Wie verändert sich der Markt für THG-Quoten durch digitale Plattformlösungen, innovative Geschäftsmodelle und neue regulatorische Rahmenbedingungen? Jens Schumacher von der STX Group gibt exklusive Einblicke in die dynamische Entwicklung eines der spannendsten Segmente der Energiewirtschaft. Im Interview spricht er über Chancen, Herausforderungen – und warum gerade jetzt die richtige Weichenstellung entscheidend ist.
Welche innovativen Geschäftsmodelle haben sich im Bereich des THG-Quotenhandels in den letzten Jahren etabliert?
Der intensive Wettbewerb unter den Dienstleistern treibt die Entwicklung in den Kernbereichen – regulatorische Abwicklung und Vermarktung – stetig voran und führt zu einer klaren Differenzierung durch spezialisierte Angebote für verschiedene Akteursgruppen. Dazu zöhle ich beispielsweise Privatpersonen im B2C-Bereich. Für sie stehen vor allem eine maximale Automatisierung und Einfachheit im Vordergrund. Dienstleister bieten für sie White-Label-Strecken oder Portale zur schnellen Vermarktung von E-Auto-Quoten, oft mit Preisgarantie. Der Fokus von Unternehmen und Flottenbetreibern im B2B-Sektor liegt auf effizienten B2B-Prozessen. Skalierbare Portale ermöglichen die Verwaltung von E-Flotten, inklusive der Bulk-Uploads und des Reportings, und Ladeinfrastruktur, bis hin zu Vermarktungsstrategien für Großvolumen wie Index-Preismodellen oder mehrjährigen Festpreisgarantien.
Die Stadwerke hingegen vereinen diese beiden Ansätze. Sie verfügen meistens über große Endkundenstämme, deren THG-Quoten effizient über White-Label-Lösungen des Dienstleisters abgewickelt werden können, die das Stadtwerk unter eigener Marke anbietet. Zugleich betreiben diese Versorger auch eigene Fuhrparks sowie eine eine öffentliche Ladeinfrastruktur im B2B-Segment, deren Quotenmanagement über digitale Portale erfolgt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt für viele Stadtwerken und Energieversorgern zusätzlich im Bereich Biomethan: Betreiben diese Bioerdgas- beziehungsweise Ergas-Tankstellen, können sie spezialisierte "Tolling"-Modelle nutzen. Hierbei übernimmt der Dienstleister die komplexe regulatorische Abwicklung und die Vermarktung der Biokraftstoff-Quoten, inklusive der Lieferung des Biomethan, bzw. der erforderlichen Nachhaltigkeitsnachweise. Für das Stadtwerk resultieren aus diesem Modell attraktive Konditionen. Gerade durch die Vermarktung dieser fortschrittlichen Biokraftstoff-Quoten kann sich der Betrieb von Biogastankstellen insbesondere in den Jahren 2025 und 2026 als sehr lukrativ erweisen.
"Nach den Marktturbilenzen sind Verlässlichkeit und finanzielle Stabilität des Dienstleisters ein zentrales Thema für alle Marktakteure geworden "
Ein zentrales Thema, das alle Akteure eint und nach den Marktturbulenzen zur entscheidenden Differenzierungsmöglichkeit geworden ist, ist die Verlässlichkeit und finanzielle Stabilität des Dienstleisters. Insolvenzen verschiedener Marktteilnehmer in den vergangenen Jahren waren oft nicht allein dem Preisverfall geschuldet, sondern eher einem unzureichenden ganzheitlichen Ansatz inklusive des Risikomanagements. Zuverlaessige Akteure differenzieren sich heute klar durch ein starkes Portfoliomanagement sowie einer nachweisbaren finanziellen Stabilität.
Wie bewerten Sie die aktuelle regulatorische Ausgestaltung des THG-Quotenhandels in Deutschland? Gibt es aus Ihrer Sicht strukturelle Schwächen, die Marktpotenziale hemmen oder Fehlanreize setzen?
Das wohl drängendste Thema der jüngeren Vergangenheit, das auch zu erheblichen Marktverwerfungen geführt hat, betrifft die Anrechnung von Biokraftstoffen aus dem EU-Ausland und die Sicherstellung ihrer Nachhaltigkeit, insbesondere im Kontext der sogenannten Doppelanrechnung. Der massive Import von teils sehr günstigen Biokraftstoffen, bei denen Unregelmäßigkeiten bei den Herkunfts- und Nachhaltigkeitsnachweisen vermutet wurden – die Diskussion um POME (Palm Oil Mill Effluent, Anm. d. Redaktion) aus Asien ist hier ein bekanntes Beispiel – hat zu einem deutlichen Preisverfall bei den THG-Quoten geführt. Diese Entwicklung hat die Planbarkeit für alle Marktteilnehmer erschwert und war sicher nicht im Sinne des Erfinders, da sie die Anreize für Investitionen in heimische Elektromobilität und nachweislich nachhaltige fortschrittliche Biokraftstoffe reduziert hat. Hier sind robuste Kontrollmechanismen und klare Regelungen entscheidend, um die Integrität des Systems zu wahren.
Ein weiterer, nachrangiger Aspekt, der diskutiert wird, ist die Regelung zur Übertragung von Quotenmengen ins Folgejahr durch nicht verpflichtete Dritte, beispielsweise Aggregatoren oder Ladeinfrastrukturbetreiber. Die aktuelle Handhabung, bei der übertragene Mengen gegen die erhöhte Quote des Folgejahres gerechnet werden, kann für diese Akteure eine gewisse Hürde darstellen: Die Übertragung von 24 auf 27 hat einen Verlust von 6,5 Prozent zur Folge. Hier könnte man überlegen, ob eine Anpassung zur weiteren Harmonisierung des Marktes sinnvoll wäre.
