Lars Quiring ist Vorstand des Leipziger IT-Unternehmens und Datendienstleisters Get AG. Zu diesem gehört auch das Portal Preisvergleich.de.

Lars Quiring ist Vorstand des Leipziger IT-Unternehmens und Datendienstleisters Get AG. Zu diesem gehört auch das Portal Preisvergleich.de.

Bild: © Get AG

Herr Quiring, einzelne Vergleichsportale berichten über teils rekordhohe Gaps zwischen Bestandskundenpreisen in der Grundversorgung und Neukundentarifen bei Strom und Gas. Wie hoch sind diese Gaps in der Spitze bei Preisvergleich.de?

Lars Quiring: Eine Momentaufnahme vom ersten November zeigte für die Vermarktung von Tarifen auf Preisvergleich.de im Stromsegment in der Spitze einen Preisabstand von gerundet 2.197 Euro pro Jahr (brutto) eines Wettbewerbsangebots im Vergleich zum Grundversorgungstarif.

Und im Gassegment belief sich der Preisabstand eines Wettbewerbsangebots im Vergleich zum Grundversorgungstarif in der Spitze sogar auf gerundet 5.037 Euro pro Jahr (brutto).
 
Die Angaben beziehen sich auf einen Jahresverbrauch Strom (3.500 kWh) und Gas (20.000 kWh). Angenommen wurde eine Mindestvertragslaufzeit von max. 12 Monaten; mögliche Boni wurden berücksichtigt. Da sich die Preisstellungen der Wettbewerber täglich ändern können, handelt es sich nur um eine Momentaufnahme.
 

 

 Wie entwickelt sich das Wechselverhalten der Kunden und damit die Zahl der Abschlüsse auf Preisvergleich.de im Strom- und Gasbereich?
Quiring: Das Wechselinteresse der Strom- und Gasverbraucher war auch in 2022 recht hoch, wie Tarif-Anfragen auf Preisvergleich.de gezeigt haben. Allerdings gab es nur wenige alternative Neukundenangebote und vor allem Preisstellungen, die über denen der Bestandskundenverträge bzw. der lokalen Anbieter lagen.

Nach einer typischen Delle im Sommer sind die Wechselaktivitäten wieder stark angestiegen.

 
Die Wechselaktivitäten sind aktuell im Vergleich zum vergangenen Jahr massiv gestiegen. Mit sinkenden Preisen von Wettbewerbern konnte schon im ersten Halbjahr ein vergleichsweise hohes Abschlussvolumen verzeichnet werden. Und nach einer eher typischen Delle im Sommer sind die Wechselaktivitäten wieder stark angestiegen. Im Gassegment sind gegenwärtig die Abschlusszahlen höher als gewohnt.
 
Wie fällt Ihre Prognose hier für den Rest der Heizperiode aus?
Es gibt noch Unwägbarkeiten hinsichtlich der Verlängerung der Preisbremsen. Bundestag und EU-Kommission müssen den Plänen noch zustimmen. Werden sie verlängert, steigt der Kommunikationsaufwand auf Seiten der Versorger und das Wechselinteresse könnte bei Verbrauchern getriggert werden.

Werden die Preisbremsen nicht verlängert, könnte es Härtefälle geben, die wiederum aus Kostengründen die Wechselaktivitäten steigen lassen.

Nach unseren Berechnungen steigen im Stromsegment die Netzentgelte ab 2024 für Haushaltskunden um durchschnittlich 11,6 Prozent.

 
Nach unseren Recherchen und Berechnungen steigen im Stromsegment die Netzentgelte ab 2024 für Haushaltskunden im bundesweiten Mittel um rund 11,6 Prozent. Durch den geplanten Zuschuss des Bundes in Höhe von 5,5 Milliarden Euro könnten die Übertragungsnetzentgelte nahezu konstant gehalten werden.

Allerdings gilt dafür ein Vorbehalt, da zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die gesetzliche Grundlage für diesen Zuschuss fehlte. Der Bundestag muss auch diesem Beschluss der Bundesregierung noch zustimmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Stromvertriebe Kostensteigerungen weitergeben wollen, wodurch sich die Wechselaktivitäten rund um den Jahreswechsel noch einmal steigern können.

Und wie fällt Ihr Ausblick im Gassegement aus?
Im Gassegment ist zum kommenden Jahr für Haushaltskunden im bundesweiten Mittel bei Netzentgelten mit einer Entlastung um knapp 1 Prozent zu rechnen. Allerdings soll der CO2-Preis nach dem Willen der Bundesregierung 2024 stärker steigen als im zweiten Gesetz zur Änderung des Brennstoffemissionshandelsgesetzes vom November 2022 vorgesehen.

Außerdem steht zum Jahreswechsel die Fortführung des reduzierten Mehrwertsteuer-Satzes für Gas- und Wärmlieferungen auf der Kippe. Die beiden letzten Faktoren lassen Preissteigerungen mit pushender Wirkung auf die Wechselaktivitäten erwarten.
 
Die Entwicklung der Gasbeschaffungspreise (die Märkte waren in den letzten Wochen etwas nervös) hängt neben Konflikten aus der Nahost-Krise auch von der Wetterlage im Winter ab. Sollten die Beschaffungspreise noch einmal stark steigen, kommt das Energievertrieben, die kurzfristig beschaffen, nicht entgegen. Die Preisschere zwischen Alternativangeboten und Grundversorgungs- bzw. Bestandskundentarifen könnte sich verringern und damit die Attraktivität von Neukundentarifen für wechselwillige Kunden.

Es wird wieder mit höheren Boni als Vertriebsinstrument in der Neukundenakquise gearbeitet.

 
Der überregionale Vertrieb ist ja in der jüngsten Energiekrise deutlich zurückgefahren worden. Wie hat sich dieses Segment im laufenden Jahr entwickelt, wie intensiv ist hier mittlerweile wieder der Wettbewerb?
Der Wettbewerb hat wieder massiv zugenommen. Bis auf wenige EVU, die im Zuge der Krise den Vertrieb ganz eingestellt haben, ist das Gros der bekannten Marktplayer wieder zurück – der Markt überregional und deutschlandweit umkämpft.
 
Es wird teilweise wieder mit höheren Boni als Vertriebsinstrument in der Neukundenakquise gearbeitet. Aufgrund der am 3. August verkündeten Novelle der Preisbremsengesetze gelten für Strom- und Gastarife, deren Arbeitspreis sich unter dem gedeckelten Referenzpreis bewegt, keine Beschränkungen mehr für monetäre Zugaben.

Es gibt aber auch EVU, die auf günstige Arbeitspreise ohne hohe Boni setzen. Auffallend weniger sind hingegen Angebote mit Laufzeit von 24 Monaten zu finden, die sich preislich in Schlagdistanz bewegen. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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Mehr zur aktuellen Preisanpassungsrunde und die Strategien kommunaler Versorger finden Sie in der Novemberausgabe der ZfK. Zum Abo geht es hier.

 
 

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