Marc Hansmann ist seit 2017 Vorstand für Finanzen und Infrastruktur bei Enercity.

Marc Hansmann ist seit 2017 Vorstand für Finanzen und Infrastruktur bei Enercity.

Bild: © Enercity

So entschieden wie in Hannover ist die kommunale Wärmeplanung nur in wenigen Städten Deutschlands vorangetrieben worden. Im Interview spricht Marc Hansmann, einer der beiden Enercity-Vorstände, darüber, was es für das kommunale Unternehmen bedeutet, wenn der Gashahn zugedreht wird.

Die EU-Kommission zieht wegen dem KWK-Gesetz nun vor den Europäischen Gerichtshof. Wie wichtig ist die Weiterentwicklung des Gesetzes für die Enercity-Wärmepläne?

Die Kraft-Wärme-Kopplung ist eine effiziente und bewährte Technik. Insofern ist es schade, dass es jetzt wieder zur Verzögerung kommt. Wir sind auch unzufrieden, dass KWK in der Kraftwerksstrategie keine Rolle spielt und ihre Bedeutung für die Wärmewende in Großstädten unterschätzt wird.

Wir selbst planen derzeit keine neue KWK-Anlage, aber je besser die Rahmenbedingungen sind, desto eher würden wir darüber nachdenken.

Auf jeden Fall sollte das KWK-Gesetz verlängert werden, das ist auch die einhellige Meinung der Branche.

Welche Bedeutung hat die Kraft-Wärme-Kopplung für die Fernwärme in Hannover?

Die Fernwärme ist bei uns in Hannover das Herzstück der Wärmewende und dort bietet sich KWK an. Wir haben derzeit zwei Anlagen. Die eine, das Kohlekraftwerk, geht bis 2027 vom Netz.

Das Gaskraftwerk würden wir bis 2035 gerne auf Wasserstoff umstellen oder durch ein neues ersetzen, aber das können wir im Moment gar nicht richtig planen, weil der gesetzliche Rahmen dafür fehlt. Mit Wasserstoff würde es dann zur SpitzenLastanlage werden. Wenn es dann nur an fünf kalten Tagen im Jahr läuft, ist das preislich vertretbar.

"Wir haben kein einziges Wasserstoffgebiet ausgewiesen."

Ist in Hannover schon sicher, dass Sie das Gasnetz stilllegen?

Nach jetzigem Stand wird es 2040 keine aktiven Gasnetze mehr in Hannover geben. Wir wollen 56 Prozent des Verbrauchs in Hannover über die Fernwärme laufen lassen, bis zu zehn Prozent über Nahwärme und ein Drittel der Gebäude soll über Wärmepumpen versorgt werden.

Wir haben kein einziges Wasserstoffgebiet ausgewiesen, das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir Gasnetze stilllegen werden, angefangen natürlich in Fernwärmegebieten. Der Stadtrat hat einen Anschlusszwang beschlossen, es wird dort also keine Gaskunden mehr geben.

Rückbauen wollen wir nicht, das ist zu teuer. Es wäre aber gut, wenn der Gesetzgeber hier noch höhere Rechtssicherheit schafft.

Es gibt auch andere Unternehmen, etwa die Mainova, die sagen, technologische Offenheit sei wichtig bei der (Energie- und) Wärmewende. Die wollen noch gar nicht vom Stilllegen sprechen. Wie würden Sie erklären, dass diese verschiedenen Strategien in der kommunalen Unternehmenswelt zustande kommen?

Bei der Mainova gibt es andere Rahmenbedingungen. Wenn Großbetriebe auf Wasserstoff umstellen wollen, dann macht es wahrscheinlich auch Sinn, die umliegenden Quartiere an Wasserstoff anzubinden. Bei uns setzt zum Beispiel VW auf Biomasse. Jedes Stadtwerk und jede Stadt muss seinen/ihren eigenen Weg gehen.

Hannover ist nicht zwingend ein Beispiel dafür, wie es überall laufen muss, das wäre auch anmaßend. Allerdings ist unsere Einschätzung, dass Wasserstoff zumindest in den nächsten 20 Jahren zu teuer für Privatkund:innen sein wird. Daher raten wir auch dringend vom Einbau wasserstofffähiger Gasheizungen ab. Als kommunales Unternehmen stehen Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit eben ganz vorne auf der Prioritätenskala.

Ich glaube auch nicht, dass man diese Entscheidung endlos hinauszögern kann. Wir sind fertig mit der Wärmeplanung, das ist der Unterschied zu anderen Städten. Wir kennen unseren Weg.

Was ist Ihre Strategie, um den absehbaren Rückgang beim Gasverkauf und dann natürlich im Netzbetrieb zu kompensieren?

Die Fernwärme ist gesetzt, aber wir können auch Nahwärme. Enercity hat bereits in mehr als 300 Kommunen Nahwärmenetze. Außerdem verkaufen und vermieten wir Wärmepumpen. Das ganze Programm also.

Glauben Sie, dass die kommunale Wärmeplanung Enercity in seiner Ausrichtung stark verändert?

Die Wärmewende ist tatsächlich ein Gamechanger. Wir waren, wie die gesamte Branche, extrem von Gas abhängig und diese Abhängigkeit überwinden wir jetzt und machen Wärme aus alternativen Quellen. Das ist eine Transformation ohne gleichen.

