
Karsten Rogall ist seit September 2014 Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig GmbH und seit Mai 2018 einer von vier Geschäftsführern der LVV Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH. Im Dezember 2018 ist er zudem zum Präsidenten der VKU-Landesgruppe Sachsen gewählt worden. Im Interview mit der ZfK verrät er auch, wie er die Wärmeversorgung in Leipzig noch sicherer machen will und berichtet über die gut gefüllte Projektpipeline des Kommunalversorgers im Erneuerbaren-Bereich.
Herr Rogall, die Leipziger Stadtwerke sind vergleichsweise gut durch die Coronakrise gekommen. Sie erwarten nach vorläufigen Zahlen ein Ergebnis nach Plan von um die 69 Mio. Euro. Gibt es bisher größere Forderungsausfälle, etwa in besonders stark von der Pandemie getroffenen Branchen?
Bisher sind größere Insolvenzfälle ausgeblieben. Im laufenden Jahr stellen wir uns dafür aber schon auf größere Ausfälle ein. Gerade im Bereich des Einzelhandels, der Gastronomie und der Hotellerie könnte es eine Marktbereinigung geben. Ich erwarte einen kompletten Wandel in der Innenstadt. Das wird durch Corona nur beschleunigt. Hier haben wir im Jahresabschluss 2020 bereits Risikovorsorge getroffen, das bewegt sich in der Größenordnung eines kleinen einstelligen Millionenbetrags.
Am stärksten unter den Ausgangsbeschränkungen leiden der ÖPNV und der Bäderbereich. Wie stark sind die Rückgänge in Leipzig gewesen?
Wir haben deutlich weniger Besucher in den Bädern. Hier fehlen Einnahmen in Höhe von etwas mehr als einem siebenstelligen Betrag. Die Fahrgastzahlen im ÖPNV sind dramatisch zurückgegangen. 2019 lagen wir noch bei ca. 160 Mio. Nutzern, im vergangenen Jahr waren es rund 100 Mio.
Auch das Nutzerverhalten hat sich verändert. Zum Glück gibt es nur wenige Kunden, die ihre Abonnements gekündigt haben. Das lässt uns für die Zukunft hoffen, dass eine Rückkehr zum Vorkrisen-Niveau möglich ist. Wir glauben, dass dieser Prozess drei Jahre dauern wird.
Die Planung im ÖPNV war auf Wachstum angelegt. Dazu gehörten auch Investitionen in neues Rollmaterial? Wie sehr passen Sie diese Konzepte jetzt an?
Wir haben ein umfassendes Modernisierungs- und Erweiterungsprogramm, sowohl was Gleisnetze als auch die Anschaffung von Straßenbahnen und Bussen betrifft. Das schauen wir uns an. Wenn die erwarteten Zuwächse der Fahrgäste in den nächsten zehn Jahren eben nicht die erwarteten 200 Mio. Fahrgäste erreichen, werden wir die Erweiterungsinvestitionen sicher um ein paar Jahre verschieben. Grundsätzlich werden die geplanten Erneuerungen aber beibehalten. Nur so schaffen wir es, Kunden zurückzugewinnen und nach der Pandemie den ÖPNV attraktiver zu gestalten.
Denken Sie auch über flexiblere Angebote nach. Für Kunden, die einige Tage in der Woche im Home Office sind, lohnt sich vielleicht die klassische Jahreskarte nicht mehr?
Wir denken intensiv über verschiedene Angebote nach. Wir sehen auch, dass sich unsere Kunden darüber Gedanken machen. Es werden mehr Monatskarten gekauft, um sich selber flexibler zu machen. Dafür wird ein kleiner Preisnachteil in Kauf genommen. Das nehmen wir wahr und deshalb denken wir über neue Produkte nach. Ich kann ihnen da aber noch nichts sagen, das wäre zu früh.
Eines der größten Investitionsprojekte ist aktuell der Umbau der Fernwärmeversorgung. Hier gab es ja in den vergangenen Wochen einige Havarien und Pannen bei Energieversorgern. Fürchten Sie hier generelle Imageprobleme für die Fernwärme?
