Verzahnung der Mobilitäts- und Versorgungsthemen ja vor Ort stattfindet. Und dann befinde ich mich in meinen berühmten Burggraben als Stadtwerk unabhängig davon, ob der Deckungsbeitrag für die Kilowattstunde Gas dann noch ein Thema ist. Damit nehmen wir eine notwendige und wichtige Infrastrukturaufgabe wahr und sichern Beschäftigung als Stadtwerk vor Ort.
Und was hat Dekarbonisierung mit Kundenzentrierung zu tun? Was ist hier der Zusammenhang?
Wir haben grundsätzlich eine Ein-Markenstrategie. Diese findet sich bei uns aber nicht unbedingt in allen Abläufen wieder. Wenn man in unser Kundencenter geht, dann stellen Sie sich erst in einer Schlange an, um eine Busfahrkarte zu kaufen. Wenn Sie auch noch Ihre Kontoverbindung für den Energie-Liefervertrag ändern wollen, müssen Sie sich in einer anderen Schlange einreihen. Das kann man den Kundinnen und Kunden schon heute nicht mehr vermitteln.
Ein Mitarbeitender muss bei uns künftig sofort in der IT sehen können, ob ein Kunde bei uns eine PV-Anlage, eine Wallbox oder eine Busfahrkarte hat.
Das heißt, wir stehen intern vor der Herausforderung, verschiedenste Prozesse vom Beschwerdemanagement über das Marketing, und die IT Systeme zusammenzubringen. Ein Mitarbeitender muss künftig sofort sehen können, ob ein Kunde bei uns eine PV-Anlage, eine Wallbox oder eine Busfahrkarte hat. Diese Themen müssen zusammenwachsen. Und das nicht nur über ein Logo, sondern auch inhaltlich. Das gilt genauso für einen Pfeiler unserer Dekarbonisierungsstrategie, einem Mobilitätsprodukt oder den Ausbau der Energiedienstleistungen.
Das müssen Sie etwas genauer ausführen.
Bei einer Quartierslösung ob groß oder klein müssen die verschiedensten Kolleginnen und Kollegen aus ihren bisherigen Abteilungsilos zu einer Gesamtlösung für den Kunden beitragen. Der eine Mitarbeiter ist für Elektromobilität zuständig, der andere für die PV-Anlage, der Dritte für die Digitalisierung. Hier ein einheitliches Vorgehen und einen einheitlichen Zeitplan im Sinne des Projekts zu priorisieren, ist operativ eine Herausforderung. Wir arbeiten aktiv daran, hier eine entsprechende Klammer zu schaffen und einen flexiblen Prozess zu installieren, der beiden Seiten Rechnung trägt. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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Einen ausführlichen Artikel über die Dekarbonisierungsstrategie der Wuppertaler Stadtwerke und den geplanten deutlichen Ausbau des Energiedienstleistungs-Geschäfts lesen in der Januarausgabe der ZfK, die am 9. Januar erschienen ist. Zum Abo geht es hier.