Es gab schon einmal eine Wärmewende: von Kohle auf Gas. Der Unterschied zu damals ist, dass wir viel weniger Zeit haben.

Sie haben jetzt gerade schon die Wärmepumpen angesprochen. Sehen Sie dort und im Vertrieb von Energiedienstleistungen ein neues Geschäftsfeld für Stadtwerke?

Das ist kein Selbstläufer, es ist auch nicht in unserer DNA. Wir können klassischerweise gut Netze ausbauen, wir können Kraftwerke vertreiben und wir können Commodity.

Wir haben eine steile Lernkurve hinter uns und haben jetzt noch mal eine Beteiligung gekauft, den Heizungsspezialisten Ökoloco. Wir sind also zuversichtlich, dass wir das schaffen.

Wir wollen einfach die gesamte Wertschöpfungskette anbieten, das ist seit eh und je unsere Tradition und Strategie. Wir wollen uns nicht aus einem Segment der Energiewirtschaft verabschieden und dazu gehören eben die Wärmepumpen, die übrigens exzellent sind und super geeignet für Einfamilienhäuser – auch für ältere.

"Dieses kleinteilige Lösungsgeschäft ist neu für uns."

Es gibt junge Unternehmen wie Octopus Energy oder »1Komma5Grad«, die durch totale Kundennähe auffallen. Die Vermarktung ist sehr gut und die Kunden bekommen quasi per Knopfdruck ein Komplettpaket angeboten. Ist das etwas, mit dem kommunale Unternehmen mithalten können?

Diese Konkurrenten sind tatsächlich die Benchmark für uns, indem, wie sie den Kundenangang machen und auch die Energiesysteme verknüpfen. Das ist der nächste große Schritt, dass man nicht nur einzelne Teile verkauft, sondern auch etwa Solaranlagen mit Wallboxen vernetzt.

Wir haben eigentlich vor diesen KonkurRenten angefangen, unseren Vertrieb für Wärmepumpen und Solaranlagen aufzubauen, aber sie sind jetzt weiter als wir. Dieses kleinteilige Lösungsgeschäft ist neu für uns. Wir sind aber fest entschlossen, mitzuhalten, weil wir von unserem Ansatz her besser sind.

Den jungen Unternehmen liegt die Vermarktung und der Onlinevertrieb, aber wir bekommen immer begeisterte Reaktionen, wenn wir vor Ort sind. Wir schauen uns die Häuser vor Ort mit unserer Kompetenz an. Diese technische Kompetenz ist unschlagbar, wir kennen die Region, können maßgeschneiderte Angebote machen und nehmen uns viel Zeit mit der Beratung. Vielleicht können nicht alle Stadtwerke so ein Geschäft aufbauen, aber die größeren müssten dazu in der Lage sein.

Die Erneuerbaren sind ein Wachstumsfeld, welche Rolle spielt die erneuerbaren Direkt- vermarktung strategisch für Sie?

Wir haben ein EE-Portfolio von 1000 Megawatt, überwiegend in Onshore-Windparks. Dort sind wir mittlerweile einer der ganz großen Betreiber und machen natürlich selbst den Direktvertrieb. Da wir aber auch nicht Geld zuzahlen wollen, sind der Benchmark externe Direktvertriebe.

Unsere Strategie ist, dass wir mindestens doppelt so viel Megawatt-Direktvertrieb machen wie wir selbst Windstrom erzeugen. Da kommen wir noch nicht ganz ran und müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit noch steigern.

Wir wollen bei der Direktvermarktung kräftig wachsen, einer der ganz großen Akteure werden wir aber nicht. Wir wollen so wettbewerbsfähig sein, dass wir große fremde Portfolios in die Direktvermarktung nehmen und damit auch effizient unser eigenes Portfolio vermarkten.

"Wir haben jetzt extrem volatile Preise erlebt."

Sind langfristige Stromlieferverträge (PPAs) für Sie dann auch interessant?

PPAs machen wir sehr gerne, Wir haben ein milliardenschweres B2B-Portfolio und die Geschäftskunden fragen immer häufiger nach PPAs. Im Moment halten sie sich gerade wieder zurück, das hängt wahrscheinLich mit den sinkenden Strompreisen zusammen und damit, dass sie nicht so richtig einschätzen können, wie sich der Strompreis in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln wird. Wir haben jetzt extrem volatile Preise erlebt.

Es wäre ideal, wenn wir zumindest einen Teil unseres B2B-Geschäftes mit Großkunden und Kunden langfristig gesichert hätten. Das schafft für beide Vertragspartner Planungssicherheit und kann ein Win-win für alle sein.

Ist das Geschäftsfeld Direktvermarktung schon wirtschaftlich bei Ihnen?

Ja, das ist wirtschaftlich. Wir mussten aber vor ein paar Jahren Lehrgeld zahlen. Das war natürlich ärgerlich, aber wir haben dadurch extrem viel gelernt.

Durch die volatilen Preise ist es wirklich ein schwieriges Geschäftsfeld. Das kann man nur machen, wenn man selbst ein großes Portfolio und eine richtig gute Mannschaft hat.

Die Fragen stellte Pauline Faust. Das Interview erschien bereits in der Juni-Ausgabe der gedruckten ZfK.

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