Der Investitionsbedarf für die Energiewende vor Ort ist höher als die Innenfinanzierungskraft der Stadtwerke. Das Eigenkapital reicht nicht aus. Ohne privates Kapital wird es nicht gehen. Dies wäre bei institutionellen Investoren oder Investmentfonds reichlich vorhanden, auch Interesse an der Branche besteht grundsätzlich. "Die Kommunalwirtschaft muss sich jetzt auch investierbar machen und investierbare Produkte entwickeln", sagt Thorsten Volz, Partner bei der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Simmons & Simmons und dort zuständig für den Bereich Energie und Infrastruktur.
Ob Pensionskassen, Versicherungen oder Rentenfonds – all diese privaten Investoren hätten Interesse an Investitionen in die Stadtwerkebranche signalisiert. Das gelte auch für berufsspezifische Versorgungswerke und Zusatzversorgungskassen im kommunalen Bereich. "Ein Investment in ein Stadtwerk ist vielen dabei viel zu komplex, im Fokus stehen entsprechende Assets", sagt Volz.
Beispielsweise Strom- oder Wärmenetze seien hier von Interesse. Damit dies möglich sei, müssten diese Anlageobjekte aber bestimmte regulatorische Vorgaben erfüllen. "Fonds etwa können nur in bestimmte Anlagenklassen investieren." Dies müsse mit einer entsprechenden neuen Finanzierungsstruktur adressiert werden.
"Kommunales Tafelsilber soll nicht nicht angetastet werden." Thorsten Volz, Partner bei der Rechtsanwaltskanzlei Simmons & Simmons
"Mir fehlt es hier noch Offenheit in den Debatten in den Kommunen und kommunalen Unternehmen. Das kommunale Tafelsilber soll nicht angetastet werden, Investoren sollen möglichst nicht mitbestimmen und wenig Rendite wollen, so wird es nicht funktionieren", ist Volz sicher. Ihm ist es wichtig, eine Debatte über alternative Finanzierungsmodelle in Gang zu bringen.
Die Anforderungen an solch eine Finanzierungsstruktur sind klar definiert: Das Eigenkapital soll gestärkt, die Bilanz nicht verlängert werden. Das kommunale Unternehmen und die Kommune sollen weiterhin den Einfluss über das Asset behalten, gleichzeitig soll eine auskömmliche Rendite für den privaten Investor ermöglicht werden, bei risikoaversen Anlegern sind hier sechs bis acht Prozent marktüblich. Und das in einer Finanzierungsstruktur, die jedem Investor geläufig und entsprechend für ihn attraktiv ist.
Neuer Ansatz: Jedes Stadtwerk gründet einen eigenen Fonds
Ein entsprechendes Modell hierzu hat Volz in den vergangenen Monaten entwickelt. Dieses erfordert eine gewisse Investitionsgröße von mindestens 100 Mio. Euro. Eine Summe, die angesichts der Investitionsherausforderungen auch kleinerer Stadtwerke bereits innerhalb weniger Jahre mit Einzelprojekten in den Bereichen Wärmeversorgung und Stromnetze schnell zusammenkommt. Auch die Investitionsbedarfe mehrerer kommunaler Versorger könnten über das Modell gebündelt adressiert werden.
Der Grundgedanke ist einfach. Bisher wurde vor allem darüber diskutiert, wie Gelder aus einem bestehenden Fonds in Stadtwerke investiert werden können. In diesem Fall definiert der Investor die Bedingungen. Im Alternativmodell gründet jedes Stadtwerk einen eigenen Fonds, etwa für ein neues Stromnetz oder ein neues Wärmenetz.
Stadtwerk entscheidet über Investitionskriterien
Der Vorteil dabei: "Das kommunale Unternehmen behält weiterhin die Kontrolle und bestimmt die Spielregeln", erklärt Volz. Der Fonds wird dabei vom Stadtwerk initiiert, dieses entscheidet auch über die Investitionskriterien. Das Stadtwerk legt die Anlagekonditionen fest. Beispielsweise eine Laufzeit von 20 Jahren und einen Zinssatz von sieben Prozent.
Dieses entwickelt Projekte, beispielsweise neue Strom- oder Wärmenetze, die in eigenständigen Projektgesellschaften gebündelt werden. An diesen beteiligt sich der Fonds. Das Netz wird ab Beginn der Bauphase in den Fonds eingebracht, die Umsetzung und Betriebsführung liegt beim Stadtwerk.
Vorteile gegenüber einem Joint-Venture
Das hat vor allem mit Blick auf Eigenkapital und Bilanzwirksamkeit beim kommunalen Unternehmen große Vorteile. "Die Investition kann so ohne oder mit deutlich geringeren Auswirkungen auf die Bilanz und den Verschuldungsgrad des Stadtwerks erfolgen. Vielmehr erhält das Stadtwerk über den Fonds zusätzliches Eigenkapital, um weitere Projekte umzusetzen", sagt Volz.