Nein. Regionale Medienvertreter haben gefragt, ob die Versorgung in Leipzig stabil und sicher ist. Da das in Leipzig der Fall ist, war das auch kein größeres Thema. Wir arbeiten zudem daran, die Wärmeversorgung noch sicherer zu machen als sie heute schon ist.
Wie sieht die Backup-Lösung in Leipzig aus?
Wir haben bei unseren Wärmemarktszenarien ein umfangreiches Besicherungskonzept sowohl für die Wärme- als auch die Stromversorgung erarbeitet. Wir sind in der Lage in jedem Fall und auch bei jeder Temperatur den Ausfall unserer größten Anlage zu kompensieren. Momentan sind wir in der Stromversorgung aber noch nicht inselfähig. Aber daran arbeiten wir.
Wir werden neben das HKW Süd einen großen batterieelektrischen Speicher stellen, der uns im Bedarfsfalle in die Lage versetzt, das Kraftwerk zu starten, mit dem Stromnetz zu synchronisieren und die Spannung und die Frequenz zu halten und im nächsten Schritt auch unsere bestehende GuD-Anlage hochzufahren und sukzessive auf Inselnetzbetrieb umzustellen. Damit sind wir zukünftig hoffentlich in der Lage, auch im Falle eines flächendeckenden Stromausfalls, die Versorgung zumindest teilweise sicherzustellen.
Wo geht der Trend generell hin bei der Wärmeversorgung der Zukunft?
Auch in Leipzig werden wir eine deutlich stärkere Nutzung der Abwärme vorantreiben. Auch Wärme aus holzbasierter Biomasse und aus der Müllnutzung wird eine Rolle spielen. Wir werden zudem große Elektrolyseanlagen stärker als Wärmequellen nutzen. Ein Großteil der wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Elektrolyseuren hängt mit der Nichtnutzung der dort entstehenden Wärme zusammen. Es entstehen dort im Produktionsprozess 20 bis 25 Prozent Wärme. Auch da gibt es eine Idee, wie wir Großelektrolyseanlagen in unser Fernwärmesystem einbinden können. Aber das ist noch ein bisschen früh.
Vor zwei Jahren haben Sie den Ausbau des Erneuerbaren-Portfolios der Leipziger Stadtwerke um bis zu 200 MW bis 2030 angekündigt. Was haben Sie bereits realisieren können?
Wir haben aktuell 180 MW in der Projektpipeline, vor allem im Bereich Windkraft und PV. Hier haben wir im letzten Jahr auch einige Zuschläge erhalten, unter anderem auch in einer Innovationsausschreibung im Bereich PV im vergangenen September in Sachsen. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werden einige PV-Anlagen und Windkraftanlagen in Betrieb gehen. Wir gehen davon aus, dass wir auch die 200 MW bis 2030 realisieren können. Der Schwerpunkt des Ausbaus findet in der Region und in den neuen Bundesländern statt.
Was ist aus dem geplanten PV-Großprojekt auf einer alten Deponie in Leipzig geworden?
Es handelt sich um eine große Solaranlage im zweistelligen MW-Bereich. Diese wollen wir auf einer alten Deponie im Norden von Leipzig, in unmittelbarer Nähe zum BMW-Werk in Betrieb nehmen. Auch ein PPA-Vertrag ist denkbar. Wir gehen davon, dass diese Anlage 2022 errichtet wird.
(Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren)
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Mehr zur Wärmewende in Leipzig, den perspektivischen Umstieg auf grüne Gase, die Potenziale für die künftige Wasserstoffnutzung in dem im Bau befindlichen Heizkraftwerk Süd und Karsten Rogalls Einschätzungen zum Eon-/RWE-Deal, gegen den auch die Leipziger Gruppe geklagt hat, lesen Sie in einem ausführlichen Interview in der neuen Printausgabe der ZfK. Diese erscheint am Montag, 8. März. Zum Abo geht es hier.



