Die klassische Rollentrennung zwischen Konsumenten und Produzenten löst sich zunehmend auf. Erneuerbare Energien werden stark ausgebaut. Jede Immobilie wird perspektivisch sowohl zum Produzenten als auch zum Konsumenten von Energie – zum "Prosumer". Energiewirtschaftliche Optionalitäten gewinnen deshalb verstärkt an Bedeutung.
Christof Spangenberg, Geschäftsführer von "m3 management consulting" dazu im Gespräch mit Gerhard Holtmeier, Vorsitzender der Geschäftsführung des Dortmunder Versorgers DEW21 und Matthias Trunk, Mitglied des Vorstands der Berliner GASAG.
Herr Trunk, neue Geschäftsmodelle entstehen in von Prosumern geprägten Energiemärkten?
Trunk: Es entstehen viele Potenziale für eine zukunftsträchtige Wertschöpfung. Die Kunden werden erwarten, dass sie neben dem Energieeinkauf auch Unterstützung beim Management ihres Energieportfolios und ihrer spezifischen Strategien bekommen. Dazu müssen die unterschiedlichen Geräte vernetzt, auf individuelle Nutzungsprofile ausgerichtet und im Hinblick auf Kosten und Emissionen optimiert werden. Das ist eine gänzlich neue Anforderung. Mit den neu entstehenden Kundenbedürfnissen verlieren Commodity-Leistungen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig sind die Voraussetzungen für neue Geschäftsmodelle gegeben. Ihr Aufbau ist allerdings eine enorm anspruchsvolle Aufgabe.
Herr Holtmeier, worin ist diese Komplexität begründet?
Holtmeier: Man muss die Optionalitäten bepreisen und bündeln, um sie handelsfähig zu machen und zu vermarkten, sowie die tatsächliche Wertschöpfung rund um die Netzentgelte und Services modellieren. Gleichzeitig haben wir es auch auf technischer Ebene mit hoher Komplexität zu tun: Es braucht eine Plattform, die eine präzise Objektabbildung der Gebäude ermöglicht, Zugänge zu intelligenten Messsystemen hat und über Hersteller-Schnittstellen auf die installierten Geräte zugreifen kann, um sie zu steuern. Darüber hinaus sind ein sehr gut funktionierender Kundenservice und ein starkes Ökosystem erforderlich, um Kunden ganzheitlich zu unterstützen. Es ist also kein Zufall, dass die ersten Unternehmen, die entsprechende Plattformen aufbauen, das mit sehr viel Kapital tun und ihr Angebot europaweit ausrollen wollen, um ausreichende Skaleneffekte zu erreichen.
Worin liegt die Bedeutung der Prosumer-Plattformen für die Energiewende?
Holtmeier: Um die Energiewende erfolgreich umzusetzen, ist die Nutzung energiewirtschaftlicher Optionalitäten der Wohn- und Gewerbegebäude von zentraler Bedeutung. Sie müssen smart und effizient gesteuert werden. Es nutzt nämlich nicht viel, wenn Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen unkoordiniert eingebaut und betrieben werden. Dann erzeugt man Strom zu Zeiten, wo man ihn nicht benötigt, generiert Netzlasten zu Zeiten, wo man sie nicht braucht, und optimiert nicht das Gesamtsystem. Und dann wird die Energiewende sehr, sehr teuer.
Lohnt sich für kommunale und regionale Versorger der Versuch, ebenfalls in diesen Markt einzutreten?
Trunk: Die Frage ist, ob es überhaupt eine Option ist, das nicht zu tun. Wenn andere Anbieter attraktive neuartige Plattform-Angebote zum integrierten Betrieb der zukünftigen Hausinfrastruktur anbieten, die die Stadtwerke gar nicht bieten, werden diese schnell mit den bisherigen Stadtwerkekunden wachsen. Dann bleibt den Versorgern, ob kommunal oder privat, lediglich der zwar relativ sichere, aber eher margenschwache Netzbetrieb – die Vertriebsseite würden sie mittelfristig vollständig verlieren.
Aber welche Chancen haben Stadtwerke, in diesem Zukunftsmarkt mit großen Playern mitzuhalten?
Holtmeier: Die Stadtwerke verfügen über sehr gute Kundenzugänge und genießen ein hohes Vertrauen der Kunden. Wenn sie rechtzeitig ein attraktives Produkt präsentieren, haben sie sehr gute Chancen, hohe Marktanteile zu erobern bzw. zu behalten. Durch ihre starke Präsenz vor Ort brauchen sie auch nicht die geografische Reichweite, auf die neue Marktteilnehmer angewiesen sind. Die Investitionen sowie die prozessuale und technische Expertise, die beim Aufbau solcher Prosumer-Plattformen erforderlich sind, können kommunale Versorger allerdings nicht im Alleingang und erst recht nicht schnell genug stemmen – und es macht auch weder betriebswirtschaftlich noch technisch Sinn. Dafür müssen andere, kooperative Lösungen gefunden werden – und das ist mit dem Fokus auf lokale oder regionale Märkte auch möglich.
Wie kann ein kooperativer Ansatz für den Aufbau kommunaler Prosumer-Plattformen aussehen?
Trunk: Wir arbeiten bei diesem Thema am Aufbau einer Arbeitsgemeinschaft, zu der viele große, mittelgroße und kleinere Versorger zählen. Wir wollen eine skalierbare Lösung entwickeln, an der jedes regional ausgerichtete EVU teilhaben kann – mit einer Investition, die die jeweilige Größe und die finanziellen Möglichkeiten berücksichtigt. Unser Ansatz ist, unterschiedliche bereits existierende Lösungsbausteine und Kompetenzen zu kombinieren, zu integrieren und fehlende Puzzleteile zu ergänzen. Parallel entwickeln wir ein Geschäftsmodell, um die Größeneffekte einer gemeinsamen Plattform zu nutzen und die Wertschöpfung der Prosumer-Optimierung im Wesentlichen bei den beteiligten Versorgern zu lassen.
Holtmeier: Das Ziel ist, einerseits im Hinblick auf Technologie und Service auf Augenhöhe zu spielen, und andererseits auch zu einer sehr relevanten Größe im Markt zu werden. Dadurch wollen wir einen Standard setzen, den die Gerätehersteller berücksichtigen wollen. Wir sind überzeugt, dass die kommunalen Energieversorger in diesem zukunftsweisenden Geschäft eine starke, nachhaltige Rolle spielen können – und müssen. Das ist im Sinne der Kunden und Kommunen und ein wichtiger Beitrag für eine erfolgreiche und bezahlbare Energiewende.
Was kann ein interessierter Versorger tun, um mitzumachen?
Trunk: Dem Vorprojekt "Prosumer-Plattform" beitreten: Aktuell arbeiten unter anderem die Stadtwerke Lübeck, die Eins Energie, die DEW21 und die GASAG mit m3 zusammen, um die Prosumer-Plattform vorzubereiten. Je mehr Unternehmen mitmachen, desto schlagkräftiger werden wir.
Das Interview führte Christof Spangenberg. (jk)