Voraussetzung für die Realisierung des Modells ist, dass sich das Stadtwerk Einfluss auf die Investitionsentscheidungen des Fonds dauerhaft sichert. "Das ist ein Riesenvorteil gegenüber einem Joint Venture, bei dem sie viel stärker noch die Interessen und Vorstellungen des Partners einfließen".
"Das Stadtwerk behält eine hohe Kontrolle über die Assets, ohne dass sie ihm gehören."
Das technische und operative Know-how zur Planung, die Steuerung und Betriebsführung des Assets ist beim Stadtwerk vorhanden und verbleibt dort. Die Kapitalmarkt- und die regulatorische Expertise könne man sich über entsprechende Berater, Dienstleister, Banken hinzuholen, so Volz. Anschließend legt das Stadtwerk die Investitionskriterien für den Fonds fest und dieser gibt eine verbindliche Zusage, in entsprechende Projekte zu investieren, auch wenn die konkreten Projekte erst später über den Investitionszeitraum des Fonds realisiert werden.
Operativ verändere sich dadurch im Grunde nichts.
"Das Stadtwerk behält eine hohe Kontrolle über die Assets, ohne dass sie ihm gehören." Anders als beim Joint Venture verbleibe auch ein Teil des Fees für das Asset Management im Unternehmen. "Wichtig ist natürlich, dass es einen neutralen Dritten gibt, der den Asset Manager kontrolliert, und dass die Werthaltigkeit der Investitionen durch einen Wirtschaftsprüfer regelmäßig überprüft wird."
"Diese Finanzierungsstruktur kann gerade auch mit Blick auf die Kommunale Wärmeplanung interessant sein." Manfred Ackermann, Geschäftsführer der Emscher Lippe Energie
Gerade auch mit Blick auf die Kommunale Wärmeplanung, die in vielen Städten in den nächsten Jahren abgeschlossen wird, sieht Manfred Ackermann, Geschäftführer der Emscher Lippe Energie (ELE) in dem Modell viel Potenzial. "Wenn die konkreten Investitionsbedarfe für die Wärmewende und der Energiemix und Einzelprojekte feststehen, kann so eine Finanzierungsstruktur interessant sein", ergänzt er. Der Investitionszeitraum, der Kapitalbedarf, beispielsweise für ein Wärmenetz, stehe dann konkret fest. Daraus ließen sich dann entsprechende Investitionskriterien, wie die Laufzeit eines Fonds und die Rendite ableiten.
Das Modell könne vor allem für neue Investitionen in Netze, weitere Energieinfrastruktur oder aber Zukunftsthemen interessant sein. "Das bestehende Tafelsilber wird nicht angetastet, verdeutlicht Ackermann. Das Stadtwerk könne so einen Teil seiner Zukunftsinvestitionen außerhalb seiner Bilanz vollziehen. Allein die ELE steht in den kommenden Jahren vor Investitionen von rund einer Mrd. Euro in die Energiewende. Für die gesamte Branche reichen erste Schätzungen von einer Range von 700 Mrd. Euro bis zu weit über eine Billion Euro.
"Ich hoffe, dass sich ein, zwei Unternehmen finden, die offen sind, neue Wege zu beschreiten." Thorsten Volz, Simmons & Simmons
"Die Debatte um solche neuartigen Finanzierungsstrukturen muss jetzt losgehen. Viele Stadtwerke haben das noch nicht so richtig auf der Agenda, insbesondere auch für kleinere Kommunalversorger müssen hier auch noch Alternativen aufgezeigt und diskutiert werden", erklärt Ackermann. Kleinere Stadtwerke, die bisher unter die de minimis-Regelung fallen, könnten beispielsweise eigene Netzgesellschaften ausgründen und neue Netzvorhaben in einen Fonds einbringen. Auch die ELE hat eine eigene Netzgesellschaft.
Thorsten Volz setzt derzeit ähnliche Strukturen wie den Stadtwerke-Fonds bereits mit Projektentwicklern bei erneuerbaren Energien um, auch einzelne Unternehmen aus der Kommunalwirtschaft hätten Interesse signalisiert. "Jetzt hoffe ich, dass sich ein, zwei Unternehmen finden, die offen sind, neue Wege zu beschreiten, und dass das Thema Fahrt aufnimmt."
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Das Thema Finanzierung der Energiewende und neue Wege zu privatem Kapital ist das Titelthema der Januarausgabe der aktuellen Printausgabe der ZfK. Dort finden Sie auch einen Artikel über den geplanten Eigenkapital-Fonds der Energieforen Leipzig. Über diesen soll Kapital aus der Versicherungsbranche auch in kleinere Stadtwerke investiert werden. Zum Abo geht es hier.



