Guntram Pehlke ist Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Stadtwerke AG und Vizepräsident des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU).

Guntram Pehlke ist Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Stadtwerke AG und Vizepräsident des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU).

Bild: © DSW21

Herr Pehlke, beim VKU-Stadtwerkekongress im September in Leipzig haben Sie ein Sondervermögen des Bundes gefordert als Schutzschirm für Stadtwerke und Bürger. Wo stehen wir aktuell beim Thema Sicherung der Bezahlbarkeit der Energie und der Sicherung von Liquidität?
Guntram Pehlke: Ich habe schon den Eindruck, dass wir wirklich angekommen sind mit unserer Botschaft im Bundeswirtschaftsministerium. Es hat dann nach dem Kongress nicht lange gedauert, bis Herr Habeck das Thema selber aufgegriffen hat. Die Maßnahmen, die ergriffen wurden, hätten wir uns natürlich etwas schneller, etwas intensiver, etwas größer vorgestellt. Aber ich glaube, das Schlimmste ist damit abgewendet.

Wichtig ist aktuell, dass der Bund das ausgelaufene Margining-Programm bei der KfW rasch verlängert, um einen Garantierahmen für den außerbörslichen Handel erweitert und die Zugangsbedingungen für Stadtwerke verbessert. Jetzt müssen wir aber auch die nächsten Wochen und Monate abwarten. Da wird es sicher noch an der ein oder anderen Stelle knirschen, aber insgesamt denke ich, ist das der richtige Weg. Wir haben ja auch zusätzlich das große Glück, dass wir bisher einen sehr milden Winter hatten. Sehr skeptisch bin ich aber noch, was die Heizperiode 2023/2024 anbelangt.

Woher rührt diese Skepsis?
Wir müssen jetzt ganz schnell den Schutz kritischer Infrastrukturen vor Cyberangriffen und physischen Angriffen in den Blick nehmen. Es ist schon erschütternd, dass in Europa insbesondere die öffentlich-rechtlichen Unternehmen aufgrund verschiedenster Informationsfreiheits- und Transparenzgesetze dazu gezwungen werden, alle möglichen Daten im Internet zu veröffentlichen.

Es gibt Kräfte, die ein großes Interesse daran haben, die Energieversorgung in Europa zu stören.

Und jetzt fällt den Verfassungsschützern auf, dass das vielleicht gar keine gute Idee ist, weil dies die Türen öffnet für Angriffe auf die kritischen Infrastrukturen. Da müssen wir erheblich was tun. Wir müssen den Gedanken der Transparenz jetzt mal zurückstellen und den Gedanken der Datensicherheit und der physischen Sicherheit der Systeme und der Netze in den Vordergrund rücken. Die Anschläge auf die Pipeline Nordstream 1 haben gezeigt, dass es Kräfte gibt, die ein großes Interesse haben, die Energieversorgung in Europa zu stören.

Aus der Pflicht zur Veröffentlichung welcher Daten entstehen denn den kommunalen Versorgern Risiken?
Wenn sie zum Beispiel Schaltpläne, Leitungspläne veröffentlichen müssen, ist es für jeden Widersacher einfacher, diese auch anzugreifen. Wenn Sie natürlich genau wissen, welches Umspannwerk für welche Versorgung nötig ist, können Sie ja gezielt dieses Umspannwerk angreifen. In der EU wird immer aus Wettbewerbsgründen ein Höchstmaß an Transparenz verlangt, aber die Sicherheitsaspekte haben wir völlig vernachlässigt. Und da müssen wir uns wieder etwas abschotten. Das geht gar nicht anders. Natürlich sind die Unternehmen gefordert, ihre Systeme immer resilienter zu machen gegen solche Angriffe. Und das macht die Branche auch.

Wir müssen jetzt mehr den Schwerpunkt auf sichere als auf transparente Systeme legen.

Was fordern Sie konkret von der EU und der Bundesregierung?
Die Bundesregierung und die EU dürfen uns nicht zu einer Transparenz zwingen, die es erleichtert, unsere Systeme anzugreifen. Wir müssen einfach umdenken. Wir sind nicht nur von Freunden umgeben. Wir müssen jetzt mehr den Schwerpunkt auf sichere Systeme legen als auf transparente Systeme. Auf bundespolitscher Ebene sollten die notwendigen gesetzlichen Anpassungen Teil des zukünftigen Kritis-Dachgesetzes sein. Auch auf europäischer Ebene sollte man das Thema nochmals ganz neu denken.

