Preisturbulenzen nicht ausgeschlossen: Der Kohleausstieg wird zum Stresstest für Regierung und Energieversorger.

Preisturbulenzen nicht ausgeschlossen: Der Kohleausstieg wird zum Stresstest für Regierung und Energieversorger.

Bild: © EEX

Das Beschaffungsmanagement der Energiebranche ist seit der zweiten Jahreshälfte 2021 deutlich volatileren Energiepreisen ausgesetzt. Auf derart extreme Marktsituation sind klassische Risikomanagementansätze nicht ausgelegt. Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen plant deshalb Investitionen in ihr Risikomanagement. Das belegt eine Umfrage von Mitte Februar im Rahmen der Stadtwerkestudie 2022, für die EY und der Verband BDEW deutschlandweit 100 Stadtwerke und regionale Energieversorger befragt haben. Das umfassende Branchenbarometer erscheint in diesem Jahr zum 20. Mal.

Aufgrund der neuen Energiemarktsituation haben auch die Liquiditätsrisiken deutlich zugenommen. Knapp 50 Prozent der Befragten erwarten in den nächsten fünf Jahren einen Anstieg von Insolvenzen bei Energieversorgern, die auch Grundversorger sind. Die stark angestiegenen Energiepreise hätten nicht nur zu Margenverlusten geführt: einige Versorger wiesen auch Fehlbeträge bei den eingeplanten Cash-Reserven aus und schlitterten in Liquiditätsengpässe, heißt es weiter. Um solche Liquiditätsprobleme in Zukunft zu reduzieren, kümmerten sich Versorger um variable Beschaffungskonzepte und -kanäle.

Ungefähr ein Drittel der Befragten will sich stärker auf grüne Energie konzentrieren. Allerdings wird von einer Verknappung des Stroms aus erneuerbaren Energien ausgegangen. Ungeachtet dessen rechnen rund 60 Prozent der Stadtwerke-Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen auch für das Geschäftsjahr 2022 mit einem geschäftlich erfolgreichen Jahr.

Zukunft des Vertriebs liegt bei Energiedienstleistungen und ganzheitlichen Lösungen

Aufgrund der Wettbewerbsintensität und der hohen Beschaffungspreise rechnen über zwei Drittel der Befragten in den nächsten Jahren mit einem stagnierenden bis rückläufigen Commodity-Geschäft. Die Zukunft im Stadtwerkevertrieb wird deshalb in der Bereitstellung ganzheitlicher, skalierungsfähiger Energiedienstleistungen für Endkunden gesehen. Im Fokus ständen dabei Energielösungen bestehend aus Energiewende-Technologien (beispielsweise Wärmepumpe, PV-Anlage, Wallbox, Speicher), einem Energiemanagementsystem und der Reststromlieferung.

Klare Dekarbonisierungsstrategie wird immer wichtiger

Durch den Krieg in der Ukraine wird aber auch der Ausstieg aus fossilen Energiequellen jetzt noch dringlicher. Die Dekarbonisierung spielte bereits im vergangenen Jahr für 72 Prozent der deutschen Stadtwerke eine entscheidende Rolle. Allerdings arbeitet noch rund die Hälfte der Stadtwerke an einer finalen Dekarbonisierungsstrategie.

„Damit Stadtwerke ihre Schlüsselrolle für die nachhaltige Transformation erfolgreich ausfüllen können, benötigen sie dringend einen strategischen Rahmen. Dabei stehen auch die kommunalen Gesellschafter in der Pflicht“, sagt Andreas Siebel, Partner bei EY und Sektorleiter Energy & Resources. Aber auch Kooperationen werden in diesem Zusammenhang immer wichtiger.

Neue Kooperationen unabdingbar

„Wichtig ist, dass die kommunalen Eigner ihren Stadtwerken auch den notwendigen finanziellen Spielraum lassen, um in die Zukunft zu investieren. Das darf nicht von der Kassenlage der Kommunen abhängen. Die Stadtwerke können den Transformationsprozess nur gestalten, wenn sie die notwendigen Investitionen auch tätigen können“, ergänzt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.

Bereits heute setzen 88 Prozent der Stadtwerke auf Kooperationen. Diese finden aber zumeist untereinander statt. Und das soll nach eigenem Bekunden auch so bleiben: So wollen 89 Prozent der Befragten auch künftig regelmäßig mit anderen Stadtwerken enger zusammenarbeiten; lediglich 42 Prozent gehen davon aus, dass Stadtwerke Kooperationen mit Unternehmen aus anderen Branchen eingehen werden. Die häufigsten Kooperationsfelder liegen im Bereich der Energiedienstleistungen und Shared Services.

„Bestehende Kooperationen unter Stadtwerken bestehen insbesondere seit der Liberalisierung der Energiemärkte 1998, etwa in Form eines gemeinsamen Einkaufs“, sagt Metin Fidan, ebenfalls Autor der Stadtwerkestudie 2022, Partner bei EY und Leiter Green Transformation & Mining and Metals in der Region Europe West. „Dabei geht es vor allem um Kostenersparnisse und Effizienz. Für die aktuellen Herausforderungen wie die digitale und nachhaltige Transformation braucht es aber auch neue Formen der Kooperation, die auf Innovation zielen.“

Aufgabenliste wird länger – finanzielle Situation stagniert

Am stärksten beschäftigen sich Stadtwerke heute mit der Digitalisierung generell (89 Prozent) und der Daten- und Cybersicherheit im Speziellen. Weitere wichtige Aufgabenfelder sind die Optimierung interner Prozesse (82 Prozent), die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter (82 Prozent), die Dekarbonisierung allgemein (67 Prozent) sowie speziell bei der Eigenerzeugung (72 Prozent). „Während die Aufgabenliste der kommunalen Versorger immer länger und dringlicher wird und damit immense Investitionsbedarfe verbunden sind, droht die finanzielle Situation sie zunehmend zu beschränken“, sagt Andreas Siebel.

Die befragten Stadtwerke schätzten den geschäftlichen Erfolg ihres jeweiligen Unternehmens im Jahr 2021 mehrheitlich als sehr gut ein. Jedoch stehen die Margen immer mehr unter Druck.

Aktives Finanzmanagement wichtiger denn je

Vor diesem Hintergrund wird das aktive Management der Finanz- und Liquiditätssituation für Kommunalversorger immer wichtiger. Zu deren Verbesserung nutzt gut die Hälfte der Befragten Kosten-Benchmarks, jeweils 48 Prozent bündeln Aufgaben in Shared-Service-Centern und arbeiten mit Dienstleistern zur Kostensenkung zusammen.

Kreditrahmenverträge wurden von 47 Prozent der befragten Unternehmen neu verhandelt, aber nur 27 Prozent nutzen hierfür Bankenkonsortien. Die Finanzierungsfähigkeit scheint bei 87 Prozent der Studienteilnehmer so solide, dass sie ohne Kommunalbürgschaften ihres Gesellschafters operieren können. (hoe)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper