Am 15. März feierte Ralf Schodlok (61) ein besonderes Dienstjubiläum. Seit 20 Jahren ist der gebürtige Idsteiner Teil der Führungsspitze der mehrheitlich kommunalen ESWE Versorgungs AG mit Sitz in Wiesbaden. Seit Juli 2009 ist er Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Seit Februar 2012 ist er zudem Vorsitzender der Landesgruppe Hessen des Verbands VKU.
Herr Schodlok, ein Dauerbrenner in der Energiepolitik ist die Reform der Umlagen, Abgaben, Steuern auf den Strompreis. Wie sehen denn Ihre Reformvorschläge aus, wenn Sie jetzt Bundesminister für Wirtschaft und Energie wären?
Die Energiewende ist politisch gewollt. Dies nur einer Branche aufzubürden, war von Anfang an verkehrt. Man hat es lediglich über die Strompreise gemacht, in dem man immer neue Steuern und Abgaben draufgeschlagen hat. Wir Energieversorger sind das Inkassobüro des Bundesfinanzministers.
Dann stellen sich Politiker hin und zeigen auf die bösen Energieunternehmen, die den Strom so teuer machen. Man hätte schon vor langer Zeit ein komplett anderes Umlagesystem finden müssen. Dieses sollte die gesamte Volkswirtschaft mit einbeziehen und nicht nur eine einzelne Branche. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hat unter dem hohen Strompreis gelitten, das war sicherlich der falsche Weg.
Smart Meter: "Es geht um sehr langfristige Investitionen"
Ein anderes Thema: Die Digitalisierung der Energiewende, sprich der Smart-Meter-Rollout, ist aktuell in aller Munde. Was bedeutet der Eilbeschluss des OVG Münster operativ für Ihr Geschäft und wie geht es jetzt weiter?
Das Urteil hat für uns keine Auswirkungen, sondern nur für die Unternehmen, die geklagt haben. Aber natürlich ist der Vorgang symptomatisch. Die Branche braucht eine Planungssicherheit für längere Zeiträume.
Es geht hier um Investitionen, die sehr langfristig und sehr hoch sind. Wenn es jedes halbe Jahr eine Kehrtwende um 180 Grad gibt, werden Unternehmen bei diesen Zukunftsthemen nicht mehr Vollgas geben.
Ist die Bundesregierung bei diesem wichtigen Teil der Technisierung der Energiewende gescheitert?
Die Regierung traut den Unternehmen zu wenig zu. Statt einfach für die Digitalisierung einen Rahmen zu setzen, meint man, alles en detail von Amtswegen her regeln zu müssen. Es wird, wie jetzt während der Pandemie versucht, alles bis ins Kleinste zu regeln, und dann wundert man sich, dass es irgendwie nicht funktioniert, weil man wieder irgendetwas nicht bedacht hat, das in der Praxis relevant ist.
Wir haben ja auch lange gebraucht, um zu erkennen, dass man für die Energiewende den Strom-, Wärme- und Verkehrssektor gesamtheitlich denken muss. Es fehlt nach wie vor ein Masterplan, der wirklich alle Aspekte berücksichtigt.
"Kunden erwarten die Servicequalität von Amazon"
ESWE Versorgung hat sich in den vergangenen Jahren vom reinen Energielieferanten zu einem Umsorger und Lösungsanbieter entwickelt. Gleichzeitig sind Sie ein Unternehmen, dass noch sehr stark vom Kilowattstunden -Verkauf im bundesweiten Vertrieb lebt. Wie gut sehen Sie die ESWE für die Zukunft aufgestellt und was müssen Sie weiter konkret verbessern?
Wir müssen sicher die Digitalisierung in unseren Geschäftsprozessen weiter optimieren. Die Kunden sind mittlerweile die Geschwindigkeit und die Servicequalität von Amazon und anderen Online-Anbietern gewohnt. Das erwartet man auch von uns, und dieser Erwartungshaltung müssen wir gerecht werden.
Wir beliefern rund 200.000 Stromkunden außerhalb von Wiesbaden. Eine große Herausforderung wird es künftig aber auch sein, mit Blick auf den demographischen Wandel als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, gerade für jüngeres, leistungsfähiges und digitalaffines Personal. Das Angebot auf dem Markt wird einfach kleiner.
Wie wollen Sie das sicherstellen?
Um uns im Wettbewerb zu behaupten, müssen wir uns noch stärker auf die Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Flexible Arbeitszeiten sind da heute eine Grundvoraussetzung. Das mobile Arbeiten während der Coronakrise geht in diese Richtung.
Man hat jetzt gesehen, dass es funktioniert. Ich denke, in Zukunft wird sich das hybride Arbeiten vielerorts etablieren. Ich sehe die ESWE da auf einem guten Weg.
"Unser Ergebnis wird über 41 Mio. Euro liegen"
Corona dürfte kommunalen Unternehmen ja auch helfen mit Blick auf die Attraktivität der Arbeitsplätze, die die Branche bieten kann.
Wir merken das in der Tat. Viele Branchen klagen aktuell. Unser Ergebnis 2020 ist noch sehr gut. Der Plan prognostizierte für 2020 ein Ergebnis vor Steuern von 41 Mio. Euro und wir werden darüber liegen. Wiesbaden ist keine Industriestadt, wir haben leichte Absatzrückgänge.
2021 wird uns natürlich, wie alle Unternehmen, härter treffen, weil wir noch Effekte aus dem Vorjahr spüren werden und die Pandemie seit Jahresbeginn andauerte. Wir haben sicherlich Glück, dass wir ein Produkt anbieten, das zu allen Zeiten, auch während einer Pandemie, gebraucht wird. Das sichert Arbeitsplätze. Die Attraktivität der kommunalen Unternehmen ist daher gerade in diesen Zeiten noch einmal gestiegen.