Das allein dürfte aber nicht reichen, damit Deutschland gut durch die kommende Heizperiode kommt.
Wir dürfen nicht nachlassen in dem Bemühen, Gas so lange einzusparen und zu substituieren, bis wir wieder eine sichere Gasversorgung haben. Und auch das Thema stabile Stromversorgung und gesicherte Leistung ist für mich immer noch von großer Bedeutung. Selbst Herr Priggen vom Landesverband Erneuerbare Energien in NRW hat kürzlich sehr deutlich gesagt, dass wir die Diskussion um den Kohleausstieg zurückstellen müssen, bis sichergestellt ist, dass wir auch ohne die Kraftwerke, die nach dem Ersatzkraftwerkebereitstellungsgesetz wieder an den Markt geführt wurden, eine sichere, belastbare Stromversorgung haben.

Die Steag soll als Ganzes erhalten bleiben und ein Käufer muss weiter in das Unternehmen investieren. 

Das heißt, die Kohlekraftwerke, die jetzt kurzzeitig aus der Reserve in den Markt zurückgekehrt sind, sollten im Sinne einer stabilen Versorgung eventuell länger laufen als bis Ende März 2024?
Genau das ist mein Punkt. Wenn bis dahin nicht sichergestellt ist, dass wir eine zuverlässige, sichere Grundversorgung mit Strom haben, werden diese Kraftwerke weiterlaufen müssen. Zumal wir ja nicht in der Lage sind, in großem Stil Gaskraftwerke anzuwerfen. Das wäre ja kontraproduktiv mit Blick auf die aktuelle Verknappung beim Gas.

Ein anderes Thema. Die Steag hat vergangene Woche ihre neue grüne Tochter Iqony vorgestellt. Was erhoffen Sie sich als Gesellschafter von der Aufspaltung in einen grünen und schwarzen Teil der Steag?
Diese Aufspaltung ist notwendig, um einen möglichst großen Käuferkreis am Markt anzusprechen und jedem Käufer die Möglichkeit zu geben, das Unternehmen so fortzuführen, wie es ihm vorschwebt, ohne dass man noch große Hürden der Mitbestimmung oder sonstiger gesetzlicher Auflagen nehmen muss.

Die Steag hat mit Ewald Woste einen neuen, in der Branche sehr bekannten Aufsichtsratsvorsitzenden. Dieser soll jetzt laut Ihnen die bestmögliche Lösung im Verkaufsprozess für Unternehmen und Stakeholder erzielen. Wie muss denn so eine Lösung aussehen?
Letztlich soll die Steag als Ganzes erhalten bleiben und der Käufer muss weiter in die Steag investieren und den Konzern erfolgreich fortführen können. Aus der Sicht der Gesellschafter ist natürlich ein guter Verkaufspreis von hohem Interesse. Naturgemäß hätten wir unser investiertes Geld gern zurück.  

Auch Energieversorger und Infrastrukturfonds haben Interesse an einem Kauf der Steag signalisiert.

Wie groß ist das Kaufinteresse im Markt?
Wir werden als Gesellschafter direkt angesprochen von Marktteilnehmern. Wir leiten diese Anfragen dann weiter an die Investmentbank Morgan Stanley, die den Verkaufsprozess koordiniert und leitet. Wir erhalten manchmal relativ banale Anfragen, wie: Wollt ihr wirklich verkaufen?, Wollen auch wirklich alle Konsorten verkaufen? Zum Teil sichern potentielle Investoren auch zu, dauerhaft investieren zu wollen und fragen, ob es von unserer Seite Vorbehalte gegen sie gibt. Kurzum, wir als Eigentümer nehmen Interesse wahr, weil auch wir direkt angesprochen werden.

Gibt es neben Finanzinvestoren auch Interesse von Energieversorgern am Kauf der Steag, die das Know-how hätten, das Unternehmen entsprechend weiterzuentwickeln?
Ja, die gibt es. Auch Infrastrukturfonds haben Interesse signalisiert, die gezielt solche Anlageobjekte suchen und darin investieren.

Der Steag-Kauf wurde von den kommunalen Gesellschaftern ja großteils über Kredite finanziert. Rund 320 Mio. Euro sind hier noch offen. Wird der Verkaufserlös ausreichen, um diese Kredite vollumfänglich zu tilgen?
Nach allem, was uns bisher an realistischen Verkaufserlösen prognostiziert wurde, werden alle Verbindlichkeiten abgedeckt werden - sowohl auf Ebene der Steag als auch auf Ebene der kommunalen Gesellschafter, sprich auf Ebene der Kommunalen Beteiligungsgesellschaft (KSBG).

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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