„Die Energiekrise spitzt sich zu: Wie gut sind die Stadtwerke gewappnet?": Über dieses Thema diskutierten im Rahmen der Reihe "ZfK im Gespräch (von unten links) Alexander Kox, BET; Stadtwerkeberater Gerhard Holtmeier; Co-Moderator und ZfK-Redakteur Andreas Baumer; Norbert Reuter, Stadtwerke Konstanz; Klaus Hinkel, Moderator und ZfK-Chefredakteur und Volker Puck, Enmacc.

„Die Energiekrise spitzt sich zu: Wie gut sind die Stadtwerke gewappnet?": Über dieses Thema diskutierten im Rahmen der Reihe "ZfK im Gespräch (von unten links) Alexander Kox, BET; Stadtwerkeberater Gerhard Holtmeier; Co-Moderator und ZfK-Redakteur Andreas Baumer; Norbert Reuter, Stadtwerke Konstanz; Klaus Hinkel, Moderator und ZfK-Chefredakteur und Volker Puck, Enmacc.

Bild: © ZfK/Gun

Angesichts des immer illiquideren Gasmarktes und der bestehenden Unsicherheiten sollten Stadtwerke die Suche nach neuen Handelspartnern zur Chefsache machen, appelliert Volker Puck. „Sich auf ein, zwei Handelspartner zu verlassen, kann sehr böse enden in diesem Winter“, warnte der Geschäftsführer der Energiehandelsplattform Enmacc im Rahmen der Online-Diskussionsformats „ZfK im Gespräch“ die Branche.  Dieses wurde moderiert von ZfK-Chefredakteur Klaus Hinkel und ZfK-Redakteur Andreas Baumer. Das Panel beantwortete dabei auch zahlreiche Fragen des Publikums aus dem Live-Chat.

Auch die Zusammenarbeit mit externen Beratern und Juristen könne sich aktuell lohnen, die Kosten seien oft in „zwei Trades schon wieder drin", so Puck weiter. Neue und alte Anbieter kehrten mittlerweile in den Markt zurück. „Auch größere Upstream- und LNG-Händler, die in Vergangenheit nicht über ein oder zwei Cent mehr oder weniger mit Stadtwerken verhandeln wollten, gehen mittlerweile in den Markt. Das sollte man nutzen“, verdeutlichte der Enmacc-Chef.

Grundsätzlich gelte es aktuell, keine Risiken einzugehen und back to back zu beschaffen. „Es ist durchaus denkbar, dass im zweiten Halbjahr nächsten Jahres alles wieder auf Attacke fährt, auch darauf sollte man vorbereitet sein“, so Puck. „Sobald die Preise deutlich runtergehen, wird es eine Welle an Beschaffung geben, gerade auch aus der Industrie und dem Gewerbe“, prognostizierte er.

Bild: © Enmacc

Volker Puck, Geschäftsführer von Enmacc

Die aktuelle Marktsituation samt Preisniveau könnte laut Puck durchaus noch eine Weile anhalten. "Grundsätzlich haben die Stadtwerke in Deutschland bisher einen guten Job gemacht. Viele haben sich langfristig abgesichert und ein gutes Risikomanagement implementiert", lobte Puck. In Großbritannien hätten hingegen in den vergangenen 18 Monaten bis zu 40 Versorger Insolvenz anmelden müssen.

Wichtig sei es aktuell, sich anhand verschiedener Szenarien eine Transparenz zu schaffen, um auf die unterschiedlichen Marktentwicklungen vorbereitet zu sein, betonte Alexander Kox, Geschäftsführer von BET Büro für Energiewirtschaft und technische Planung in Aachen. „Was passiert, wenn die Preise weiter steigen? Es geht aber auch darum zu wissen, was passiert, wenn der Gashahn in Russland wieder aufgeht und die Preise sich halbieren und der ein oder andere long ist, weil Kunden vielleicht doch Gas sparen.“

Ähnlich sieht es Norbert Reuter, der Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz. Man müsse schnell reagieren können, wenn der Markt sich wieder stabilisiert habe.  „Schon jetzt ist es an der Zeit, über Modelle zu diskutieren, welche Anpassungen wir bei fallenden Preisen bei unseren Tarifkunden vornehmen.“

Freut sich über die Vertragsverlängerung: Norbert ReuterBild: © Stadtwerke Konstanz

Norbert Reuter, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz

Die Coronapandemie und die massiv gestiegenen Energiepreise haben die vergangenen zwei Abschlüsse des  Kommunalversorgers vom Bodensee massiv belastet, zwei Mal standen unterm Strich Defizite. Seit Beginn der Energiekrise wurde das Beschaffungshandbuch zwei Mal angepasst. „Weil wir solch eine Hebelwirkung in der Vergangenheit so nicht gesehen haben“, erklärte Reuter. Insbesondere die Absicherung der Liquidität habe absolute Priorität.

Wären die Liefermengen von Vorlieferant Uniper zu 60 Prozent ausgefallen, hätte man 80 Mio. Euro zusätzlich investieren müssen. „Da brauche ich kein Kommunaldarlehen, da muss die Absicherung auf anderer Ebene erfolgen.“ Hier wünsche er sich, dass sich die Länder und der Bund schnell zusammenfinden und eine einheitliche Absicherungslösung für die Branche ausarbeiten.

