Erstmals seit vielen Jahren schreiben die Stadtwerke Bielefeld rote Zahlen. Aufgrund höherer ÖPNV-Ausgaben aufgrund von Mehrleistungen sowie der Risikovorsorge in verschiedenen Unternehmensbereichen wurde das Geschäftsjahr 2023 unterm Strich mit einem Minus von 9,1 Mio. Euro (2022: + 1,6 Mio. Euro) abgeschlossen. Der Umsatz stieg hingegen vor allem preisbedingt auf 933 Mio. Euro (2022: 681 Mio. Euro). Dennoch blicke man auf ein gutes operatives Jahr zurück und habe dieses sogar über Plan abgeschlossen, heißt es in einer Pressemitteilung.
"Wir haben nach Jahrzehnten der Überschüsse nun erstmals ein negatives Ergebnis, dies kommt für uns jedoch nicht überraschend", ordnete Geschäftführer Martin Uekmann ein. Die Stadtwerke Bielefeld hätten bereits seit Verkünden des Atomausstiegs durch die Bundesregierung darauf hin hingewiesen, dass mit dem Wegfall der Erträge aus der Beteiligung an dem Kernkraftwerk Grohnde die defizitären Geschäftsfelder ÖPNV und Bäder nicht mehr vollständig aus eigener Kraft auszugleichen seien.
Wie die Finanzierungsvereinbarung im Detail aussieht
Um die Finanzierbarkeit des Querverbunds angesichts der weggebrochenen Ertragssäule Grohnde auf Dauer sicherzustellen, haben die Stadtwerke mit der Stadt eine in der Branche viel beachtete Finanzierungsvereinbarung geschlossen, die auch für andere Städte eine Blaupause sein könnte. Diese gilt aber erst im laufenden Jahr.
Die Vereinbarung sieht vor, dass die Betriebskosten der Verkehrstochter Mobiel bis zu einer Summe von 18 Mio. Euro pro Jahr von den Stadtwerken finanziert werden. Entsteht darüber hinaus eine Differenz zwischen den Mobiel-Verlusten und dem Stadtwerke-Beitrag, deckt die Stadt diese mit einem Betriebskostenzuschuss.
"Wir gehen nach dem Übergangsjahr 2023 planerisch von kontinuierlich schwarzen Zahlen aus, sowohl bedingt durch die Finanzierungsvereinbarung als auch durch die Investitionen in unsere ertragsreichen Geschäftsfelder wie die erneuerbaren Energien", versicherte Co-Geschäftsführer Rainer Müller auf ZfK-Anfrage.
Energiewende kostet weitere zwei Milliarden Euro
Wie die gesamte Branche steht das kommunale Unternehmen vor gewaltigen Finanzierungsherausforderungen. Bis 2040 soll der Konzern vollständig klimaneutral sein, hierfür sind nach heutigen Schätzungen Investitionen von weiteren zwei Mrd. Euro notwendig.
"Um die bevorstehenden Investitionen zu finanzieren, reicht die eigene Innenfinanzierungskraft nicht aus. Es bedarf staatlicher Förderungen und der richtigen Anreizmechanismen. Zudem brauchen wir gesetzliche Rahmenbedingungen, die ein Höchstmaß an langfristiger Verlässlichkeit und Planungssicherheit gewährleisten", fordert Rainer Müller.
Diese seien entscheidend, um die finanziellen Risiken für die Kapitalgeber zu minimieren und somit ausreichend Fremdkapital über klassische sowie innovative Finanzierungswege zu mobilisieren, um die verbleibende Finanzierungslücke zu schließen. "Darüber hinaus wird es jedoch auch notwendig sein, ein ausgewogenes Maß an Eigenkapital zur Verfügung zu haben, um unsere Klimaschutzambitionen erfolgreich zu finanzieren."
Einbußen beim Wärmeabsatz, mehr Strom verkauft
Das Kerngeschäft ist laut Unternehmensangaben 2023 stabil gelaufen. Im Gasbereich habe es einen leichten Absatzrückgang gegeben. Im Fernwärmebereich sank der Absatz hingegen um mehr als zwölf Prozent, Grund war hier vor allem der konjunkturbedingte Rückgang des Wärmebedarfs in der Industrie. Beim Stromabsatz hingegen sei mit 1,5 Mrd. kWh rund 2,4 Prozent über Vorjahresniveau gelegen. Der Marktanteil bei Haushalts- und Gewerbekunden im Bereich Strom und Gas liegt aber immer noch bei 84 respektive 85 Prozent.
Als Ertragsperle erweist sich weiterhin die Tochter Interargem mit ihren beiden Müllverbrennungsanlagen in Bielefeld und Hameln, die 38,7 Mio. Euro zum Ergebnis beisteuerte.
Zuschlag für Klärschlammverbrennungsanlage
Insgesamt wurden rund 70 Mio. Euro investiert, unter anderem in die Modernisierung der Netzinfrastruktur den Kauf zweier bestehender Windkraftanlagen. Die kommunale Wärmeplanung läuft in Bielefeld nach eigenen Angaben auf Hochtouren. Meilensteine im vergangenen Jahr seien unter anderem der Zuschlag für die Klärschlammverbrennungsanlage gewesen, die 2027 in Betrieb gehen und die Strom- und Fernwärmeerzeugung signifikant erweitern soll. Zudem wurden 25 neue Brennstoffzellenbusse bestellt, im Innovationspark will man künftig im Rahmen der Sektorenkopplung Wasserstoff produzieren.
Bielefeld bleibt Gesellschafter bei Stadtwerken Gütersloh
Die Stadtwerke Bielefeld sind strategischer Partner einiger anderer kommunaler Unternehmen, unter anderem auch der Stadtwerke Gütersloh, an denen eine Beteiligung gehalten wird. In Gütersloh war in der Lokalpolitik über einen Rückkauf der Anteile diskutiert worden, auch weil man sich offenbar ein stärkeres finanzielles Engagement des bisherigen Partners wünscht.
Hierzu bezog der Bielefelder Stadtwerkegeschäftsführer Martin Uekmann bei der Bilanzpressekonferenz klar Stellung. "Ein Rückkauf ist nicht Gegenstand des derzeitigen Strategieprozesses", heißt es auf Anfrage. Ziel sei es, die Partnerschaft weiter zu leben und die Stadtwerke Stadtwerke Gütersloh "insbesondere in diesen herausfordernden Zeiten dabei zu unterstützen, auch zukünftig den Gütersloher Bürgerinnen und Bürgern sichere und bezahlbare Energie liefern zu können".
Im gegenwärtigen Prozesse gehe es deshalb darum, weitere Potenziale der Zusammenarbeit aufzuzeigen. "Ausdrücklich sehen wir uns dabei weiterhin in der Rolle des Gesellschafters." Die Stadtwerke Bielefeld halten an dem Gütersloher Kommunalversorger eine Beteiligung von 49,9 Prozent. (hoe)



