Timo Poppe (41) war lange Jahre in leitender Funktion für den EWE-Konzern und dessen Bremer Tochter swb tätig. Ende vergangenen Jahres folgte der Wechsel zur Investmentboutique Palladio Partners. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Marktführer bei der Kapitalanlage in weltweite Infrastrukturprojekte für deutsche Altersvorsorgeunternehmen. Ein Schwerpunkt bilden Partnerschaften und Investitionen in die deutsche Infrastruktur. Der Fokus liegt hier auf den erneuerbaren Energien, Mobilität/Transport und (Glasfaser-) Netzen sowie kommunalen Partnerschaften. Hierfür wurde mit der Palladio Kommunal gegründet, welcher Timo Poppe als Geschäftsführer vorsteht.
Herr Poppe, aktuell finanziert die Mehrzahl der Stadtwerke ihre Investitionen vor allem über Hausbanken-Kredite oder sie erhalten zusätzliches Eigenkapital von ihrer Kommune. Sie wollen jetzt zusätzlich mit dem Kapital privater Investoren Stadtwerke bei der Finanzierung größerer Investitionsvorhaben rundum Energie-, Wärme-, Verkehrswende oder Digitalisierung unterstützen, wie groß ist der Bedarf hier wirklich?
Poppe: Die Stadtwerkebranche befindet sich in einer umfassenden Transformationsphase. Diese bringt große Investitionsherausforderungen mit sich. Nehmen Sie allein Themen wie Wärme- und Energie- sowie Verkehrswende, Glasfaserausbau, Abwasser oder die Erneuerung der bisherigen Infrastruktur. Das zusammen sind so viele Themen, für deren Finanzierung die originären Cash-Flows der Stadtwerke häufig nicht ausreichen. Es gibt diverse Stadtwerke, die bereits Eigenkapitalquoten um die 30 Prozent oder geringer haben. Da wird es dann eng. Vor Corona hätte oft noch die Kommune mit Eigenkapital einspringen können. Ich höre jetzt aber von vielen Kommunen, dass sie aufgrund der hohen Belastungen durch Corona diese Unterstützung nicht mehr leisten können. Hier können wir eine weitere Finanzierungsoption bieten.
Der Gesamttopf der Marge im Vertrieb wird mittelfristig weiter zurückgehen.
Die Eigenkapitalverzinsung im Netzbereich wird wohl weiter sinken. Wie sehr wird das den Finanzierungsspielraum der Branche weiter einschränken?
Ich sehe bei vielen Stadtwerken Probleme mit ihren steuerlichen Querverbünden kommen. Oft sind die Geldbringer das Netz und in Teilen der Vertrieb. Die Verzinsung aus dem Netzbereich geht jetzt wohl deutlich zurück und beim Vertrieb wird es nach meiner persönlichen Meinung von Jahr zu Jahr schlechter, weil immer mehr der treuen Kunden, die nicht online vergleichen, versterben. Und die jungen Kunden schließen ihre Verträge übers Internet ab und gehen nicht automatisch zum nächstgelegenen Stadtwerk. Und deshalb ist der Gesamttopf der Marge im Vertrieb mittelfristig einfach rückläufig. Und das zeichnet sich bereits ab.
Kommunen sind in der Regel sehr zurückhaltend mit externen Finanzpartnern, außerdem besteht immer Sorge davor, zu viel Unabhängigkeit abgeben zu müssen. Wie könnte konkret eine Zusammenarbeit zwischen einer Kommune und Palladio Partners aussehen?
Wir haben einen partnerschaftlichen Ansatz und wollen nicht die Mehrheit an einem Stadtwerk oder direkte Anteile von diesem übernehmen. Vielmehr gründen wir für den spezifischen Bedarf/ das konkrete Projekt eine gemeinsame Tochtergesellschaft, die mehrheitlich vom Stadtwerk geführt und auch dort konsolidiert wird. Die Konstruktion eines 100 Prozent kommunalen Unternehmens mit einem kommunalen Aufsichtsrat bleibt damit gewahrt.
Unser Mehrwert liegt darin Eigenkapital zur Verfügung zu stellen, welches es der Stadt ermöglicht Ihre dringend benötigen Vorhaben, beispielsweise den Glasfaserausbau, voranzutreiben. Das Eigenkapital zeichnet sich dadurch aus, dass es von deutschen Altersvorsorgeunternehmen (unter anderem Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerke und kirchliche Einrichtungen) kommt, die in langfristigen Partnerschaften denken und keinen kurzfristigen wertmaximierenden Verkauf anstreben. Die Ziele entsprechen denen der kommunalen Partnern und die Renditeanforderungen sind moderat. Oft sind die Investoren in derselben Region verankert, wodurch sich weitere enorme Vorteile ergeben, wenn man über einen langen Zeitraum im selben Boot sitzt.
Alle Stadtwerkevertreter sind sich einige, dass die genannten Investitionsthemen grundsätzlich kommen werden.
Sie touren mit diesem Angebot seit Jahresbeginn durch Deutschland. Wie ist das Interesse und das Stimmungsbild in der Branche?
Ich habe bisher mit rund 75 Stadtwerkechefs gesprochen. Aus diesen Gesprächen sind jetzt mittlerweile zehn sehr konkrete Projekte geworden, wo wir uns in vertieften Gesprächen befinden. Einige Gespräche sind in einer sehr konkreten Phase, andere Stadtwerke sagen aber auch, ich brauche das noch nicht und löse die Finanzierung meiner Vorhaben noch ein paar Jahre über die bisherigen Wege.
