Im Energiehandel blickt derzeit alles auf den Gasmarkt. Der Nahost-Konflikt und Trumps Unberechenbarkeit sorgen für zusätzliche Preisschwankungen. Bei den Strompreisen ist Sven Nels, Geschäftsführer von Baywa Re Energy Trading, derweil zuversichtlich, dass die Windflaute nicht das ganze Jahr über andauert. Ein Gespräch über Energiepreise, Speicher und Pläne in der Direktvermarktung.
Herr Nels, wie schauen Sie aktuell auf den Terminmarkt?
Die Strompreisveränderungen im Terminmarkt sind aktuell hoch. Historisch gesehen gab es am Terminmarkt häufig Änderungen um die 10 Euro pro Megawattstunde, allerdings hat man diese Schwankungsbreite eher innerhalb von ein paar Monaten gesehen. Aber seit Ende 2021 treten Preisschwankungen dieser Größenordnung sehr kurzfristig auf, das heißt, innerhalb von wenigen Tagen.
Was sind die Preisfaktoren?
Die Abhängigkeit vom Gaspreis ist weiterhin stark. Das zunehmende LNG-Angebot deutet für mich aber mittelfristig auf eine leichte Entspannung des Gas- und auch des Strompreises hin. Allerdings haben geopolitische Ereignisse wie die schwankenden Zollentscheidungen der Trump-Administration und die Konflikte in der Ukraine und im Gazastreifen weiterhin starken Einfluss auf die Entwicklung der Terminmarktpreise.
Und am Spotmarkt?
Die Intraday-Spreads sind extrem. Wir sehen aktuell fast jeden Tag deutliche Preisschwankungen von sehr hohen bis hin zu stark negativen Preisen. In den ersten Monaten haben wir an der EPEX Spot einen hohen monatlichen Durchschnittspreis wie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Dies lag unter anderem an der geringen Windeinspeisung in den ersten Monaten und jahreszeitlich bedingter geringer PV-Einspeisung. Dementsprechend lag auch der Marktwert für Wind über dem Vorjahresniveau. Allerdings rechne ich damit, dass sich die geringe Windeinspeisung im Jahresverlauf wieder ausgleicht.
"Wir haben noch nie ein Jahr erlebt, in dem die Windenergie nur 50 Prozent der durchschnittlichen Jahres-Leistung gebracht hat."
Was stimmt Sie zuversichtlich?
Wir haben noch nie ein Jahr erlebt, in dem die Windenergie nur 50 Prozent der durchschnittlichen Jahres-Leistung gebracht hat. Selbst 85 Prozent der erwarteten Jahresproduktion wären schon wenig. Aber eine Produktion von nur 90 Prozent gegenüber dem langjährigen Durchschnitt wäre für 2025 möglich. Mit zunehmender Solareinspeisung sind die Spotpreise im April und Mai wieder stark gesunken und waren deutlich öfter im negativen Bereich, als in den Vorjahren.
Was bedeutet das für Sie als Direktvermarkter?
Für uns ist es entscheidend zu wissen, wie sich die Erzeugung von Wind- und Solarstrom voraussagen lässt. Die kurzfristige Einspeiseprognose ist hier von essenzieller Wichtigkeit. Wir testen regelmäßig die Prognosedienstleistungen am Markt. Der beste Dienstleister ist für uns, wer die erzeugten Megawattstunden am verlässlichsten vorhersagt und die geringste monetäre Abweichung zwischen Spot-Prognose und tatsächlicher Erzeugung generiert.
Wo sieht Baywa Re konkret Chancen und Risiken?
Die Preisvolatilität gibt uns Chancen in der Direktvermarktung, in der Regelenergie und in der Flexibilitätsvermarktung. Wir können Batterien, Biogas und Biomasse steuern, und damit den Marktwert des so erzeugten Stroms vergrößern. Auch Regelenergie bleibt notwendig und die Preise vor allem in der Sekundärregelleistung ziehen seit etwa zwei Jahren ab dem Frühjahr bis zum Herbst an.
Die Größe des Regelenergiemarktes ist in den vergangenen Jahren nicht gestiegen.
Im Gegenteil: Da der deutsche Intraday-Markt im letzten Jahrzehnt deutlich in der Liquidität gewachsen ist, schrumpfte der Markt für Regelenergie in diesem Zeitraum leicht.
