Sylwia Skrzeszewska ist Vertriebsleiterin beim Nürnberger Versorger N-Ergie.

Sylwia Skrzeszewska ist Vertriebsleiterin beim Nürnberger Versorger N-Ergie.

Bild: © N-Ergie

Teure Dunkelflauten im Winter, dafür immer mehr Negativpreise im Sommer: Die Strompreisschwankungen auf den Kurzfristmärkten nehmen zu. Wie können Stadtwerke damit bei Beschaffung und Vertrieb umgehen? Ein Interview mit Sylwia Skrzeszewska, die den Vertrieb der Nürnberger N-Ergie leitet.

Frau Skrzeszewska, welche Auswirkungen hat die zunehmende Preisvolatilität am Strommarkt auf den Vertrieb bei N-Ergie?

Die Entwicklung an den Kurzfristmärkten ist ein Symptom der Tatsache, dass wir einen ungleichzeitigen Verbrauch haben. Im Sommer haben wir ein Überangebot an Strom, im Winter eine Unterdeckung. Für unsere Vertriebs- und Beschaffungsstrategie bedeutet das: Wir müssen eine Produktlandschaft aufbauen, die für den Kunden optimal ist. Das heißt einerseits, die Chancen aus der Volatilität nutzbar zu machen, andererseits, die Risiken abzufedern.

Sind Sie in der Beschaffung inzwischen stärker am Spotmarkt tätig?

Tatsächlich ja. Das liegt vor allem daran, dass unsere Kunden spotmarktbasierte Produkte stärker anfragen. Wir bieten schon seit einiger Zeit auch Liefermodelle an, die entweder einen Spotmarktanteil haben oder ähnlich dem dynamischen Tarif für Privatkunden Ihren Bedarf komplett über den Spotmarkt abdecken. Wir stellen uns darauf ein, dass Kunden mehr Flexibilität haben möchten und Mengen schlechter einschätzen können. Manche Kunden können aufgrund der konjunkturellen Lage ihren Verbrauch schwerer vorhersehen. Andere wollen sich Mengen offenhalten, weil sie PV-Anlagen oder Speicher planen. Da sind starre Modelle wie in der Vergangenheit weniger nachgefragt.

Beschaffen Sie insgesamt kurzfristiger – auch am Terminmarkt?

Da gibt es keine eindeutige Tendenz. Wir haben auch Kunden, meist große Industriekunden, die ein günstigeres Preisniveau am langen Ende des Terminmarktes einloggen möchten. Die Volatilität steigt auch an den langfristigen Märkten – nicht nur am Spotmarkt.

Die Strategie hängt hier im Einzelfall stark von der Risikostreuung und der Markteinschätzung der Kunden ab. Unsere Aufgabe ist es, zu beraten und zu diskutieren. Wir geben auch Signale, wenn wir der Meinung sind, dass es sich jetzt lohnt, langfristige Komponenten einzukaufen.

Mit der Volatilität steigen auch Ihre Risiken als Versorger. Wie sichern Sie sich ab?

Wir gehen in die Abstimmung mit dem Kunden, um Verbräuche möglichst exakt zu prognostizieren und Mengenrisiken zu minimieren. Vorrangig geht es dann darum, Chancen am Strommarkt zu nutzen und Kunden zur Flexibilisierung zu bewegen. Etwa über Lastverschiebung oder auch den Einsatz von Batteriespeichern. Dadurch federn wir automatisch auch Risiken ab.

Wie gehen Sie bei der Prognose vor?

Wir setzen stark auf persönliche Beziehungen zum Kunden, um deren Verbrauch optimal einzuschätzen. Stehen Produktionskürzungen oder -verlagerungen bevor? Das betrifft aber auch die Erzeugungsseite, etwa, wenn Kunden eigene PV-Anlagen betreiben. Wetterprognosen werden immer wichtiger. Es ist entscheidend, Erzeugung sauber zu prognostizieren und Prozesse immer weiter zu automatisieren. Um die Prognosegüte weiter zu erhöhen, setzen wir auch auf Algorithmen.

Wie schwer ist es, Preisniveaus für die Kunden langfristig zu garantieren?

Höhere Volatilität bedeutet höheres Risiko. Das spiegelt sich in Risikokomponenten im Pricing wider. Andererseits bietet Preisvolatilität viele Chancen. Wir wollen allen Kundengruppen die Möglichkeit geben, sich zu optimieren. Aktuell sehen wir diese Entwicklung vor allem bei Großkunden. Für diese stellt sich die Frage: Wie viele Risiken kann oder möchte ich übernehmen und wo benötige ich eine Versicherung? Jeder Festpreis ist eine Versicherung, die ich mit einem Aufschlag bezahle.

