Bis Ende 2022 soll Uniper im Auftrag des Übertragungsnetzbetreibers Tennet ein Gaskraftwerk mit 300 MW Leistung am Kraftwerksstandort Irsching bauen. Dieses soll als besonderes netztechnisches Betriebsmittel fungieren, sprich in besonderen Notsituationen ein Sicherheitspuffer für eine stabile Stromversorgung darstellen. Beim Nürnberger Regionalversorger N-Ergie lösen die Planungen für Irsching 6 nach wie vor Kopfschütteln aus. "Was dort passiert, ist für uns hanebüchen. Das ist die Einführung eines Kapazitätsmarktes durch die Hintertür", kritisierte N-Ergie-Chef Josef Hasler bei der Bilanzpressekonferenz am Montag. Das Unternehmen präsentierte ein solides Jahresergebnis.
Dass Übertragungsnetzbetreiber im Kraftwerkssektor und auch im Bereich der Speichertechnologien aktiv werden, hebelt laut Hasler das Unbundling aus. "Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber hingegen werden massiv kontrolliert, zum Teil mit verdeckten Telefon-Anfragen, ob sie das Unbundling einhalten." Der N-Ergie-Vorstandsvorsitzende hatte Irsching 6 bereits in den vergangenen Monaten mehrfach als "Investitionsruine" bezeichnet.
Irsching 5 war 2018 nur 15 Stunden in Betrieb
N-Ergie selbst ist mit 25,2 Prozent an dem hochmodernen Gaskraftwerk Irsching 5 beteiligt. Aufgrund der aktuellen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen lässt sich die Anlage nicht wirtschaftlich betreiben. Im vergangenen Jahr wurden laut Hasler 15 Volllaststunden gefahren, N-Ergie und die anderen Eigentümer des Blocks haben bereits mehrfach die Stilllegung der Anlage beantragt, doch sowohl Irsching 4 als auch 5 fallen unter die Netzreserveveordnung und dürfen aus Sicht der Bundesnetzagentur nicht abgeschaltet werden.
Da die Aufwendungen für die Bereitstellung dieser Absicherungsleistung nicht kostendeckend vergütet werden, versuchen die Eigentümer die Stilllegung vor Gericht zu erzwingen. Allein im vergangenen Jahr hat N-Ergie weitere drei Mio. Euro für den laufenden Betrieb von Irsching 5 aufgewendet und laut Hasler sofort wieder abgeschrieben. Auch der Anteil an dem Gasblock ist seit längerem komplett abgeschrieben, zusätzlich wurden bereits in den Vorjahren Drohverlustrückstellungen in Höhe von 45 Mio. Euro für weitere Einbußen aus dem operativen Geschäft gebildet. "Wir hoffen natürlich, dass sich die Rahmenbedingungen für Irsching 5 verbessern, für 2019 und 2020 bin ich da aber skeptisch", so Hasler.
"Eine nicht vorhandene Energiepolitik"
Kein gutes Haar ließ der N-Ergie-Chef an der aktuellen Umsetzung der Energiewende und dem dem Klimaschutz. Eine "Energiepolitik sei aktuell in Deutschland nicht vorhanden". Die Versorgungssicherheit liege zwar weiterhin im internationalen Vergleich auf einem Spitzenniveau, der Endkunde werde aber weiterhin mit sehr hohen Strompreisen belastet. Zudem habe e Deutschland seine Klimaziele verfehlt und komme beim Klimaschutz nicht voran.
"Wir glauben deshalb, dass es notwendig ist, auf nationaler Ebene über eine CO2-Bepreisung zu diskutieren", forderte Halser. Es lohne nicht, hier auf eine gemeinschaftliche europäische oder weltweite Initiative zu hoffen. Der aktuelle CO2-Preis von 20 bis 22 Euro pro Tonne müsse auf 40 bis 50 Euro steigen. "Wenn man sich auf verbindliche Klimaziele festgelegt hat, muss man diese auch in Gesetze gießen und kontrollieren, ob und wie sich die einzelnen Sektoren an diese Vorgaben halten", bekräftigte er.
"Einseitige Fokussierung auf HGÜ-Trassen"
Ein zentraler Hebel, um die Kosten der Energiewende zu senken ist für Hasler mehr Dezentralität. Die jüngsten Kostensteigerungen bei der überregionalen Stromtrasse Südlink sieht er kritisch. Statt der im Frühjahr 2017 noch in Aussicht gestellten Kosten für die HGÜ-Trassen in Höhe von 50 Mrd. Euro rechnet Hasler bis zu deren Fertigstellung mit einer Verdopplung auf 100 Mrd. Euro. "Die einseitige Fokussierung auf den Ausbau der HGÜ-Trassen vernachlässigt die Tatsache, dass die Energiewende auf der Verteilnetzebene stattfindet: 97 Prozent aller Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sind am Verteilnetz angeschlossen - ebenso eine wachsende Zahl an Batteriespeichern." Diese wichtigen Themen und Belange der rund 900 Stadtwerke in Deutschland tauchten aber im ersten Drittel der Prioritätenliste der Bundesregierung nicht auf.
Der Fokus der Energiewende müsse aber auf regionaler Erzeugung und regionalem Verbrauch liegen. Hier werden laut Hasler künftig Power-to-X-Anlagen eine wichtige Rolle spielen, beispielsweise beim Umwandeln von Windstrom in Gas und dessen Speicherung im Gasnetz sowie bei der Rückvertromung in Gaskraftwerken spielen. Eine Aufteilung Deutschlands in eine nördliche und eine südliche Strompreiszone hält er dabei für ein überdenkenswertes Szenario. "Das könnte einen Anreiz geben, marktwirtschafltich über Kraftwerksneubauten nachzudenken. Wir wären nicht das einzige Land, das mehrere Strompreiszonen hat, in anderen Ländern funktioniert das auch." (hoe)



