Die Stadtwerke Parchim sind mit einer Tochter in das High-End-Mineralwassergeschäft eingestiegen. Bereits Mitte April war der "Launch", also der Vertriebsstart des stillen Wassers "Minus 181", im Grand Hotel Heiligendamm, wo 2007 der G8-Gipfel der acht größten Wirtschaftsnationen stattgefunden hatte und das einer der ersten Kunden wurde. Das erfuhr die ZfK exklusiv von Stadtwerkechef Dirk Kempke.
Der 54-Jährige ist auch CEO der Mineralwassertochter der Stadtwerke. Diese GmbHheißt ebenfalls "Minus 181". Sie steht seit 2017 im Handelsregister und "verfolgt öffentliche Zwecke im Sinne der §§ 68 ff. Kommunalverfassung für das Land Mecklenburg-Vorpommern". Die Stadtwerke halten 51 Prozent, den Rest private Gesellschafter. An den Stadtwerken selbst halten Eon, Wemag und eine private EBG Energiebeteiligungsgesellschaft Minderheitsanteile. Der Rat der Stadt hatte vor eineinhalb Jahren einstimmig grünes Licht für "Minus 181" gegeben.
Mineralwasserbranche – vom Konkurrenten zur Tochter
Die Mineralwasserbranche wird in der Stadtwerkewelt häufig als Konkurrent der eigenen Trinkwasserversorgung angesehen. Sie habe es, so wird neidvoll attestiert, erreicht, seltener und oberflächlicher kontrolliertes Wasser zum vielfachen Preis von Leitungswasser zu verkaufen. Das ist dann – neben der Demografie – einer der Gründe, warum der Trinkwasserverbrauch mancherorts auf ein Niveau sinkt, bei dem hygienische Sonderspülungen auf Kosten aller Anschlussnutzer nötig werden.
Jetzt wird ein Stadtwerk indirekt selbst zum Mineralwasseranbieter, und zwar der Versorger eines 18.000-Einwohner-Mittelzentrums im ländlichen Mecklenburg. Dirk Kempke weist auf die Besonderheiten des ohnehin schon seltenen Geschäftsfeldes hin:
- Spitzenrestaurants mit mindestens einer Erwähnung in Gastroführern wie Guide Michelin und "Feinschmecker"
- Luxushotels, wie etwa das Grand Hotel Heiligendamm oder das Swiss Hotel in Berlin
- Autohäuser für Luxusfahrzeuge
- weitere Luxuswarenhändler wie Juweliere oder Uhrmacher im High-End-Segment
- Zunächst ist die D-A-CH-Region das Vertriebsziel.
- Der Flaschenpreis ist hoch, unterliegt aber ebenso wie die Angebotsmengen der Diskretion, um das Geschäftsmodell zu schützen. Dirk Kempke nannte der ZfK-Redaktion eine Hausnummer.
- Vom 1. Juli an gehört Minus 181 dem "The Luxury Network" an.
- An Privatpersonen (B2C) wird nicht verkauft.
Alles begann mit neuer Bohrung für Trinkwasser
"Die Chance für unsere Geschäftsidee ergriffen wir 2011, als wir mehrere etwa 200 Meter tiefe Brunnen gebohrt hatten in der Hoffnung, auf makelloses Trinkwasser für unsere Bürger zu stoßen", berichtet Dirk Kempke. Die angezapften Vorkommen stellten sich als völlig schadstoff- und keimfrei heraus. Sie lassen sich direkt ohne Behandlung verwerten. Das externe Labor bescheinigte dem gefundenen Nass hochwertige Gehalte an Mineralien und einen leicht basischen pH-Wert von 7,36.
Das war der Punkt, an dem Dirk Kempkes Team die Geschäftsidee entwickelte, einen der neuen Brunnen, der 181 Meter tief ist, nach Mineralwasserverordnung zertifizieren zu lassen und dessen Mineralwasser in Flaschen abzufüllen. Daher auch der Name der Marke: Minus 181. Alle neuen Brunnen sind artesische Brunnen, wie sie selten in Deutschland vorkommen. Das heißt, das Wasser strömt mit Eigendruck ohne Pumpen an die Oberfläche.
Weltweit einzigartiger Glasverschluss
Technisch erfüllen Produktion und Produkt ebenso exklusive Ansprüche, geht aus Angaben Kempkes hervor:
- Auf dem historischen Wasserwerksgelände der Stadtwerke Parchim hat Minus 181 seine "Manufaktur" zum Abfüllen errichtet. Dort ist auch der Geschäftssitz – Stichwort lokale Wertschöpfung. Erste Flaschen sollen vom 1. Juni an ausgeschenkt werden, zum Beispiel im Restaurant "Waterkant" im Riverside-Hotel in Hamburg.
- Die Stadtwerketochter war europaweit auf der Suche nach einem Hersteller für nahtlos geblasene Flaschen.
- Die Flaschen sind minimalistisch gestaltet. Sie haben kein aufgeklebtes Etikett, sondern ein eingebranntes Logo. "Auch der Verschluss ist aus Glas", schwärmt Heizungs- und Klimaingenieur Kempke. "Das ist weltweit einzigartig."
- Mit dem global aufgestellten Kufsteiner Glasproduzenten Riedel entwickelte die Stadtwerketochter an das Mineralwasser angepasste Trinkgläser.
- Wassersommeliers rühmen die Klarheit, Weichheit und Gaumenfreundlichkeit des Wassers. Es wird am besten bei zehn bis zwölf Grad Celsius serviert.
Überschaubare Risiken
Die Risiken des neuen Geschäftsfeldes dürften überschaubar sein: Sie sind in der neuen Tochter, die mit 100.000 Euro Stammkapital und zusätzlichem Eigenkapital von 900.000 Euro ausgestattet ist, von der Mutter abgegrenzt. Alle Investitionen wurden ohne Bürgschaften fremdfinanziert. Deren Höhe ist Geschäftsgeheimnis. Im Gesellschaftervertrag sind Nachschüsse ausgeschlossen.
Der Lokalversorger erwirtschaftete 2016 aus knapp 23 Mio. Euro Umsatz ein Ergebnis von 3,2 Mio. Euro vor Ertragsteuern, Ausgleichszahlungen an die Minderheitsgesellschafter und Ergebnisabführung. Das steht im jüngsten veröffentlichten Jahresbericht der Stadtwerke. (geo)
Hier externer Link zum Youtube-Video vom Lauch von "Minus 181"



