Die Gaskosten für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden sind laut einer Erhebung von Verivox auf Jahressicht um 28,2 Prozent gestiegen.

Die Gaskosten für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden sind laut einer Erhebung von Verivox auf Jahressicht um 28,2 Prozent gestiegen.

Bild: © Ilya Rumyantsev/Adobestock

Das Recherchenetzwerk Correctiv zieht die Glaubwürdigkeit und die Wirksamkeit von so genannten "Ökogastarifen" vieler Gasversorger massiv in Zweifel. Laut Einschätzung von Wissenschaftlern sollen 116 Gasversorger CO2-Gutschriften aus Klimaschutzprojekten genutzt haben, die nicht plausibel nachweisen können, dass Emissionen tatsächlich reduziert oder eingespart wurden. Verbraucherinnen und Verbraucher können sich in einer Datenbank darüber informieren, ob und in welchem Ausmaß die von ihrem Gasversorger angebotenen Produkte von dem Thema betroffen sind.

In Summe sollen so rund 10 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 nicht eingespart oder reduziert worden sein. Die Tarife beruhen auf dem Prinzip, dass klimaschädliche Emissionen, etwa durch Heizen mit Gas, durch den Erwerb entsprechender CO2-Gutschriften, beispielsweise in Form von Beteiligungen an Waldprojekten in Südamerika oder Afrika oder Wasserkraftwerken, etwa in Indien, kompensiert werden.
 

Rheinenergie nimmt Zertifizierer in die Pflicht

Die Ergebnisse der Recherche werden laut ZfK-Anfragen in Branchenkreisen sehr ernst genommen, insbesondere die Zertifizierer derartiger Kompensationsprojekte rücken dabei in den Blickpunkt. Die Rheinenergie, die einen Ökogastarif für Geschäftskunden anbietet, kündigte an, von den Zertifizierern konkrete Projektüberprüfungsverfahren zu verlangen.

Bis zum Vorliegen der Ergebnisse werde das Angebot pausieren und es werden keine neuen Kompensationsvereinbarungen mehr getroffen, heißt es. Rund zwei Prozent der Geschäftskunden des Kölner Versorgers mit Gasbezug nutzten aktuell das Produkt. Die Vermarktung von Ökogas für private Kunden habe man vor einigen Jahren bereits eingestellt, die restlichen über 100 Verträge liefen in Kürze aus.

Entega setzt seit über 15 Jahren auf Kompensationsprojekte

Die Darmstädter Entega hat sich nach eigenen Angaben bereits deutlich vor der Correctiv-Recherche dazu entschieden, „unsere Kompensationsmaßnahmen und damit auch unser gesamtes Produkt Ökogas“ mit Hilfe von externen Beratern und Experten auf den Prüfstand zu stellen. Bis Ende des laufenden Jahres werden man dazu ein Ergebnis liefern.

"Prämisse bleibt dabei: Wir werden noch einige Jahre weiter Erdgas anbieten müssen – das wollen wir so klimafreundlich wie möglich tun", so ein Entega-Sprecher. Über 200.000 Privatkunden werden aktuell mit diesem Produkt beliefert. Die Darmstädter setzen schon seit 15 Jahren auf Kompensationsprojekte. Investiert wird in den Schutz und die Wiederaufforstung tropischer Wälder vornehmlich in Brasilien, Peru und Uruguay. Dass man mit diesen Tarifen keine Klimaneutralität erreiche, habe man offen gegenüber den Verbraucherinnen und Verbrauchern kommuniziert, betonen sowohl Entega als auch Rheinenergie.

Deutsche Umwelthilfe geht gegen 15 Gasversorger juristisch vor

Als Grundlage für die Vorwürfe von Correctiv wird eine Auswertung der Kompensationsaktivitäten und CO2-Gutschriften von über 100 deutschen Gasversorgern und kommunalen Stadtwerken zwischen 2011 bis 2024 angeführt. Eng begleitet wurde die Auswertung laut Correctiv von Wissenschaftlerinnen und Experten, darunter das New Climate Institute, die Berkeley University und das Öko-Institut.

Parallel zu dem Rechercheverbund wirft die Deutsche Umwelthilfe 15 Gasversorgern in Deutschland eine „verbrauchertäuschende Werbung“ für „angeblich klimaneutrales Erdgas" vor.