"Stadtwerke werden mehr gebraucht denn je." (Norbert Reuter)

Wenn die Branche den Krisenmodus verlasse, stehen laut Reuter große Investitionen in die Dekarbonisierung an. „Stadtwerke werden mehr gebraucht denn je. Wer soll die Energie-, Wärme- und Mobilitätswende vor Ort umsetzen, wenn nicht wir?“

Reuter zeigte sich zuversichtlich, dass die für Oktober geplante Einführung der Gas-Umlage gelingen wird. „Das Liquiditätsthema werden wir erst Mitte/Ende Dezember haben". Von der Bundespolitik wünscht er sich noch mehr Klarheit darüber, welche Belastungen konkret auf die Verbraucher zukommen und, wie diese weiter entlastet werden sollen.

Bild: © Gasag

Gerhard Holtmeier, Stadtwerke-Berater und früherer Gasag-Chef

Insbesondere beim Liquiditätsmanagement stünden Stadtwerke aktuell vor einer enormen Herausforderung, ergänzte Gerhard Holtmeier, Stadtwerkeberater und früherer Gasag-Chef. „Mein Credo ist es, auf das Eigenkapital zu schauen im Sinne einer integrierten Unternehmensplanung. Es nützt nichts nach einem Jahr einen Abschluss zu machen und festzustellen, dass das Eigenkapital nur noch 15 Prozent beträgt.“

Die Kernaufgabe aktuell sei es, „den Maschinenraum sauber und am Laufen zu halten“. 70 bis 80 Prozent der Stadtwerke wüssten aktuell aber nicht auf Monatsbasis, wo sie liquiditätsmäßig stehen.

Zur Pflege des Maschinenraums gehöre es auch statt von ein bis zwei Prozent möglicherweise von 10 bis 15 Prozent Forderungsausfällen in nächster Zeit auszugehen und hier die Bilanz entsprechend neu zu justieren.

"Stadtwerke werden anders geratet von Banken als bisher"

Auch Alexander Kox von BET nimmt wahr, dass sich Vertriebe zunehmend mit dem Thema steigender Ausfallrisiken befassten und ortet eine deutliche Zurückhaltung beim bundesweiten Gewerbekundenvertrieb. Die Nachfrage nach Ausfallversicherungen sei indes gestiegen.

Die aktuelle Krise hat aber auch Auswirkungen auf die künftige Investitionsfähigkeit der Branche. „Stadtwerke werden anders von den Banken geratet als bisher. Die Kapitaldienstfähigkeit und die Finanzierung muss neu bewertet werden“, sagt Norbert Reuter. In Konstanz lege man dabei besonderen Fokus auf die Daseinsvorsorge.

In Konstanz hat man das Wort "Krise gestrichen"

Die Stadt will bis 2035 dekarbonisiert sein, für den Ausstiegspfad sind hohe Investitionen vorgesehen. „Wir haben das Wort Krise gestrichen. Wir müssen unser Portfolio mit den geringeren Erlösen und notwendigen Investitionen auf das fokussieren, was für die Stadt wichtig ist“, sagt Reuter. Diese Fokussierung beinhalte auch eine Vereinbarung, was künftig nicht gemacht werde.

Gerhard Holtmeier sieht aktuell „eine Vertrauenskrise“ im Markt. Die Zeiten, in denen Banken ungesicherte Kredite an Stadtwerke vergeben würden, seien vorbei. „Jetzt werden ein Viertel oder ein Drittel des Eigenkapitals für Investitionen benötigt, das belastet wiederum das Working Capital.“

Laut Holtmeier rächt sich hier aktuell, dass viele Stadtwerke in der Vergangenheit von den Kommunen als Cashcows benutzt wurden. „Wichtig ist es auch, die Substanz zu stärken. Sonst sind die Unternehmen nicht in der Lage, die nötigen Investitionen zu leisten, um die Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen.“ Kommunen müssten aber auch anfangen sich aus sich heraus zu optimieren, um Gelder für Investitionen einzusparen. „Natürlich geht das einher mit Personalabbau“.

Bild: © BET Büro für Energiewirtschaft und technische Planung GmbH

Alexander Kox, Geschäftsfüher von BET Büro für Energiewirtschaft und technische Planung

Der Druck, über Kooperationen arbeitsteilig die Wettbewerbsfähigkeit von Stadtwerken zu erhöhen und neue Geschäftsfelder zu erschließen, hat nach einhelliger Meinung in der aktuellen Energiekrise enorm zugenommen. „Aktuelle Treiber sind das Bedürfnis, Risiken auszulagern, eine prozessuale Robustheit herzustellen, gerade bei Beschafffungs-, Pricing- und Risikomanagementprozessen sowie die Verbreiterung der Angebotspalette“, erklärte Alexander Kox.

Kooperationen könnten dabei flexibel gelebt werden. Teils lose, teils enger. „Wer in der Lage ist, ein Netzwerk an Kooperationen professionell zu managen mit Blick auf die Bedürfnisse des Kunden, der wird künftig überzeugende Produktangebote zur Verfügung stellen können.“ (hoe)

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