Dass die Versorgungssicherheit in Deutschland in einem solchen Ausmaß gefährdet ist, wie die aktuell, daran kann sich Herbert Marquard in seiner gesamten Berufslaufbahn in der Energiewirtschaft nicht erinnern. Auf den Tag genau 50 Jahre ist es her, dass der heute 68-Jährige in der Branche als Auszubildender bei der Rhenag angefangen hat.
„Krisen und große Herausforderungen hatte ich eigentlich genug in meinem Arbeitsleben, da ist der Krieg sicherlich nochmals eine neue Qualität. Die Gefahr einer Gasmangellage ist real“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim (SWP). Der Handel mit Gas sei fast zum Erliegen gekommen. Die Nachfrage sei hoch, aber es gebe kaum Angebote
Marquard befürchtet daher, dass im Zuge der aktuellen Verwerfungen auf dem Energiemarkt eine Vielzahl von Privatkunden, die von ihrem aktuellen Anbieter keine Folgeangebote mehr bekommen, eventuell bei den SWP aufgefangen werden müssen. „Diese zusätzlichen Mengen müssen dann über die Spotmärkte beschaffen werden“.
Strom und Gas : SWP sind bereits für 2022 und 2023 komplett eingedeckt
Sorgen bereitet ihm auch, dass einige Geschäftskunden ihren Energiebedarf für 2023 noch nicht abgesichert hätten. Diese müssten den aktuellen hohen Marktpreis zahlen.
An erster Stelle stehe für die SWP die Versorgungssicherheit der Kunden und die Sicherung der Liquidität. Aufgrund einer langfristig orientierten Beschaffungsstrategie seien sowohl die erforderlichen Gas- und Strommengen für dieses und das kommende Jahr bereits beschafft. Auch in der Erzeugung sieht Marquard das Unternehmen gut aufgestellt. Das Heizkraftwerk werde in der Grundlast über den Biomasseblock, sprich via Holzhackschnitzeln, gefahren. Für die zur Spitzenlastabdeckung im Winter verwendeten Gasmotoren käme als Alternative auch eine Heizölverfeuerung in Frage. „Hier sind wir somit gut aufgestellt“.
Pionierarbeit beim Aufbau der Energiewirtschaft in Ostdeutschland
Als Marquard am 1. August 1972 seine Ausbildung begann gab es noch kein Erdgas, sondern Stadtgas (oft durch Kohlevergasung hergestelltes Brenngas). Kurz nach seinem Einstieg erfolgte die große Umstellung auf Erdgas, viele Geräte mussten getauscht werden. Nach der Ausbildung absolvierte er zusätzlich eine Ausbildung bei IBM zum Programmierer. Die prägendste und aufregendste Zeit erlebte Marquard aber nach dem Mauerfall in verschiedenen führenden Positionen beim Auf- und Umbau der Energiewirtschaft im Osten Deutschlands. „Das war echte Pionierarbeit. Aber andererseits auch ein tolles Betätigungsfeld für jemanden, der gerne etwas bewegen mochte“.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren von Dresden aus einen großen Regionalversorger in Ostsachsen aufbauen – so lautete die Aufgabe. Doch aus fünf Jahren wurden insgesamt 27 bei verschiedenen ostdeutschen Kommunal- und Regionalversorgern. Von 1991 bis 2008 war Marquard Geschäftsführer der Gasversorgung Sachsen Ost, ab 1993 parallel Sprecher der Geschäftsführung der Energieversorgung Pirna. Von 2008 bis 2010 ist er Vorstandsmitglied der Enso AG.
An der Gründung von acht Stadtwerken beteiligt
„Ich habe in der Zeit insgesamt acht Stadtwerke gegründet und für verschiedenste Energiekonzerne gearbeitet. In diesen Konzernstrukturen habe ich mich irgendwann nicht mehr richtig wohlgefühlt.“ Er konzentriert sich auf die Tätigkeit bei den Stadtwerken Pirna, wo er ab 2014 Kaufmännischer Geschäftsführer wird, von 2016 bis 2018 ist er in gleicher Funktion für die Eins Energie in Chemnitz tätig.
Erfolgreiche Sanierung der Stadtwerke Pforzheim
„Ende 2018 wollte ich eigentlich in den Ruhestand gehen, als mich der Anruf der Thüga erreichte, dass es in Pforzheim massive Probleme gibt“. Ursprünglich sollte er als Berater für ein Jahr bleiben, mittlerweile ist er dort seit über drei Jahren Geschäftsführer und sein Vertrag wurde erst kürzlich bis zum 31. Mai 2025 verlängert.
„Als ich hier ankam, waren die SWP nicht mehr bankenfähig und so gut wie pleite.“ Doch die Restrukturierung zeige mittlerweile große Erfolge, es herrsche eine Aufbruchstimmung im Mitarbeiterteam, die Transformation des Unternehmens und die Erschließung neuer Geschäftsfelder würden mit viel Engagement vorangetrieben. „Meine Aufgabe macht mir nach wie vor großen Spaß und deshalb freue ich mich sehr, dass mir der Aufsichtsrat erneut das Vertrauen ausgesprochen und meinen Vertrag um drei weitere Jahre verlängert hat.“ (hoe)



