Herr Spohn, ob Kraftwerksstrategie oder die Förderung von Wasserstoffprojekten, aktuell tritt die Regierung bei einigen zentralen energiepolitischen Vorhaben auf der Stelle, es gibt viele Fragezeichen. Wo braucht die Branche aktuell jetzt am dringendsten Klarheit?
Spohn: Wir benötigen nach wie vor vernünftige energiepolitische Leitplanken, die uns als Branche Planungssicherheit bei den großen, langfristig angelegten Investitionen geben. Wir müssen unser investiertes Kapital auch zurückverdienen können in einem bestimmten Zeitraum.
Ideal wäre ein Kapazitätsmarkt nach belgischem Vorbild.
Wie wichtig ist in Ihren Augen die Kraftwerksstrategie für das Gelingen der Energiewende?
Die Branche wartet schon seit einiger Zeit auf die angekündigte Kraftwerksstrategie. Wir brauchen hier dringend Klarheit, sonst ist die Planungsunsicherheit so groß, dass ganz große Fragezeichen hinter den Projekten stehen. Auch die Trianel plant am Gaskraftwerk Hamm einen Gasblock, der wasserstoffready sein soll.
Wir werden keinen Euro in die Hand nehmen, wenn nicht klar ist, wie es denn auch an der Stelle langfristig und verbindlich weiter geht. Ideal wäre aus meiner Sicht ein Kapazitätsmarkt nach belgischem Vorbild.
Die Bochumer Stadtwerke engagieren sich ja auch beim Bau des geplanten Wasserstoffzentrums in Hamm. Wie groß sind hier die Fragezeichen hier noch seit dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts und der jetzt erfolgten Einigung der Ampelkoalition?
Bei diesem Projekt sind wir auf Fördermittel angewiesen. Die geplante Anlage mit einer Leistung von 20 MW soll ja insbesondere grünen Wasserstoff für den ÖPNV in Hamm, aber auch für Dortmund und Bochum produzieren. Wir wollen das Projekt bis zur BImSch-Genehmigung treiben. Auch dafür müssen wir ja schon einen siebenstelligen Betrag in die Hand nehmen. Der Baubeschluss ist für nächstes Jahr geplant. Ohne Fördergelder wird das schwierig.
Kooperationen sind ein zentraler Pfeiler in der Strategie der Stadtwerke Bochum. Als größter Gesellschafter der Trianel haben Sie Höhen und Tiefen erlebt auch aufgrund gewisser Entscheidungen der Politik. Wie gut sehen Sie die Trianel für die Zukunft aufgestellt?
Wir hatten in der Tat einige Höhen und Tiefen. Seit der Restrukturierung vor einigen Jahren sind wir auf einem sehr guten Weg. Insbesondere in der Projetentwicklung und auch im Handel sind wir gut positioniert, hier sehe ich noch viel Potenzial. Zumindest der Mittefristplan der Trianel sieht von der Entwicklung her stabil und nachhaltig aus.
Angesichts des fehlenden Zubaus an notwendiger gesicherter Leistung kann Steinkohle nach wie vor eine gute Zukunft haben.
Und wie sehen Sie die Perspektiven beim Steinkohlekraftwerk in Lünen?
Lünen war sicher ein Verlustbringer. Nach jahrelanger Durststrecke haben wir zuletzt wieder Geld verdient. Nach Kohleverstromungsbeendigungsgesetz müsste Lünen Anfang der 2030er Jahre abgeschaltet werden. Ich persönlich mache da aber ein großes Fragezeichen hinter, ob die Anlage nicht doch länger gebraucht werden wird.
Angesichts des fehlenden Zubaus an notwendiger gesicherter Leistung in Form von Gaskraftwerken kann Steinkohle nach wie vor noch eine gute Zukunft haben. Wenn die zusätzlichen 21 GW an neuer Gaskraftwerks-Kapazität nicht kommt, kann ja nur Steinkohle am Netz bleiben. Es bleibt ja gar nichts anderes übrig.
Horizontale Kooperationen wie die Trianel sollen ein Gegenwicht gegenüber den großen Energiekonzernen schaffen. Wie bewerten Sie denn die Wettbewerbssituation seit dem Eon-/RWE-Deal?
Die Spieße sind natürlich nicht gleich lang, weil die Stadtwerke gar nicht die Kapitalkraft dieser Konzerne haben. Wir als Branche können uns da nur mit Hilfe von Kooperationen stärker machen. Auf der anderen Seite müssen wir versuchen, unseren lokalen Markt vor Ort zu halten und mit unseren Preisen auch einigermaßen im Wettbewerb liegen.
