Der Dortmunder Stadtwerkechef und VKU-Vizepräsident Guntram Pehlke rechnet perspektivisch mit der Einführung eines europäischen Gas-Embargos gegenüber Russland und als Folge davon mit einer Gasmangellage.
„Der politische Druck anderer Länder auf die Bundesregierung steigt täglich, weil wir nicht mehr erklären können, warum wir den Krieg in der Ukraine einerseits aufs Schärfste verurteilen und anderen Seite jeden Tag hunderte Mio. an Euro an Putin zahlen, um diesen Krieg zu finanzieren. Ich gehe deshalb auf Sicht davon aus, dass wir nicht umhin können, auf den Bezug von russischem Gas ganz zu verzichten“, erklärte Pehlke auf Nachfrage in einem Gespräch mit Journalisten.
Eine Gasmangellage bedeute aber nicht, dass die Privathaushalte nicht mehr mit Gas versorgt würden. Hier handle es sich um geschützte Kunden.
Wann ist ein Industriebetrieb systemrelevant?
Anders sieht es etwa bei größeren Industriekunden aus, die im Ernstfall abgeschaltet werden können. Mit Blick auf eine mögliche Abschaltreihenfolge drängt die Energiebranche auf systematische Vorgaben der Regierung, welche Betriebe und Sektoren als systemrelevant einzustufen sind. Einer der größten Gasverbraucher in Dortmund, die Deutschen Gasrußwerke etwa stellen schwarze Pigmente, etwa für Reifen und Laptops her, liefern aber auch in großem Maße Abwärme für die Wärmeversorgung für die Dortmunder Innenstadt.
„Aus unserer Sicht ist der Betrieb systemrelevant. Definiert aber die Bundesregierung Systemrelevanz anders müssen wir den abschalten“, verdeutlichte Pehlke.
Dass die Energiepreise im Rahmen der Diversifikationsstrategie der Bundesregierung weiter steigen, etwa durch die Umstellung auf Flüssiggas, sei dabei ein Automatismus. Die Energiebranche werde die sich daraus ergebenden sozialen Implikationen aber nicht lösen können, hier sieht er die Bundesregierung in der Verantwortung, entsprechende Kompensationen vorzunehmen.
"Situation der Billiganbieter wird noch schlimmer werden"
Mit Blick auf die Konsolidierung der Energievertriebslandschaft rechnet der DSW21-Chef damit, dass „die Situation der Billiganbieter noch schlimmer wird.“
"Steag-Restrukturierung läuft viel besser als gedacht"
Die Dortmunder Stadtwerke haben im vergangenen Jahr ihr Defizit verringern können um rund 15 Mio. auf nunmehr -3,7 Mio. Euro. Der Umsatz kletterte erstmals über zwei Milliarden Euro. Dazu haben laut Pehlke auch wieder die Ergebnisse der Beteiligungen, insbesondere die „hervorragenden Ergebnisse“ des Dortmunder Flughafens und bei der Steag beigetragen. „Die Restrukturierung der Steag läuft viele besser als gedacht“, so der Vorstandsvorsitzende der DSW21.
Die Stadt Dortmund ist über die DSW21 der größte Einzelgesellschafter der zum Verkauf stehenden Steag mit einem Anteil von 36 Prozent. Der Essener Energiekonzern erwartet nach einem dreistelligen Millionenverlust in 2020 nun ein Konzernergebnis nach Steuern von rund 300 Mio. Euro, der Jahresabschluss mit den endgültigen Zahlen wird voraussichtlich Anfang Mai veröffentlicht.
„Die vereinbarten Maßnahmen greifen. Die Steag entwickelt sich zu einem Konzern, der auch künftig seine Berechtigung und seinen festen Platz in der Energiebranche haben wird, erklärte Pehlke, der auch lange Zeit Steag-Aufsichtsratsvorsitzender war. Er geht aktuell davon aus, dass der Investoren-, sprich der Verkaufsprozess, bis Ende 2023 erfolgreich abgeschlossen sein wird.
"Steag profitiert von positiver Entwicklung des Clean-Dark-Spread"
Die Steag hatte vergangene Woche laut den "Ruhrnachrichten" eine Kreditlinie von rund 400 Mio. Euro bei der KfW beantragt, das Land NRW soll dieses mit einer Ausfallbürgschaft von 140 Mio. Euro absichern. Die Kraftwerke der Steag laufen aufgrund der hohen Strompreise aktuell rund um die Uhr. Pehlke wertete die Kredtilinie deshalb auch als „ein eigentlich gutes Signal, das die Produktionssituation der Steag gut widerspiegelt.“
"Der Clean-Dark-Spread ist sehr positiv, es gibt eine echte Gewinnspanne, die der Steag zugute kommt.“ Die Mengen, die die Steag auf dem Markt platziere, müssten gegenüber den Handelspartnern abgesichert werden. Das seien "keine wirklichen Kredite", vielmehr würden Handelsmengen über die KfW verbürgt. Liquidität werde nicht benötigt, diese sei bei der Steag „völlig ausreichend“.
Signifikante Ergebnisbeiträge von DEW21, Gelsenwasser und aus dem RWE-Portfolio
Zu dem guten Beteiligungsergebnis trugen aber unter anderem auch die DEW21 mit 34,6 Mio. Euro (2020: 38,5 Mio.), die Beteiligung an Gelsenwasser mit 32,9 Mio. Euro (2020: 32,2 Mio. Euro) und das in der KEB gebündelte Portfolio an RWE-Aktien mit 57,2 Mio. Euro (2020: 86,3 Mio.) bei. DSW21 ist der größte kommunale Einzelaktionär von RWE.
Das Ebit der DSW21-Gruppe sank auf 55,9 Mio. Euro (2020: 88,6 Mio.), das Defizit im Verkehrsbereich erhöhte sich auf 67,3 Mio. Euro (2020: – 55,0 Mio.). Die höheren Verluste im Bereich Mobilität hängen laut DSW21 vor allem mit Investitionen zusammen, beispielsweise für den Kauf von 30 E-Bussen plus Ladeinfrastruktur.
DSW21 benötigt auch dieses Jahr Gelder aus ÖPNV-Rettungsschirm
„Uns fehlen aktuell 30 Prozent der Fahrgäste. Wir haben uns sehr viel vorgenommen mit Blick auf die Fahrgastentwicklung und müssen einfach wieder für Vertrauen sorgen“, betonte DSW21-Finanzvorstand Jörg Jacoby.
Stark profitiert hat der Kommunalkonzern aber auch von den knapp 50 Mio. Euro aus dem ÖPNV-Rettungsschirm. „Wir vertrauen auf das Wort der Politik, uns auch im laufenden Jahr unter die Arme zu greifen, damit die Verkehrswende von der Pandemie nicht nachhaltig ausgebremst wird“, erklärte Jacoby. (hoe)