Der Markt entwickelt sich schon, vielleicht sind wir mit unserem Geschäftsmodell daher bei dem Einen oder Anderen noch etwas vor der Zeit. Wir bauen aktuell Vertrauen auf und haben daher auch Geduld. Alle Stadtwerkevertreter sind sich aber einig, dass die genannten Investitionsthemen grundsätzlich kommen werden.
Aus welchen Bereichen kommen bisher die meisten Anfragen?
Vor allem aus dem Glasfaserbereich. Bei den zehn konkreteren Projekten geht es ausschließlich um Breitband. Es gibt Städte in einer gewissen Größenklasse, die die Ausbausituation in ihrer Kommune weiter verbessern wollen. Dafür gibt es interessante Kooperationsmöglichkeiten, hier hat sich mittlerweile etwa die Deutsche Telekom schon für Partnermodelle geöffnet, wie beispielsweise in Münster und Ludwigsburg.
Die Deutsche Telekom trägt das Vermarktungsrisiko, aber Münster behält das Netz in der Bilanz und kann es ausbauen. Die Wertschöpfung bleibt in der Stadt. Wenn diese Städte dann weiteres Geld für den Ausbau benötigen, dann kommen möglicherweise Partner wie wir ins Spiel, weil zusätzlich zur Bank ein weiterer Eigenkapitalpartner gebraucht wird.
Wir sind kein Private-Equity-Fonds, sondern streben Investitionszeiträume von 20 bis 30 Jahren an.
Wann wird ein erstes Projekt konkret?
Mit einem ersten Vorhaben war ich bereits im Aufsichtsrat eines Stadtrates. Ich bin zuversichtlich in den kommenden sechs Monaten ein Projekt unter Dach und Fach zu bekommen. Die Gespräche mit den kommunalen Unternehmen benötigen Zeit und wir bewegen uns auf einem neuen und unbekannten Terrain. Da geht es, wie bereits beschrieben, auch darum Vertrauen bei den jeweiligen Kommunen aufzubauen.
Unser Ansatz ist nicht der eines Private-Equity-Fonds der kommt und nach sieben Jahren wieder verkauft. Sondern wir wollen langfristige und stabile Partnerschaften entwickeln und streben Investitionszeiträume von 20 bis 30 Jahren an. Wenn wir in der kommenden Zeit die ersten Partnerschaften umgesetzt und bewiesen haben, dass wir in Hinblick auf die Governance und die Verzinsung Wort halten, dann glaube ich wird das auf weitere zukünftige Projekte verstärkend wirken.
Wo sehen Sie künftig neben Glasfaser weiteren größeren Finanzierungsbedarf für Stadtwerke?
Ich gehe davon aus, dass das Glasfasernetz bis Ende diesen Jahrzehnts in Deutschland größtenteils ausgebaut ist. Dann wird aber weiterhin für Themen wie die Wärmewende und Mobilität ein großer Finanzierungsbedarf bestehen. Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, dass wir 2035 noch Erdgas im großen Stil im Wärmekundenmarkt sehen werden, garantiert nicht mehr neugebaute Erdgasheizungen. Die Themen Fern- und Nahwärme werden zukünftig große Investitionssummen in den Städten verschlingen. Ich sehe aber langfristig noch ein anderes großes Thema.
Der Erneuerungsbedarf allein im Bereich Wasser und Abwasser ist enorm.
Was meinen Sie konkret?
Da geht es um den Erneuerungsbedarf im Bereich Wasser und Abwasser. Die Substanz, die hier gebaut wurde in den Nachkriegs- und Booomjahren, kommt jetzt in die Jahre. Die ist jetzt 60 Jahre alt. Vielleicht hält sie noch ein, zwei Jahrzehnte, aber das Thema kommt auf uns zu. Wenn man sich allein den Wiederbeschaffungswert für Abwasserleitungen anschaut, sehen wir heute schon, dass wir schon bereits rund 100 Mrd. Euro hätten mehr investieren müssen. Das ist dem Investitionsrückstau in einigen Kommunen geschuldet.
In was für einem Finanzierungsrahmen bewegt sich Verzinsung bei Ihnen im Vergleich zu einer Hausbank?
Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Die Hausbank bietet dem Stadtwerk Fremdkapital. Wir sind ein klassischer Eigenkapitalgeber und damit Partner. Wenn ein Stadtwerk über eine ausreichend starke eigene Bilanz verfügt, wird es auch weiterhin den klassischen Weg über Fremdkapital suchen. Es gibt aber mehr und mehr Stadtwerke, bei denen die Bank heute schon nach einer Kommunalbürgschaft fragt, weil gewisse Bilanzkennzahlen nicht mehr erfüllt sind.
Daneben ist man zunehmend offen für externe Partner die weitere Mehrwerte mitbringen. Hier können wir mit Palladio eine interessante Ergänzung darstellen, weil wir mit unserem langfristigen partnerschaftlichen Ansatz und der Tatsache, dass wir ausnahmslos deutsches Altersvorsorgekapital verwenden, aus meiner Sicht kulturell optimal zu einem Stadtwerk passen. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)



