Der Frühling 2024 war in Deutschland so warm wie noch nie. Dadurch sind die Heizkosten für Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich gesunken. Die Heizkosten für Gas gingen im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent zurück , das Heizen mit Öl wurde um 13 Prozent günstiger.
Das ist das Ergebnis einer Analyse des Vergleichsportals Verivox anhand der Daten des Deutschen Wetterdienstes. Der Heizbedarf für einen Musterhaushalt im Einfamilienhaus sank zwischen März und Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19 Prozent. Die Verbrauchsrückgänge setzen auch den Energieversorgern zu.
"Alle Gasvertriebe haben derzeit mit Mengenrückgängen zu kämpfen"
"Aktuell liegt der Gasverbrauch für Haushalts- und Gewerbekunden – betrachtet wird hier der Gaseinsatz primär für temperaturgetriebene Raumwärme – für die Monate Januar bis Juni um 20 Prozent unter den Werten der Referenzjahre 2018 bis 2021", sagt Christian Linden, Senior Manager und Beschaffungsexperte bei PwC .
Der Gasverbrauch im ersten Halbjahr sei auch im Vergleich zum verbrauchsarmen Vorjahr 2023 aufgrund der hohen Temperaturen noch einmal um sechs Prozent zurückgegangen. Dies zeigten aktuelle Zahlen der Bundesnetzagentur.
Herausforderung Beschaffungskosten
"In Summe haben sämtliche Unternehmen im Bereich Gasvertrieb derzeit mit diesen temperaturbedingten Mengenrückgängen zu kämpfen", so Linden auf ZfK-Anfrage.
Die klassischen Energieversorger und Stadtwerke hätten zudem zum Teil wirtschaftliche Herausforderungen aufgrund hoher Beschaffungskosten und resultierender hoher Endkundenpreise.
"Dies kann zu verstärkten Kundenwechseln führen"
Aktuell seien aus diesem Grund teils große Preisunterschiede der Grundversorgungstarife im Vergleich zu Akquisetarifen anderer Anbieter zu sehen. Im Schnitt würden diese um circa fünf Cent pro kWh im Vergleich über den Top-Tarifen auf den Vergleichsportalen liegen. "Dies kann zu verstärkten Kundenwechseln und ebenfalls sinkenden Mengen oder aber sogar zum Abverkauf von Mengen führen", so der Experte weiter.
Zwar gebe es wieder vermehrt Anbieter für flexible Lieferverträge beim Erdgas und damit auch wieder Absicherungsinstrumente. "Die beschaffungsseitigen Risiken bei temperaturbedingten Mengenschwankungen können dadurch gemindert werden, gegen Kundenwechsel/Abverkauf hilft dies allerdings kaum", erklärt Linden.
Enges Monitoring wichtig
Aufgrund der erschwerten Planbarkeit von Abnahmemengen und realisierbaren Preisen empfehle sich generell eine konservative Planung "sicherer Absatzmengen" und eine strukturierte Zuordnung von Beschaffungs- und Vertriebsportfolien. Die einhergehenden konkreten Schritte, Prozesse und Verantwortlichkeiten würden dann in den angepassten (und wünschenswerterweise eng verzahnten) Richtlinien für Beschaffung und Vertrieb festgehalten.
"Hier sollte ein enges Monitoring inklusive Handlungsoptionen hinterlegt werden, um ein Auseinanderlaufen von Mengen und Preisen frühzeitig erfassen und darauf reagieren zu können", stellte Linden klar.
Gaspreise bei Neuabschluss sind zuletzt wieder gestiegen
"Neben dem geringeren Heizbedarf sind auch die Gaspreise im Vergleich zum Vorjahr noch einmal deutlich gesunken. Im Frühjahr 2023 lag der durchschnittliche Gaspreis bei rund 14 Cent pro Kilowattstunde, in diesem Jahr liegt er bei knapp 11 Cent", sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox.
Die Lage an den Beschaffungsmärkten habe sich seither beruhigt, doch zuletzt seien die Gaspreise bei Neuabschluss wieder gestiegen. "Daher raten wir dazu, sich jetzt einen günstigen Gastarif für den kommenden Winter zu sichern", so Storck weiter. (hoe)