Die Kritik: Die Projekte liefen nicht ansatzweise so lange, wie für eine Gewährleistung der Klimaneutralität erforderlich, zudem erhielten die Verbraucherinnen und Verbraucher meist nur unzureichende Informationen zu den Projekten. Die DUH forderte die Unternehmen, darunter zahlreiche Stadtwerke, aber auch Lekker und Eon Energie, auf, entsprechende Unterlassungserklärungen zu unterzeichnen.

Eon verweist auf Qualitäts-Mindeststandard

"Eine glaubwürdige, faire und verständliche Kommunikation rund um unsere Produkte ist uns selbstverständlich sehr wichtig. Wir entwickeln diese kontinuierlich weiter“, teilt eine Eon-Sprecherin auf Anfrage mit.

Für die Nutzung von Kompensationszertifikaten habe Eon 2022 einen internen und konzernweiten Mindestqualitätsstandard definiert. Die Qualitätsrichtlinie stelle sicher, dass die genutzten Zertifikate von hoher Integrität seien. Nach einer Übergangsphase dürfte Eon nur noch Zertifikate erwerben, die den Qualitätsstandards dieser Leitlinie entsprechen.

Eine exemplarische Umfrage in der Branche ergab: Weder bei Eon noch bei den ebenfalls ins Visier der DUH geratenen Bochumer Stadtwerke lag gestern nach eigenen Angaben kein Schreiben der Deutschen Umwelthilfe vor.

VKU: "Marktteilnehmer müssen sich auf Zertifizierung verlassen können"

"Eine Einzelprüfung der Kompensationsprojekte durch die Gasversorger ist meist nicht darstellbar. Umso wichtiger ist, dass sich die Marktteilnehmer auf die Zertifizierung, der CO2-Minderungszertifikate verlassen können", kommentierte ein Sprecher des Stadtwerkeverbands VKU auf Anfrage.

Die Rheinenergie begrüßte die kritische Auseinandersetzung von Correctiv mit dem System der Zertifizierung ausdrücklich: „Ein solcher Diskussionsprozess ist ein wichtiger Teil auf dem Weg zum Finden besserer Lösungen“. Klar sei aber auch, dass sich in erster Linie nun die Zertifizierer erklären müssten.

Rheinenergie: "Sind entschieden die falsche Adressatin"

Die Rheinenergie sei hier „entschieden die falsche Adressatin". Ob die Vorwürfe in allen Fällen gerechtfertigt seien, werde in einigen Fällen noch zu klären sein. Nach Aussage der Zertifizierer gibt es in einem Fall berechtigte Zweifel an den angeführten Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Diskussionen.

Man setze ausschließlich auf Zertifikate aus Projekten, die nach den höchstwertigen anerkannten Standards zertifiziert sind: VCS oder Gold-Standard. „Diese Zertifizierer stehen uns und unseren Zwischenhändlern gegenüber in der Pflicht, sicherzustellen, dass die zertifizierten Projekte den gesetzten Standards entsprechen und die annoncierten Klimaschutzziele erreichen“.

Gasag: "Beitrag für den Klimaschutz zu vertretbarem Preis"

Eine CO2-Reduzierung bei einem Gasliefervertrag sei bis heute vor allem über Gastarife mit Beimischung von Bio-Erdgas und/oder grünem Wasserstoff möglich, teilt die Berliner Gasag für ihr Portfolio mit. Aufgrund der höheren Preisstellung erreiche das Unternehmen jedoch nur ein Kundensegment mit einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft.

"Weil viele Kundinnen und Kunden aber einen Beitrag für den Klimaschutz zu einem vertretbaren Preis leisten wollen, bietet die Gasag seit 2017 Tarife an, bei denen die bei der Verbrennung des Erdgases entstehenden Emissionen mit Hilfe von Zertifikaten aus Kompensationsprojekten ausgeglichen werden", so eine Sprecherin.

Mehrere Tausend Kundinnen und Kunden der Gasag hätten einen solchen Tarif. „Die Gasag erachtet die Lösung mit Zertifikaten als einen wichtigen, weil zeitnahen Schritt, bis eine Wärmeversorgung vollständig CO2-frei erfolgen kann“, so die Sprecherin. Eine Meinung, die viele in der Energiebranche teilen. „Jede Kilowattstunde kompensiertes Gas ist besser für den Klimaschutz als keine“, bringt es ein Sprecher auf den Punkt. (hoe)

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