Von Artjom Maksimenko
Die Bundesregierung will mit der Abschaffung der Gasspeicherumlage und einem milliardenschweren Zuschuss bei den Stromnetznutzungsentgelten für Entlastungen bei den Endverbrauchern sorgen. In den meisten Fällen kommt diese Hilfe an, zahlreiche Versorger haben bereits Preissenkungen angekündigt. Es gibt allerdings auch Ausnahmen.
Denn diese Maßnahmen reichen nicht überall aus, um die Energiepreise zu senken. Aufgrund zahlreicher Herausforderungen vor Ort haben beispielsweise die Stadtwerke Bad Saulgau aus Baden-Württemberg ihre Kunden über Preiserhöhungen bei Strom- und Gastarifen informiert. Die Anpassungen betreffen die Grund- und Ersatzversorgungskunden der insgesamt rund 6000 Strom- und etwa 2200 Gaskunden des Versorgers.
Trend zur Senkung
Laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox haben Grundversorger zum Jahreswechsel bislang 113 Preissenkungen von durchschnittlich 9 Prozent angekündigt. Die Strompreissenkungen würden etwa 2,2 Millionen Haushalte in Deutschland betreffen. Lediglich vier Versorger haben eine Erhöhung der Preise angekündigt, im Schnitt um etwa ein Prozent. Bei den Gastarifen senken laut Verivox bislang 69 Grundversorger ihre Preise, die durchschnittliche Anpassung liegt bei sieben Prozent.
Hilfe aus Berlin kommt nicht an
"Auch wir hätten die Preise gerne gesenkt", sagte Andreas Dürler, Leitung Marketing & Vertrieb bei den Stadtwerken Bad Saulgau, auf ZfK-Anfrage. Doch "hauptsächlich die politischen Rahmenbedingungen und große Herausforderungen in der IT-Systemlandschaft, beispielsweise die Umsetzung des 24-Stunden-Lieferantenwechsels, machen es kleinen bis mittleren Energieversorgern sehr schwer, wettbewerbsfähige Preise anzubieten".
Der Arbeitspreis im Grund- und Ersatzversorgungstarif "Basis" der Stadtwerke bleibt zwar mit 40,36 Cent je Kilowattstunde (brutto) auch ab dem 1. Januar 2026 konstant. Dafür steigt der jährliche Grundpreis von 184,03 Euro auf 199,99 Euro. Im Sondertarif "TreueStrom" bleiben sowohl der Arbeitspreis (37,20 Cent/kWh) als auch der jährliche Grundpreis (180 Euro) unverändert.
Die Preiserhöhung in der Strom-Grundversorgung liegt hauptsächlich in den Herausforderungen der Mengenprognostizierbarkeit sowie im Ausfallrisiko, erläuterte Dürler. Außerdem steigen in Bad Saulgau die Netzentgelte ab 2026 sogar: von 8,29 Cent/kWh im laufenden Jahr auf 8,42 Cent/kWh. "Hintergrund ist hauptsächlich der Wegfall der Regelung ‘Singuläre Betriebsmittel’", sagte er. Hinzu komme die Insolvenz und der Wegfall eines großen Netzkunden, dessen Name und Verbrauchswerte allerdings nicht öffentlich kommuniziert werden. "Ohne diese Effekte wäre eine Senkung von bis zu 9 Prozent möglich gewesen."
"Auch wir hätten die Preise gerne gesenkt." Andreas Dürler, Stadtwerke Bad Saulgau
Bei der Festlegung des neuen Gaspreises sei der Wegfall der Gasspeicherumlage berücksichtigt worden. Jedoch seien die Netzentgelte sowohl im Arbeits- als auch im Grundpreis um circa 17 Prozent gestiegen, führte Dürler aus. Als Gründe dafür nannte er die Kanu-2.0-Vorschrift (Kalkulatorische Nutzungsdauern und Abschreibungsmodalitäten von Erdgasleitungen) sowie die Entgelte in vorgelagerten Netzen. "Allein damit wäre der Preisanstieg schon erklärt", sagte der Vertriebsexperte. Hinzu kämen aber noch gestiegene Verwaltungskosten und der CO₂-Preis im Korridor zwischen 55 und 65 Euro je Tonne.
