Von Artjom Maksimenko
Auch im Norden Deutschlands herrscht aktuell ein regelrechter Speicherboom. Dies wird an der Zahl der Anschlussanträge deutlich, die bei den Netzbetreibern ankommen. "Aktuell verzeichnen wir fast 2.500 Anschlussanfragen in einer Größenordnung von 12.700 Megawatt (MW) Speicherleistung", sagt Benjamin Merkt, Vorstand Technik bei der Muttergesellschaft von SH Netz, Hansewerk, "das ist eine Riesenwelle."
Die Leistung von den bereits angeschlossenen über 38.000 Speichern im Netz des norddeutschen Netzbetreibers kommt auf gerade 264 MW Speicherleistung. Angesichts der Entwicklung meldet das Unternehmen dringenden Handlungsbedarf an.
Speicherboom auf auf europäischer Ebene
Auf der europäischen Ebene wächst der Markt für Batteriespeicher ebenfalls rasant. Laut Aurora Energy Research wird ihre Kapazität bis 2030 auf 51 Gigawatt (GW) ansteigen. Bis 2050 sollen es sogar 98 GW sein. Derzeit sind in Europa Batteriespeicher mit einer Kapazität von rund acht GW installiert. Dabei sollen bis 2050 rund 78 Milliarden Euro in neue Projekte fließen, wie aus dem "European Battery Markets Attractiveness Report" von Aurora hervorgeht.
Aktuell verzeichnet SH Netz fast 2.500 Anschlussanfragen in einer Größenordnung von 12.700 MW Speicherleistung. Zwar sei davon auszugehen, dass nicht jedes Speicherprojekt realisiert werde, gleichwohl zeige diese Zahl aber, dass hier mit einem erheblichen Wachstum zu rechnen sei.
So werden derzeit Netzanschlüsse beispielsweise für den Kreis Steinburg für 163 Speichervorhaben mit einer Leistung von 1.600 MW bei SH Netz angefragt, im Kreis Schleswig-Flensburg seien es 345 Vorhaben - ebenfalls mit rund 1.600 MW Leistung. Ähnliche Größenordnungen gebe es in den Kreisen Segeberg und Dithmarschen. Von den Anträgen auf den Anschluss eines Speichers wurden bislang rund 11.800 MW in der Ebene der Hochspannung gestellt. Hierbei handelt es sich um Speicher mit einer Leistung von 60 bis 200 MW, die auch über ein eigenes Umspannwerk verfügen werden.
Deutliche Steigerung des Speicherbestands
Bei den 38.083 Speichern im Netz von SH Netz handelt es sich um Anlagen unterschiedlicher Größe. "In der Regel handelt es sich dabei derzeit noch um kleine Haushaltsspeicher im Kilowattbereich, die zusammen mit Photovoltaikanlagen errichtet wurden", so Merkt. Seit einiger Zeit kommen aber auch die ersten Großspeicher im Megawattbereich hinzu.
"Die Haushalts-Batteriespeicher sind nur geeignet, die Stromversorgung stundenweise sicherzustellen. Ähnliches gilt für die größeren Industriespeicher, die derzeit bei uns zum Anschluss angefragt werden. Auch diese können maximal Preis- oder Lastspitzen abfedern", erläutert Merkt. Das bedeutet, dass Gaskraftwerke für längere Engpässe wie eine Dunkelflaute "weiter unabdingbar" seien.
Viele Anschlussbegehren kein norddeutsches Phänomen
Der Netzbetreiber SH Netz ist mit der rasant steigenden Anzahl von Anschlussbegehren von Speicheranlagen keine Ausnahme in Deutschland. Viele andere Unternehmen aus ganz Deutschland leiden bereits an der Überlastung durch die Anträge und stehen vor Herausforderungen, die Anlagen rechtzeitig ans Netz zu bringen.
Für eine höhere Effizienz beim Speicheranschluss fordert SH Netz einen "möglichst netzdienlichen Einsatz von Speichern", dabei sei der weitere Netzausbau und das Ausrollen von Smart Metern weiterhin dringend notwendig, um das Energiesystem zu flexibilisieren und das Zusammenspiel der Erneuerbarenerzeuger mit den Verbrauchern zu optimieren, so Merkt weiter.
Aus Sicht der Bundesnetzagentur zählen zur Netzdienlichkeit unter anderem der Einsatz zur Spitzenkappung bei Überkapazitäten im Netz, zeitlich verschobene Einspeisung, beispielsweise von PV in Batteriespeicher bei Mittagsspitzen sowie die Vermeidung von Netzausbau durch eine steigende Flexibilität. Auch werden in der Branche Stimmen laut, die Anschlussanträge gebührenpflichtig zu machen, um damit die Seriosität der Anträge zu bestätigen. Die Kritiker dieses Vorstoßes sehen darin einen fehlenden Anreiz, Batteriespeicher zu errichten, insbesondere für die kleineren Projektgesellschaften.