Wie viel Flexibilität gibt es bei Ihren Gewerbe- und Industriekunden?

Das ist durchmischt. Die Kunden werden Flexibilisierungsmöglichkeiten erst nutzen, wenn es sich finanziell rechnet. Je größer die Preisspreads am Strommarkt, desto größer ist der Nutzen, Lasten zu verschieben. Dem stehen Personalkosten und andere Kosten gegenüber. Viele Kunden denken aktuell aber eher kurzfristig. Denn vieles wird von den rechtlichen Rahmenbedingungen abhängen.

Wie schwer ist die Verbrauchsprognose bei Haushaltskunden?

Die Wechselrate ist wesentlich höher als früher. Mit den verkürzten Kündigungsfristen für Verbraucher verstärkt sich diese Herausforderung noch. Wir leben jetzt schon in einer Welt, in der Kunden kurzfristig kündigen, wir aber auch kurzfristig neue Kunden hinzugewinnen. Entsprechend müssen wir sauber prognostizieren. Auch unsere Beschaffungsstrategie wird laufend angepasst. Dynamische Tarife werden sich ebenfalls auswirken.

"Die Wechselrate ist wesentlich höher als früher."

Nämlich?

Wir werden bei den Haushaltskunden teilweise eine Verlagerung in den Spotmarkt sehen. Aus diesem Grund wird es für uns besonders wichtig, für den Folgetag möglichst genau zu prognostizieren. Vertrieblich sehen wir in solchen Tarifen auch die Chance, neue Kunden zu gewinnen. Hier wird es darauf ankommen, attraktive Angebote zu machen und Kunden langfristig an uns zu binden.

Wie schnell rechnen Sie mit dieser Entwicklung?

Das wird aus meiner Sicht noch Jahre dauern. Wir stehen mit dem Rollout erst am Anfang. Aber sobald die Zähler da sind, werden auch die Produkte da sein. Und die finanziellen Auswirkungen spüren Sie bei dynamischen Tarifen sehr schnell. Bei einer Dunkelflaute kann das gebratene Schnitzel am Abend sehr teuer werden – sofern nicht das richtige Produkt dahinter liegt.

Es wird unsere Aufgabe sein, verantwortungsvolle Tarife anzubieten. Industrieunternehmen beobachten den Energiemarkt jeden Tag, der Privatkunde nicht. Der ist glücklich, wenn er sich nicht mit Spotmarktpreisen beschäftigen muss und dennoch Geld spart. Genau das müssen wir für unsere Kunden abbilden.

Wie sieht es bei den kleinen und mittleren Großkunden aus?

Hier greifen die gleichen Mechanismen. Ich sehe in diesem Segment sogar das größte Potenzial, weil wir hier über große Verbräuche, also auch große Kostenblöcke, sprechen. Natürlich ist es für einen Restaurantbesitzer, der nur pachtet und nicht langfristig investieren kann, schwierig, Flexibilitäten zu heben.

Hier müssen wir Lösungen finden, wie sich aus einer intelligenten Beschaffungsstrategie gute Produkte basteln lassen. Damit Kunden die Chancen nutzen können, aber gleichzeitig eine gewisse preisliche Sicherheit haben. Preissicherheit bleibt eine wichtige Komponente.

"Im Segment kleine und mittlere Großkunden sehe ich sogar das größte Potenzial."

Wie schnell wollen Sie solche Produkte anbieten?

Dynamische Tarife für Haushaltskunden bieten wir bereits an, dazu sind wir auch gesetzlich verpflichtet. Jetzt geht es darum, unsere Angebote weiter zu optimieren, damit wir bereit sind, wenn der Kunde tatsächlich ein intelligentes Messsystem hat. Da befinden wir uns mitten in der Produktentwicklung.

Was glauben Sie, wie lange die starken Preisschwankungen andauern?

Das hängt stark vom Speicherzubau und von den regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Wird es die Förderung für private PV-Aufdachanlagen in dieser Form weiterhin geben? Wegen des zunehmenden Kannibalisierungseffekts der PV-Energie rechnen wir in der aktuellen Lage nicht mit einem Rückgang der Preisschwankungen. Um die sich daraus bietenden Chancen zu nutzen, ist eine stetige Professionalisierung nötig. Der Markt wird sich verändern müssen.

Das Interview führte Julian Korb

Hinweis: Um Strategien für einen volatiler werdenden Strommarkt geht es in der aktuellen April-Ausgabe der ZfK. Zum E-Paper geht es hier.

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