Der Geschäftsführer Herbert Marquard hatte den Posten erst im Januar übernommen.

Der Geschäftsführer Herbert Marquard hatte den Posten erst im Januar übernommen.

Bild: © Stadtwerke Pforzheim

Die Stadtwerke Pforzheim (SWP) werden laut ersten Prognosen im vergangenen Geschäftsjahr das Planergebnis von rund 12 Mio. Euro erreichen. Allerdings wird noch geprüft, ob für weitere Risiken eine Rückstellung gebildet werden muss. "Es ist nicht auszuschließen, dass sich im Rahmen des Jahresabschlusses 2019 noch Auswirkungen der unrentablen Aktivitäten des Vorjahres ergeben", teilt das Unternehmen auf ZfK-Anfrage mit. Unter anderem bestehen offenbar noch Prozessrisiken im Umfang von neun Mio. Euro aus dem defizitären Telesales-Geschäft. Dieses hatte das Unternehmen Anfang 2019 eingestellt. Die SWP befinden sich nach einem "sehr schwierigen Geschäftsjahr 2019" in der Konsolidierungsphase. Im Geschäftsjahr 2018 hatten Millionenverluste im Vertrieb den SWP das operative Ergebnis verhagelt, allein der Verkauf des Biomasse-Kraftwerksblocks an eine Tochterfirma sorgte unter dem Strich für ein Ergebnis von zwei Mio. Euro.

"Die Hütte brannte lichterloh"

Bei den Prozessrisiken gehe "es um Forderungen der früheren Dienstleistungspartner hinsichtlich der Provisionsmodelle", schreibt das Unternehmen. Dagegen stünden Forderungen der SWP. Man hoffe, dass die laufenden Verfahren zeitnah abgeschlossen werden. In Gesprächen mit der Lokalpresse gab SWP-Chef Herbert Marquard einen optimistischen Ausblick, der Aufsichtsratsvorsitzende Dirk Büscher sprach von "sehr vielversprechenden Zahlen". Gleichzeitig verhehlte Marquard nicht, in was für einer tiefen Krise das Unternehmen bei seiner Amtsübernahme Anfang letzten Jahres steckte. "Wir waren praktisch zahlungsunfähig. Da brannte die Hütte lichterloh", zitieren die "Badischen Neuesten Nachrichten" den SWP-Geschäftsführer.

Verstöße gegen Bankauflagen

Vor allem die ungesicherte Finanzierung eines Neubauprojekts mit Gas-Motoren für das Heizkraftwerk in Höhe von 75 Mio. Euro sowie Verstöße gegen Bankauflagen hätten die Gesamtfinanzierung des Unternehmens Anfang vergangenen Jahres gefährdet, teilen die SWP hierzu auf Anfrage mit. Nach intensiven Verhandlungen mit den Banken habe die Finanzierung des Neubauprojektes Mitte vergangenen Jahres gesichert werden können. Mittlerweile habe sich die Finanzlage des Unternehmens deutlich entspannt. Dazu beigetragen hätten ein konsequenter Konsolidierungskurs, die Beseitigung von Risiken und verlustreichen Verträgen im Beschaffungsbereich, die Reduzierung von Investitionen auf den Stand der Innenfinanzierung sowie die Eliminierung von unwirtschaftlichen Vertriebsaktivitäten. Zur Konsolidierung trägt auch bei, dass die SWP-Gesellschafter, die Stadt Pforzheim und die Thüga, für die Geschäftsjahre 2018 und 2019 auf ihre Dividenden verzichten.

Neues Abrechnungssystem und Kundenportal

Laut SWP-Chef Herbert Marquard hat sich die Situation des Unternehmens ein Jahr nach seiner Amtsübernahme deutlich entspannt. Dazu habe neben einer leistungsfähigen und strukturierten Aufbauorganisation und der Neujustierung und Fokussierung des Vertriebs auf den Heimatmarkt auch ein umfassender Strategieprozess zur Neuausrichtung des Unternehmens beigetragen. Als wichtigste Ziele nannte er Wirtschaftlichkeit, hohe Kundenbindung und die Arbeitgeberattraktivität. Ein zentraler Hebel hierbei ist die Digitalisierung und die damit verbundene schnellere Abwicklung von Prozessen und Abläufen. "Vieles was unsere Kunden bei uns erledigen wollen, dauert im Moment noch zu lange und ist zu umständlich", bekräftigte Marquard. Als wichtigstes Projekt in diesem Jahr kündigte er deshalb die Einführung eines zukunftsfähigen Abrechnungssystems inklusive performantem Online-Abschluss der SWP-Produkte sowie die Einführung eines umfangreichen Kundenportals an. Diese Vorhaben sollen spätestens 2021 abgeschlossen sein.

Chancen bei der Wasserversorgung im Umland

Auch neue Geschäftsfelder will Marquard aufbauen. Potenzial sieht er beispielsweise bei der Ausweitung der Wasserversorgung für umliegende Gemeinden. Hier gebe es konkrete Anfragen für Redundanzen und Betriebsführungen in diesem Segment. Konkreter würden beispielsweise auch die Überlegungen, dass sich das mehrheitlich kommunale Unternehmen an einem Trinkwasser-Zweckverband für die Gemeinden Wimsheim, Mösheim, Friolzheim und Wurmberg beteiligt. Im  Vertrieb wollen die SWP mit neuen Produktangeboten und digitaler Kanalexzellenz zum Umsorger rund ums Haus werden. Auch für Geschäfts- und Wohnungswirtschaftskunden soll das Lösungsportfolio ausgebaut werden: von Contractinglösungen über E-Mobilitätsangebote bis hin zu Energiemanagement.

Aufsichtsratsmitglied entschuldigt sich

"Das letzte Jahr war durchaus herausfordernd – für die SWP, aber auch für mich persönlich. Aber ich bin begeistert von der Energie im Unternehmen. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam die SWP wieder auf Erfolgskurs führen werden", resümierte der SWP-Geschäftsführer. Deutlich entspannt hat sich offenbar auch Marquards Verhältnis zum Aufsichtsrat. Dieser hatte gegen ihn im Oktober vergangenen Jahres schwere Vorwürfe erhoben, diese sind längst ausgeräumt. Eine treibende Kraft war dabei Aufsichtsrat Uwe Hück (SPD), einem breiten Publikum bekannt als ehemaliger Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Porsche. "Hück hat sich inzwischen bei mir entschuldigt, weil er damals nicht umfassend Kenntnis über meine Arbeitsweise hatte. Da hat er Größe gezeigt, die ich so nicht erwartet habe". versicherte Marquard in der "Pforzheimer Zeitung". Heute sei die Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsratsgremium vertrauensvoll und konstruktiv. (hoe)

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