Wir haben schon mehrfach das Thema bundesweiter Vertrieb angesprochen. Viele Stadtwerke sind in dem Bereich mäßig bis gar nicht erfolgreich. Was läuft da bei Ihnen besser in Wiesbaden?
Im externen Vertrieb betreiben wir schon ein bisschen Rosinenpicken. Wir prüfen sehr genau, welche Kunden wir wirklich beliefern wollen. Solche, die nur kommen, um den Bonus azubgreifen und dann wieder wechseln, sind für uns nicht interessant.
Wir schauen genau, bei welchen Kunden ein negativer Eintrag von Creditreform oder der Schufa vorliegt. Gleichzeitig versuchen wir, auch bei externen Kunden eine Loyalität aufzubauen.
"Wir setzen im bundesweiten Vertrieb auf Klasse statt Masse"
Wie gut gelingt das?
70 Prozent unserer externen Kunden bleiben uns treu, selbst nachdem der Bonus vollständig ausgezahlt wurde. Wir versuchen eine längerfristige Bindung aufzubauen, indem wir uns am Kundenwert orientieren.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man das machen kann. Wir setzen auf Klasse statt Masse. Wir wachsen lieber auf einem niedrigen Niveau, aber dafür qualitativ hochwertig. Das senkt mit Blick auf die Wechselprozesse auch die Kosten.
Aber es muss doch auch bei Ihnen ein ganz starkes Prozessthema sein. Ich weiß nicht, wie Sie zum Beispiel neue Player wie Tibber und Octopus Energy sehen, die ja da mit sehr digitalen Ansätzen rangehen. Bereiten die Ihnen Sorgen?
Nein, die bereiten mir im Moment noch nicht so viel Sorgen. Wir fahren gut mit unserem zweigleisigen Angebot. Der normale Kunde möchte Vieles mit wenigen Clicks digital über ein Portal erledigen. Das bieten wir an. Wenn es komplizierter wird, möchte er zusätzlich einen Ansprechpartner haben, mit dem er im direkten Kontakt ein Problem lösen kann.
Auch diese Unterstützung und die Beratung bieten wir an. Unsere Kundenbüros in Wiesbaden werden unverändert stark frequentiert. Ich glaube, dass wir mit dieser Hybrid-Lösung auch künftig allen Kundenwünschen gerecht werden.
Smart Home: "Datenschutz ist ein vordringliches Thema"
Sie haben in den vergangenen Jahren Smart Home zu einem eigenständigen Geschäftsfeld entwickelt, kooperieren hier mit den Johannitern und haben sich mittlerweile an einem Start-up beteiligt. Wie bewerten Sie das Wachstumspotenzial?
Wir haben das intelligente Hausnotrufsystem ESWE FamilienAssist entwickelt. Das ist ein intelligentes Hausnotrufsystem, das es ermöglicht, auch im Alter selbständig in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Ich glaube, solche Dienstleistungen werden künftig stärker gefragt werden, das ist ein wachsender Markt. Deshalb haben wir uns auch an einem Start-up beteiligt.
Wie steht es um die Akzeptanz von Smart Home? Datenschutz ist in Deutschland auch noch ein bisschen ein heiliger Gral.
Das haben die politischen Entscheider in Deutschland bei der Corona-App gnadenlos durchgezogen. Mit dem Ergebnis, dass eine eigentlich gute Idee nicht wirklich funktioniert hat. Natürlich ist Datenschutz bei unserem Assistenzsystem ein vordringliches Thema.
"Vielleicht schickt uns der Arzt künftig das Rezept per PDF"
Aber?
Wichtig ist mir der Hinweis, dass wir mit Bewegungsmeldern arbeiten, also keine Kameras oder Audiosysteme einsetzen. Die Generation der Babyboomer hat bereits eine hohe Affinität zu digitalen Medien. Daher bin ich mir sicher, dass die Akzeptanz für ein solches Monitoringsystem bei ihnen bereits sehr hoch ist – und bei den nachfolgenden Generationen noch höher sein wird.
Dann werden wir in Zukunft mit unserem Arzt möglicherweise über Telemedizin kommunizieren können, und er schickt uns direkt per PDF ein Rezept. Dieses kann man dann als Datei an die Apotheke weiterleiten, und Mitarbeiter werfen die Medikamente in den Briefkasten ein. Vielleicht entwickeln Google oder Apple im Smart-Home-Bereich noch ein Produkt, das viel intuitiver und toller ist.
Was würde das für die Attraktivität des ESWE-Hausnotrufsystems bedeuten?
Ich glaube, dass viele dieser Produkte maßgeschneidert sein müssen, weil sie darauf basieren, dass ihre Nutzer bestimmte Tagesabläufe einprogrammieren. So etwas ist nicht über Plug-and-Play zu realisieren. Und als kommunales Unternehmen mit fester Verankerung in der Stadt oder Gemeinde sind wir direkt vor Ort. Von daher sehe ich in diesem Bereich für kommunale Versorger einen großen Markt.
(Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren)
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Zu seinen drei wichtigsten strategischen Entscheidungen, aber auch zu den Folgen eines weiteren Absinkens der Netzrenditen sowie zu den Folgen des Eon-/RWE-Deals für die Kommunalwirtschaft äußert sich Ralf Schodlok in der Aprilausgabe der ZfK. Diese erscheint am Montag, 11. April. Zum Abo geht es hier.