"Der Regelenergiebedarf wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen."
Das wird sich aber ändern?
Der Regelenergiebedarf wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen, weil wir so viele fluktuierende Erzeuger haben und weiter zubauen. Den Bedarf decken verschiedene steuerbare Stromerzeuger, die prinzipiell alle am Regelenergiemarkt teilnehmen können.
Sind Sie hier selbst aktiv?
Wir arbeiten derzeit an einem Pilotprojekt, wo wir Photovoltaik in der Regelenergie testen. Photovoltaik kann sich für die Sekundärregelleistung eignen, dasselbe gilt auch für Windkraftanlagen, wo es seit Jahren vereinzelt erste präqualifizierte Windenergieanlagen gibt, welche aber bislang keinen breiten Durchbruch in der Regelenergie erreicht haben.
Wie kompliziert ist die Präqualifizierung noch?
Das Verfahren ist abhängig vom Übertragungsnetzbetreiber. Bei Biogas oder Batteriespeichern schafft man das in drei Monaten. Bei Wind und PV wird es komplexer und komplizierter.
Profitieren Sie selbst von negativen Preisen?
Als Direktvermarkter haben wir zurzeit wenig davon. Wir können lediglich unsere PV-Anlagen abschalten und tun dies auch weitflächig. Leider werden deutschlandweit viele Anlagen am Markt auch bei stark negativen Preisen, aus technischen Gründen oder weil keine Inzentivierung zur Abschaltung existiert, noch immer nicht abgeregelt.
Wie schnell können Speicher eine signifikante Wirkung entfalten?
Der Zubau von Großspeichern nimmt zu. Ist das ein Tsunami? Nein, eher eine erfrischende Brise. Es gibt noch Investitionshemmnisse für Speicher, etwa im Baurecht oder beim Netzanschluss. Wenn da noch mehr Bewegung reinkommt, dann hat das auf den Strommarkt auch Auswirkungen.
"Die Ausbauzahlen vor allem bei der Photovoltaik sind so hoch, dass es viel mehr Speicher bräuchte."
Dann gibt es auch weniger Preisschwankungen?
Ja, aber ich denke nicht, dass der in den kommenden drei bis vier Jahren geplante Zubau von Batteriespeichern auf Übertragungs- und Verteilnetzebene ausreicht, um die untertägigen Preisschwankungen zu verringern. Die Ausbauzahlen vor allem bei der Photovoltaik sind so hoch, dass es viel mehr Speicher bräuchte. Wenn wir weiterhin 15 Gigawatt an PV jährlich ausbauen, sind zwei Gigawatt an Speicherleistung vergleichsweise wenig.
Können sich Speicher derzeit allein am Spotmarkt refinanzieren?
Nein, der untertägige Preisspread allein reicht für Batteriespeicher nicht. Daneben braucht es auch weiterhin die Regelenergiemärkte.
Sie haben als Direktvermarkter ihr Portfolio im vergangenen Jahr deutlich reduziert. Wie geht es weiter?
Wir sind immer noch ein großer deutscher Direktvermarkter. Dass wir im vergangenen Jahr einen Teil des Portfolios verloren haben, hing mit der finanziellen Situation zusammen, in der sich der Hauptgesellschafter der Baywa-Re-Gruppe, die Baywa AG, befindet. Wir stehen jedoch in gutem Kontakt zu den Kunden und sind zuversichtlich, kurzfristig, also im nächsten Jahr, wieder im Portfolio zuzulegen.
"Unser Energiehandel wird innerhalb der Baywa Re Teil des Kerngeschäfts bleiben."
Wie läuft es bislang im Jahresverlauf?
Wir haben ein profitables Portfolio aus Wind-, PV- und Biogasanlagen und Batteriespeichern. In der ersten Jahreshälfte ist unser Portfolio bereits wieder gewachsen. Prinzipiell ist es unser Ziel, wieder unter die Top 5 der Direktvermarkter aufzusteigen. Dabei ziehen wir allerdings ein werthaltiges Portfolio dem Wachstum vor. Unser Energiehandel wird innerhalb der Baywa Re Teil des Kerngeschäfts bleiben.
Das Interview führte Julian Korb