Wir werden aber auch nicht jeden aggressiven Preiswettbewerb mitmachen. Ich glaube, wir haben hier in Bochum ein gutes Vertrauen aufgebaut. Wir haben aktuell noch Versorgungquoten von rund 80 Prozent im Haushaltsbereich und haben auch in der Energiekrise ein Kundenwachstum verzeichnet.
Ich finde es gut, dass die Wärmewende einen solchen Rückenwind gewonnen hat.
Die Stadtwerkebranche steht vor einer immensen Transformationsaufgabe und gewaltigen Investitionen. Wie ist die Situation in Bochum?
Allein in Bochum schätzen wir die Kosten für den Umbau auf grob 1,5 Mrd. Euro. Ich finde es gut, dass die Wärmewende einen solchen Rückenwind gewonnen hat. Ich sehe das als Chance. Viele Ruhrgebietsstädte haben hier ja auch eine gute Basis mit einem gut ausgebauten Fernwärmenetz in der Stadt.
Das werden wir weiter ausbauen. In Bochum haben wir gemeinsam mit der Stadt und der Immobilienwirtschaft bereits im Frühjahr die Arbeit aufgenommen und sind in die Planungen zum Ausbau des Wärmenetzes eingestiegen. Außerdem haben wir als Stadtwerke Bochum einen Plan zur Dekarbonisierung unserer Wärme ausgearbeitet. Die Kommunale Wärmeplanung die jetzt kommt, wird auf dem aufbauen.
Wie gut sehen Sie die Stadtwerke Bochum aufgestellt? Was für ein Unternehmen übergeben Sie jetzt an Ihre Nachfolger?
Ich sehe uns sehr gut aufgestellt. Trotz der Wirrungen im Markt in den letzten Jahren haben wir stabile Ergebnisse erzielt. Das ist unter anderem unserer breiten Aufstellung und unserem guten Beteiligungsportfolio zu verdanken. Wir liefern bei der Stadt stetig die versprochene Ausschüttung ab und können zum Glück auch noch thesaurieren, so dass wir uns auf die großen Investitionen, die anstehen, vorbereiten können.
Die Mittel aus dem Steag-Verkauf werden dringend für die kommunale Energiewende benötigt.
Wie sehr helfen Ihnen mit Blick auf die Zukunftsinvestitionen auch die unerwarteten Millionensegen aus dem Steag-Verkauf?
Der Anteil, der aus dem Verkauf der Steag auf Bochum entfällt, liegt bei 200 bis 250 Millionen Euro. Die Mittel werden dringend für die kommunale Energie-, Wärme- und Mobilitätswende benötigt. Auch vor dem Hintergrund der Erwartungen, die wir als Stadtwerke beim Kauf der Steag hatten, ist dies ein sehr versöhnlicher Abschluss unseres Engagements. Über die konkrete Verwendung der Mittel werden aber noch politische Beratungen stattfinden müssen.
Ich werde bald mal nach Lappland fahren und eine Woche im Hundeschlitten unterwegs sein bei minus 20 Grad.
Ihr ehemalige Stadtwerkekollege Guntram Pehlke aus Dortmund ist ja bereits vor ein paar Monaten schon in den Ruhestand gegangen und ist aktuell in Australien mit seiner Familie. Auf was freuen Sie sich denn in der neuen Lebensphase?
Ich freue mich, dass ich ein bisschen mehr Zeit habe für meine Hobbys und auf die eine oder andere Reise. Ich werde bald mal nach Lappland fahren und eine Woche im Hundeschlitten unterwegs sein bei minus 20 Grad.
Und natürlich möchte ich weiterhin das Segelfliegen pflegen. Ich bin seit Corona nicht mehr nach Namibia gekommen. Ich war oft in Südafrika und Namibia zum Segelfliegen. Auch das war meistens nur für eine oder zwei Wochen möglich, das kann man jetzt mal drei Wochen oder länger machen. Diese Freiheiten werde ich schon versuchen zu genießen, so lange ich gesund bleibe
Ich fühle mich aber insgesamt noch zu jung, um ganz rauszugehen aus der Branche. Ich werde der Energiewirtschaft also noch ein Stück weit erhalten bleiben. Genaueres kann ich jetzt noch nicht dazu sagen. Auch mein persönliches Mandat als Aufsichtsrat von RWE Power und Generation führe ich weiter, ansonsten gebe ich alle Mandate ab.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)



