Gastautor Stefan Mierzowski ist Geschäftsführer von Future Business.Partners.

Gastautor Stefan Mierzowski ist Geschäftsführer von Future Business.Partners.

Bild: © Future Business.Partners

Gastbeitrag von
Stefan Mierzowski,
Geschäftsführer FutureBusiness.Partners

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Stadtwerke sichern die kommunale Daseinsvorsorge – lokal, zuverlässig, am Gemeinwohl orientiert. Viele ihrer Projekte zeigen "sichtbare Nachhaltigkeit". Doch das reicht nicht mehr. Wer Nachhaltigkeit nicht strategisch verankert, gefährdet die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Es braucht einen praxistauglichen Orientierungsrahmen, um ein tragfähiges Wertefundament zu entwickeln –und Nachhaltigkeit messbar und wirksam zu gestalten. Mit dem richtigen Modell gelingt der Wandel – Schritt für Schritt.Nachhaltigkeit ist Pflicht, nicht Kür. Anspruchsgruppen wie Gesellschafter, Konzessionsgeber, Geldgeber und Mitarbeitende erwarten konkrete Pläne und Taten. Stadtwerke müssen Nachhaltigkeit deshalb strategisch und im Alltag verankern.

Ein eigenes Wertesystem statt externer Raster

Standardisierte Rahmenwerke wie der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) oder die Global Reporting Initiative (GRI) haben sich als hilfreiche Orientierungshilfen etabliert – insbesondere im Hinblick auf strukturierte Berichterstattung. Doch genau hier liegt die Herausforderung: Diese Systeme übertragen externe Maßstäbe, die nicht zwangsläufig zur individuellen Kultur, strategischen Ausrichtung oder regionalen Verantwortung kommunaler Unternehmen passen.

Das bedeutet häufig: Viel Aufwand für formale Konformität, aber wenig Raum für echte, identitätsstiftende Nachhaltigkeit. Die neue EU-Omnibus-Richtlinie schafft hier spürbare Entlastung, indem sie Fristen entzerrt und Komplexität reduziert. Das eröffnet kommunalen Versorgern die Chance, sich stärker auf die inhaltliche Ausrichtung zu konzentrieren, statt primär regulatorische Anforderungen zu erfüllen.

Individuelle Strategie als inhaltlicher Anker

Unsere Empfehlung: Statt sich auf vorgegebene Standards zu stützen, sollten Stadtwerke ein eigenes Nachhaltigkeitsverständnis entwickeln – verankert in ihrer spezifischen Rolle als regionaler Versorger, Arbeitgeber und Akteur der Daseinsvorsorge. Dieses Fundament sollte sowohl die Erwartungen relevanter Stakeholder – von Bürgerinnen und Bürgern bis zur Kommunalpolitik – berücksichtigen als auch zur langfristigen strategischen Ausrichtung passen.

Eine solche individuelle Nachhaltigkeitsstrategie ist kein Gegensatz zu regulatorischen Anforderungen – sie kann vielmehr als inhaltlicher Anker dienen, an dem sich auch Berichtspflichten sinnvoll ausrichten lassen. Eine geeignete Leitlinie für diesen eigenständigen Ansatz bietet eine bewährte Definition, die den Kern nachhaltigen Handelns auf den Punkt bringt: "Nachhaltigkeit bedeutet, dass die Bedürfnisse heutiger Generationen ebenso berücksichtigt werden, wie die zukünftiger." Dieses Prinzip schafft Orientierung – nicht nur im ökologischen, sondern auch im wirtschaftlichen und sozialen Kontext.

Das Härtegradmodell als pragmatischer Kompass

Hier setzt das Härtegradmodell als praxisnahes Werkzeug an, um nachhaltige Entscheidungen strukturiert einzuordnen, zu priorisieren und in die Unternehmensentwicklung zu integrieren. Es hilft Stadtwerken dabei, die Vielzahl an Herausforderungen und möglichen Maßnahmen systematisch zu bearbeiten, Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und Erfolge kontinuierlich zu messen. Es sorgt für Transparenz, ermöglicht eine klare Priorisierung und reduziert das Risiko, an zu vielen Fronten gleichzeitig zu scheitern. Dabei unterscheidet es vier Entwicklungsstufen nachhaltigen Handelns:

  1. Un-nachhaltig – Maßnahmen, die nachweislich negative ökologische oder soziale Auswirkungen haben und dem langfristigen Unternehmensinteresse widersprechen.
  2. Nachhaltig-orientiert – Erste Initiativen, die in Richtung Nachhaltigkeit wirken, aber noch nicht systematisch oder konsistent verankert sind.
  3. Nachhaltig – Handlungen und Strategien, die bestehende Anforderungen erfüllen und keinen weiteren Schaden anrichten – im Sinne des "Do no harm"-Prinzips.
  4. Fortschrittlich – Maßnahmen, die aktiv zum Schutz, zur Wiederherstellung und zur Erneuerung ökologischer und sozialer Systeme beitragen – beispielsweise durch regenerative Energiequellen oder soziale Innovationsprojekte.