Welche Rolle spielen digitale Plattformlösungen und automatisierte Prozesse beim Skalieren von Geschäftsmodellen im THG-Quotenmarkt – und wo liegen derzeit technische oder rechtliche Engpässe?
Digitale Plattformlösungen und automatisierte Prozesse sind absolut entscheidend für die Skalierung der Geschäftsmodelle im THG-Quotenmarkt. Man kann sagen, sie sind die technologische Grundlage dafür, dass der Markt überhaupt in seiner heutigen Form funktionieren kann. Zum Thema Skalierung: Nur durch die Automatisierung der Prozesse können Dienstleister die riesigen Mengen an Anträgen, insbesondere im B2C-Bereich, effizient bearbeiten. Dies umfasst den Upload von Dokumenten, Plausibilitätsprüfungen und die Kommunikation. Auch im B2B-Bereich ermöglichen digitale Portale und teils API-Schnittstellen die effiziente Verarbeitung von Daten aus Flotten und Ladeinfrastruktur. Wichtig dabei ist auch der Marktzugang: automatisierte Prozesse und benutzerfreundliche Plattformen senken die Hürden für Endkunden und Unternehmen erheblich und machen die Teilnahme am Quotenhandel erst attraktiv und niederschwellig möglich. White-Label-Lösungen für Stadtwerke oder Flottenmanager bauen direkt darauf auf.
Trotz dieser weit fortgeschrittenen Digitalisierung auf Seiten der Dienstleister gibt es derzeit noch signifikante Engpässe im Gesamtsystem, die sowohl technischer als auch administrativ-rechtlicher Natur sind. Zum einen zähle ich dazu die Bearbeitungszeiten beim Umweltbundesamt, UBA. Die langen Wartezeiten auf die offiziellen UBA-Bescheide sind ein häufiger Flaschenhals. Diese Verzögerungen im behördlichen Prozess binden Kapital bei den Dienstleistern und führen zu Unsicherheit bezüglich des Zeitpunkts der finalen Quotenvermarktung und Auszahlung. Zum anderen sind es die nicht-digitalisierter Übertragungsprozesse. Dies ist ein weiterer Engpass bei der Übertragung von den zertifizierten Quoten. Dass die hierfür nötigen Formulare bis zum Stichtag im Folgejahr, beispielsweise 15.04., per Post übermittelt werden müssen und danach ausgewertet werden, ist administrativ und technisch nicht mehr zeitgemäß. Dies verlangsamt den gesamten Zyklus unnötig. Hier zeigen andere europäische Länder mit durchgängig digitalisierten Melde- und Übertragungswegen, dass schnellere und effizientere Lösungen möglich sind, die letztlich auch die finanzielle Abwicklung beschleunigen könnten. Deutschland hat hier klaren Nachholbedarf bei der Digitalisierung der behördlichen Prozesse.
Wie reagieren etablierte Mineralölunternehmen auf die zunehmende Konkurrenz durch neue Akteure im THG-Quotenmarkt – und entstehen daraus Kooperationsmodelle oder eher Konfliktlinien?
Ähnlich wie auf der Produzentenseite achten auch die verpflichteten Mineralölunternehmen zunehmend auf die finanzielle Stabilität der Dienstleister bzw. Aggregatoren. Grundsätzlich sehen sie diese weniger als Konkurrenz, sondern als strategische Partner, um schwer zugängliche Quotenmengen – insbesondere im B2C-Bereich – abzudecken und so ihren Verpflichtungen effizient nachzukommen. Genau wie manche Produzenten an langfristigen, preislich fixierten Abnahmemodellen interessiert sind, suchen auch viele Verpflichtete zunehmend nach stabilen Lieferstrukturen – etwa in Form von Langfristverträgen oder indexbasierten Preismodellen –, um Planungssicherheit zu gewinnen.
Welche politischen Entwicklungen könnten den THG-Quotenhandel in den nächsten 2–3 Jahren maßgeblich verändern – und wie bereiten sich Unternehmen darauf strategisch vor?
In den nächsten 2–3 Jahren und darüber hinaus wird die nationale Umsetzung der RED III die zentrale Weichenstellung für den THG-Quotenmarkt sein. Entscheidend wird sein, ob die Quotenverpflichtung ambitioniert angehoben wird. Aus Sicht der Investitionssicherheit ist eine rasche Erhöhung der derzeitigen Ziele notwendig. Glücklicherweise hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsschreiben vom vergangenen Monat bereits eine positive Haltung zu ambitionierten Klimazielen signalisiert.
Des weiteren wird zunehmend hinterfragt, ob die Doppelanrechnung fortschrittlicher Kraftstoffe aus dem EU-Ausland noch gerechtfertigt ist: Bereits 2024 wurde die gesetzlich geforderte Mindestmenge gemäß 38. BImSchV um mehr als das Zehnfache übererfüllt – das für 2030 gesetzte Ziel wurde damit sechs Jahre früher stark übererfüllt. Sollte diese Doppelanrechnung bestimmter Biokraftstoffe zukünftig wegfallen, würde der Bedarf an Biokraftstoffen deutlich steigen – ein wesentlicher Faktor, der die Marktgröße maßgeblich beeinflussen könnte.
Eine weitere Förderung erscheint unter diesen Bedingungen regulatorisch nicht mehr notwendig. Unternehmen stellen sich strategisch auf, indem sie ihre Erfüllungsoptionen diversifizieren, langfristige Lieferbeziehungen aufbauen und in robuste, regulatorisch tragfähige Strukturen investieren. Klare politische Rahmenbedingungen sind dafür essenziell – ohne sie drohen Unsicherheit, Marktverzerrungen und ausbleibende Investitionen.
Das Interview führte Artjom Maksimenko


