Von Artjom Maksimenko
Deutschland ist mit einem so niedrigen Gasspeicherfüllstand in den Winter gestartet wie schon lange nicht mehr. Gut 75 Prozent (aktuell 74,62 %) bedeuten, dass bei extrem niedrigen Temperaturen bereits Mitte Januar Unterdeckungen drohen.
Das November-Update der Initiative Energien Speichern (Ines) offenbart unter bestimmten Bedingungen eine mögliche Versorgungslücke, die nicht so einfach zu schließen wäre. Damit verschärft Ines ihre Prognose im Vergleich zum September-Update. Dies begründet die Initiative mit einem noch niedrigeren Gasspeicherfüllstand zu Beginn der Winterperiode, einem höheren Gasverbrauch in den vergangenen vier Monaten und einer schwächeren Speicherbefüllung im EU-Binnenmarkt.
Ruf nach staatlichen Mechanismen
"Über das Gasspeichergesetz bestand für die Bundesregierung jederzeit die Möglichkeit, staatliche Instrumente einzusetzen und höhere Füllstände sicherzustellen", kritisiert Sebastian Heinermann, Geschäftsführer von Ines. "Für die Zukunft ist es wichtig, dass die Bundesregierung – wie im Koalitionsvertrag angekündigt – Instrumente auf den Weg bringt, um eine versorgungssichere und kostengünstigere Befüllung der Gasspeicher sicherzustellen." Die regulatorischen Eingriffe der Politik hätten während der Gas-Krise haben zu einem mindestens teilweise dysfunktionalen Markt geführt, sagte er weiter. Der Markt sichere aber nicht alle Risiken ab und hebe nicht alle volkswirtschaftlichen Vorteile. Diese gelte es aber politisch abzusichern oder zu heben. Darin sehe er eine unmittelbare Aufgabe für den Staat.
"Konsequenterweise haben die Koalitionspartner der neuen Bundesregierung sich vorgenommen ein Instrument zu entwickeln, das eine versorgungssichere und kostengünstigere Befüllung der Gasspeicher sicherstellt. Dabei lohnt der Blick auf die Vorgehensweise anderer Länder. Es ist im europäischen Vergleich erkennbar, dass andere Länder es geschafft haben, sich deutlich besser auf den Winter vorzubereiten als Deutschland", sagte der Ines-Geschäftsführer.
Ines hat im Rahmen von drei Szenarien untersucht, wie es um die Versorgungssicherheit Deutschlands im Winter 2025/26 unter bestimmten Voraussetzungen steht. Im ersten Szenario werden die Temperaturen des EU-Wetterjahres 2016 länderspezifisch zugrunde gelegt, um normale Temperaturen zu betrachten. Ein weiteres Szenario nimmt "warme Temperaturen" wie im europäischen Winter 2020 an. Ein drittes Szenario untersucht die Gasversorgung für "kalte Temperaturen" entsprechend des europäischen Winters 2010.
Im Falle von milden Temperaturen werden die Gasspeicher nur moderat entleert, so die Ines-Analyse. Die gesetzliche Mindestfüllstandsvorgabe von 30 Prozent zum 1. Februar 2026 wird eingehalten. Auch bei normalen saisonalen Temperaturverläufen würden die Speicher zwar stark entleert sein, die Füllstandsvorgabe werde aber in diesem Fall fristgerecht eingehalten. Die Gasversorgung wäre auch ohne zusätzliche Maßnahmen gesichert.
Lediglich im Extremfall, einem Winter mit ungewöhnlich kalten Temperaturen, droht eine vollständige Entleerung der Gasspeicher – und zwar bereits Mitte Januar. Dann könnte der Bedarf an Gas technisch nicht mehr vollständig gedeckt werden – es droht eine Unterversorgung, die auch zusätzliche Einsparungen bei den Verbrauchern zwingend erforderlich macht. "Im Fall der extrem kalten Temperaturen gehen die Modellierungen bereits davon aus, dass die Importmöglichkeiten über Grenzübergangspunkte und auch über LNG-Terminals maximal ausgeschöpft werden", erläuterte Heinermann auf ZfK-Nachfrage. Insbesondere im Fall der LNG-Terminals gehe Ines sogar von einer Vollauslastung über den gesamten Zeitraum ausgegangen. Die von Ines ausgewiesenen Gasmangelsituation werde trotzdem eintreten. In diesem Fall würde Deutschland den Winter mit einem Speicherstand zum 31. März von etwa 20 Prozent beendet. Das wäre ein Stand unter Befüllungsstand nach dem Krisenwinter 2022 (26,64%). Das würde die Gaswirtschaft vor Herausforderungen stellen, für die Mindestziele für den Winter 2026/27 zu erreichen.
Bundesnetzagentur sieht keinen Grund zur Sorge
Für die Bundesnetzagentur sind die von Ines präsentierten Szenarien kein Grund zur Sorge. Auf Anfrage der dpa sagte ein Sprecher der Behörde, dass sich die Versorgungslage in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert habe. Deutschland verfüge nun dank neuer LNG-Terminals über zusätzliche Importmöglichkeiten. "Wir halten die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick für gering", so seine Aussage.
Sollte der gesetzlich vorgeschriebene Mindestfüllstand von 30 Prozent im Februar 2025 verfehlt werden, könnten das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur Maßnahmen einleiten. So könnte Deutschland beispielsweise eine Firma beauftragen, die möglichst schnell zusätzliche Gasmengen vom Weltmarkt kauft und heranschaffen lässt. Dies war im Krisenwinter 2022/2023 der Fall.