Bad Saulgau hofft auf Kundentreue
Eine große Abwanderungswelle der Kunden erwartet Dürler nicht: "Die Stadtwerke Bad Saulgau haben einen sehr treuen Kundenstamm, dem bewusst ist, dass wir als Energieversorger nicht ausschließlich den Strom liefern, sondern – vereinfacht gesagt – die Stadt am Laufen halten".
Der Versorger sei persönlich im Kundenbüro, über E-Mail, Telefon und über Social Media jederzeit ansprechbar und bemüht, alle aufkommenden Probleme zu lösen. "Es ist nicht vermessen zu sagen, dass ein Billiganbieter so etwas niemals leisten kann und wird", so Dürler. Im Strom bieten die Stadtwerke beispielsweise den sogenannten "StädtleStrom" mit reduzierten Leistungen zu einem günstigeren Preis an, um preissensible Kunden zu halten. Ab 2026 liegt hier der Grundpreis bei 209,99 Euro pro Jahr und der Arbeitspreis bei 33,80 Cent/kWh.
Leichte Preiserhöhung bei N-Ergie
Kaum ein Versorger hat neben Bad Saulgau angekündigt, die Preise zum Jahreswechsel nicht zu senken. Eine Ausnahme bildet der große Nachbar aus Nürnberg: Nach der Preissenkung im vergangenen Jahr gehen die Preise für Strom und Erdgas des Regionalversorgers N-Ergie zum Jahreswechsel nach oben.
Der Versorger senkt zum 1. Januar 2026 zwar den Arbeitspreis für Stromtarife, der Grundpreis steigt jedoch und unterm Strich ergibt sich für die Stromkundinnen und -kunden des Versorgers eine Erhöhung um etwa 1,5 Prozent. Die Preisänderungen wirken sich je nach gewähltem Produkt und Verbrauch unterschiedlich aus, heißt es aus Nürnberg weiter.
"Die angekündigte Anpassung verläuft bisher sehr geräuschlos – sicherlich auch, weil unsere Preise im Vergleich vor Ort immer noch mehr als konkurrenzfähig sind." N-Ergie-Vertriebsleiterin Sylwia Skrzeszewska
"Die Netzentgelte für Haushaltskunden steigen bei uns wegen stark ansteigenden Investitionen ins Netz bei gleichzeitig rückläufigem Strombezug aus dem Netz. Dies übersteigt die Entlastung aus den Maßnahmen des Bundes. Die Anpassung wurde erst kürzlich kommuniziert und läuft bisher sehr geräuschlos – sicherlich auch, weil unsere Preise im Vergleich vor Ort immer noch mehr als konkurrenzfähig sind", ordnet auf ZfK-Anfrage N-Ergie-Vertriebsleiterin Sylwia Skrzeszewska ein.
Durch die Preissenkungen im vergangenen Jahr lägen die Tarife der N-Ergie weiterhin auf einem sehr attraktiven Niveau – selbst nach der moderaten Anpassung zum Jahreswechsel, zumal nicht alle Produkte betroffen seien. Besonders hervorzuheben sei der "Strom Garant Tarif" mit 199,08 Euro Grundpreis pro Jahr und 28,02 Cent pro kWh, der auch im Wettbewerbsvergleich "äußerst attraktiv" sei.
Zurückhaltung bei vielen Versorgern
Bis zum Jahresende haben bereits zahlreiche Versorger ihre Tarife angepasst. Allerdings gibt es viele Unternehmen, die sich noch zurückhalten. Aus zahlreichen Gesprächen mit ihnen erfuhr die ZfK, dass sie sich entschieden haben, abzuwarten, bis die entsprechenden preisrelevanten Vorschriften, wie beispielsweise der Zuschuss bei den Netzentgelten, in trockenen Tüchern sind.
Man wolle den Kunden nach dem Durcheinander bei den Strom- und Gaspreisbremsen keine chaotischen Zustände zumuten. Dafür seien sie bereit, Wettbewerbsnachteile in Kauf zu nehmen und die Tarife erst fristgerecht im März anzupassen. "Ein Super-GAU wie bei den Energiepreisbremsen würde mehr Schaden anrichten als der vermeintliche Profit aus einer frühen Preissenkung", so ein Sprecher eines Regionalversorgers zur ZfK.



