Die Zukunftsfähigkeit und Finanzierung des Querverbunds stellt viele Städte und Kommunen in den nächsten Jahren vor große Herausforderungen. In Bielefeld hat die Stadt darauf nun mit einer neuen Finanzierungsvereinbarung mit den Stadtwerken reagiert.
Der Hintergrund: Der Kommunalversorger wird nach dem Abschaltung des Atomkraftwerks Grohnde, an dem die Stadtwerke beteiligt waren, künftig die Verkehrsverluste in der Stadt nicht alleine tragen können. Die mit der Stadt geschlossene Vereinbarung sieht vor, dass die Verluste der Verkehrstochter moBiel bis zu einer Höhe von 18 Mio. Euro pro Jahr von den Stadtwerken Bielefeld finanziert werden müssen.
Entsteht darüber hinaus eine Differenz zwischen den moBiel-Verlusten und dem Stadtwerkebeitrag, deckt die Stadt diese mit einem Betriebskostenzuschuss. Darüber hinaus werden Investitionen in die Mobilität zukünftig von der Stadt bezuschusst. Die geschlossene Vereinbarung soll laut Pressemitteilung ab 1. Januar 2024 gelten, wenn der Rat Mitte Juni dem Vorhaben zustimmt.
"Wichtiger Baustein, um die Energie- und Mobilitätswende zu stemmen"
„Das ist ein Meilenstein, um den ÖPNV in Bielefeld dauerhaft zu sichern und den Ausbau zu gewährleisten“, erklärte Stadtwerke-Geschäftsführer Martin Uekmann.
Die Vereinbarung stelle zudem einen sehr wichtigen Baustein dafür dar, um die Investitionserfordernisse aus der Energie- und Mobilitätswende zu stemmen, ergänzte Co-Geschäftsführer Rainer Müller.
In den kommenden 5 Jahren sollen allein rund 800 Mio. Euro investiert werden
Gemäß der fünfjährigen mittelfristigen Finanzplanung will die Stadtwerke Bielefeld Gruppe über alle Geschäftsfelder in dem Zeitraum Investitionen in einer Größenordnung von 800 Millionen Euro realisieren. „Über den Zeitraum hinaus bestehen weiter erhebliche Investitionserfordernisse zur Umsetzung von Energiewende, Verkehrswende und Digitalisierung“, verdeutlicht Uekmann.
Sein Geschäftsführungskollege Rainer Müller geht davon aus, dass solche Modelle künftig in der Branche zunehmen werden. Stadtwerke seien der wichtige Partner zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Kommunen vor Ort. „Viele Querverbundunternehmen und selbst Stadtwerke ohne strukturell defizitäre Verkehrsgesellschaften stehen vor den gleichen investiven Herausforderungen, wie auch die jüngste Vergangenheit zeigt“, so Müller.
Transformation des Gasgeschäfts nicht in Vereinbarung berücksichtigt
Die Vereinbarung zielt in erster Linie auf die Finanzierung der strukturell defizitären Verkehrstochter moBiel ab. Die Transformation, beispielsweise des Gasgeschäfts betreffe in nächster Zeit die gesamte Branche. „Sie ist zunächst noch zu bewerten und auszugestalten“ stellte Uekmann auf ZfK-Anfrage klar.
Sollte sich die Finanzlage bei den Stadtwerken oder der Stadt verschärfen, dann kommt die Vereinbarung auf den Prüfstand.
Stadtwerke schließen Geschäftsjahr 2022 mit einem Gewinn ab
Das Geschäftsjahr 2022 hat das breit aufgestellte Querverbundunternehmen aus Ostwestfalen mit einem Gewinn von 1,6 Mio. Euro abgeschlossen. Im Vorjahr hatte der Gewinn dank außergewöhnlich hoher Sondereffekte rund um das Atomkraftwerk Grohnde noch bei 84,2 Mio. Euro gelegen. Neben dem positiven Jahresergebnis erwirtschafteten die Stadtwerke Bielefeld in 2022 fast 40 Mio. Euro für den Ausgleich von Verkehrs- und Bäderverlusten.
Im Vertrieb konnten die Stadtwerke viele Kundinnen und Kunden hinzugewinnen. Der Marktanteil beim Strom liegt mittlerweile bei 84 Prozent, beim Gas sogar bei mehr als 87 Prozent.
"Außerordentlich gutes Ergebnis" der Interargem
Die Tochtergesellschaft Interargem verzeichnete nach eigenen Angaben mit ihren Müllverbrennungsanlagen in Bielefeld und Hameln 33,8 Mio. Euro ein außerordentlich gutes Ergebnis. Die Verkehrstochter moBiel schloss das Geschäftsjahr mit einem Verlust von 29,4 Mio. Euro, das sind 14 Mio. Euro über Plan. Im Bäderbereich resultierte ein Jahresfehlbetrag von 10,3 Mio. Euro.
Insgesamt investierten die Stadtwerke im vergangenen Jahr mehr als 130 Mio. Euro. „Unser Ziel ist, bis 2030 so viel grünen Strom aus eigenen Anlagen zu produzieren, dass wir damit alle Bielefelder Privathaushalte versorgen können“, verdeutlichte Rainer Müller.
Neue Kampagne soll Arbeitgebermarke weiter stärken
Eines der größten Projekte der Stadtwerke-Gruppe wird die Errichtung einer Klärschlamm-Monoverbrennungsanlage sein. Dort werden 78 Kommunen ihren Klärschlamm bis 2043 gemeinsam entsorgen. „Wir stärken damit das Geschäftsfeld Entsorgung deutlich“, sagt Müller.
Der Fachkräftemangel ist auch in Bielefeld eine der größten Zukunftsherausforderungen. Mit einer neuen Kampagne will man deshalb als starker und verlässlicher Arbeitgeber noch mehr in Erscheinung treten. „Außerdem haben wir neue Ausbildungsberufe mit ins Portfolio genommen. Wir bilden zum Beispiel wieder selbst Rohrleitungsfachkräfte aus“, sagt Martin Uekmann. Bei den Stadtwerken Bielefeld sind mehr 2700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. (hoe)