Mit diesem Raster lassen sich Projekte, Investitionen und strategische Optionen entlang ihres Nachhaltigkeitsgrads einordnen und vergleichen. Dabei steht nicht die reine Bewertung im Vordergrund, sondern der Erkenntnisgewinn: Wo steht das Unternehmen heute – und wo sollte es in Zukunft stehen?

Von der Bestandsaufnahme zur strategischen Nachhaltigkeits-Roadmap

Der Einstieg in das Härtegradmodell erfolgt idealerweise durch eine strukturierte Bestandsaufnahme. Ein standardisierter Fragebogen unterstützt dabei, relevante Handlungsfelder – von Energieversorgung und Mobilität bis zu Personalentwicklung und Beschaffung – systematisch zu erfassen. Für jedes Feld lässt sich ein Ist-Zustand bestimmen und ein Zielwert definieren.

Diese Selbsteinschätzung bildet die Basis für eine individuelle Nachhaltigkeits-Roadmap.Dabei geht es nicht darum, in jedem Bereich den Höchstwert zu erreichen. Vielmehr steht im Vordergrund, gezielt dort anzusetzen, wo das Unternehmen die größten Hebelwirkungen entfalten kann – sei es ökologisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich. So entsteht eine Strategie, die sowohl langfristig tragfähig als auch kurzfristig umsetzbar ist.

Nachhaltigkeit als Prozess: Etappenziele statt Einmalprojekte

Im Gegensatz zu klassischen Unternehmensstrategien, die typischerweise auf einen Horizont von fünf bis zehn Jahren ausgelegt sind, greifen Nachhaltigkeitsstrategien deutlich weiter. Denn sie verfolgen ein übergeordnetes Ziel: die dauerhafte Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und der Umwelt.

Um diesen Anspruch greifbar zu machen, sind Etappenziele essenziell. Sie helfen, Fortschritte messbar zu machen, Verantwortlichkeiten zu klären und die Motivation im Unternehmen hochzuhalten.Ein praktikabler Ansatz ist es, zunächst Maßnahmen zu priorisieren, die innerhalb der laufenden Strategieperiode – zum Beispiel bis 2030 – realistisch umsetzbar sind. Dabei ist entscheidend, dass Nachhaltigkeit kein einmaliger Meilenstein, sondern ein kontinuierlicher Transformationsprozess ist.

Regenerativ, restaurativ, transformativ: Zukunft aktiv gestalten

Das Härtegradmodell bietet eine fundierte Grundlage für diesen Weg. Doch es markiert nicht das Ende der Entwicklung, sondern deren Beginn. Denn die Stufe "nachhaltig" bedeutet lediglich, keine weiteren Schäden zu verursachen. In Zukunft wird es entscheidend sein, über Schadensvermeidung hinauszugehen: durch regenerative, restaurative und transformative Ansätze, die aktiv zur Wiederherstellung natürlicher Ressourcen, sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Resilienz beitragen. Die Vorbereitung dieses erweiterten zukünftigen Nachhaltigkeitsverständnisses sollte bereits heute Teil der Nachhaltigkeitsbestrebungen sein.

Beispiele dafür sind:

  • Die Etablierung zirkulärer Geschäftsmodelle, zum Beispiel Miet- statt Kaufmodelle für PV-Anlagen, E-Bikes oder Wärmepumpen; Auswahl der technischen Komponenten anhand der Möglichkeiten, sie später weiternutzen zu können
  • Die Förderung von Bildungsprogrammen zu Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit in Schulen der Region
  • Die proaktive Renaturierung von Uferzonen, ehemaligen Industrieflächen oder Versiegelungen im Netzgebiet
  • Investitionen in soziale Infrastrukturen wie Wärmestuben, Sozialtarife oder digitale Teilhabeprogramme
  • Aktive Mitwirkung an Forschungsvorhaben und Pilotprojekten, die Zirkularität auch im Verteilnetz möglich machen sollen

Unternehmen, die diesen Anspruch schon heute in ihre Nachhaltigkeitsstrategie integrieren, schaffen sich einen klaren Zukunftsvorteil – fachlich, regulatorisch und gesellschaftlich.

Fazit: Jetzt starten, mit System wachsen

Das Härtegradmodell ist kein starres Regelwerk, sondern ein lebendiges Instrument. Es hilft Stadtwerken und kommunalen Unternehmen, Nachhaltigkeit greifbar zu machen – jenseits von Berichtslogik und Regulatorik. Entscheidend ist dabei der Perspektivwechsel: Weg von der reaktiven Pflichterfüllung, hin zu einem proaktiven Gestalten. Wer heute beginnt, seine Nachhaltigkeitsstrategie mit Struktur, Pragmatismus und Weitsicht aufzubauen, legt den Grundstein für eine resiliente und zukunftsfähige Unternehmensentwicklung.

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