Die Fronten zwischen Stadtwerken und Politik vor dem Hintergrund stark gefallener Großhandelspreise bei Strom und Gas verhärten sich. Während ein weiterer Versorgerverband über enorm gestiegene Sicherheitsanforderungen klagte und die Bundesregierung um mehr finanzielle Unterstützung bat, forderte eine führende Grünenpolitikerin Stadtwerke dazu auf, mittelfristig Strom- und Wärmepreise zu senken.
Bereits tags zuvor hatte Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller beklagt, dass es zu wenig Wettbewerb auf dem Strom- und Gasmarkt gebe. Es sei überfällig, zu "diskutieren, wie wir dafür sorgen, dass wir zu einem vernünftigen Wettbewerbsdruck kommen, damit letztendlich irgendwann Preise auch wieder sinken können", sagte er. (Die ZfK berichtete.)
NRW-Wirtschaftsministerin meldet sich zu Wort
Deutlicher wurde Monika Neubaur, Wirtschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen. "Mit den fallenden Preisen an den Energiemärkten müssen mittelfristig auch Preissenkungen für Verbraucherinnen und Verbraucher eintreten", sagte sie der "Rheinischen Post". Wichtig sei jetzt vor allem ein transparenter Umgang mit der Preisgestaltung. "Das kann nicht nur dem Verbraucherschutz dienen, sondern auch das Vertrauen zum Versorger stärken."
In einer eigenen Presseaussendung wandte sich VKU-Chef Ingbert Liebing gegen den Vorwurf, es gebe ein strukturelles Wettbewerbsproblem. Vielmehr sei die aktuelle Situation Folge "einer extremen Marktentwicklung durch Russlands Angriffskrieg – der Wettbewerb an sich ist nicht weg."
Mark-E und Rhönenergie zurück bei Check 24
Tatsächlich haben inzwischen wieder deutlich mehr Versorger Angebote auf gängigen Vergleichsportalen eingestellt, als dies üblicherweise im vergangenen Jahr der Fall war. Für Berlin, die bevölkerungsreichste Stadt der Republik, listete die Plattform Check 24 insgesamt 53 Strom- und 30 Gasangebote.
Auch kommunale Unternehmen sind wieder vermehrt zurückgekehrt. So befand sich unter den Stromanbietern auch wieder der Hagener Energieversorger Mark-E und der Fuldaer Anbieter Rhönenergie.
Stadtwerke München: Neukundenpreise von 41 Cent pro kWh Strom
Andere großen kommunalen Versorger geben zumindest auf ihren Homepages wieder überregional Strom- und Gasvertragsangebote ab. Die Stadtwerke München beispielsweise boten für einen Berliner Einpersonenhaushalt (1800 kWh Jahresverbrauch) einen durchaus konkurrenzfähigen Arbeitspreis von 41 Cent pro kWh Strom plus Neukundenbonus von 50 Euro. Der Kommunalversorger bestätigte zudem am Mittwoch noch einmal per Presseaussendung, dass er seine Grundversorgungspreise im April von gegenwärtig 62 auf 52 Cent pro kWh senken werde.
Auch die Stadtwerke-Krefeld-Vertriebstochter Lekker lockte auf ihren Seiten wieder mit recht attraktiven Neukundenpreisen. Ein Berliner Verbraucher konnte dort am Mittwoch einen Stromtarif in Höhe von 39 Cent zuzüglich Neukundenbonus von 50 Euro abschließen.
Sorge um Liquidität kleiner Versorger
Dabei bereiten die gefallenen Preise im Vergleich zum Sommer 2022 insbesondere langfristig beschaffenden Versorgern massive Probleme, weil sie für bereits vereinbarte, aber noch nicht gelieferte Energiemengen teils enorme Sicherheiten hinterlegen müssen.
Am Mittwoch war es die Initiative EVU+, ein Zusammenschluss kleiner und mittlerer Energieversorger, die Alarm schlug. Sie forderte die Bundesregierung auf, gerade Unternehmen ihrer Größe, die keine Kommune hinter sich hätten und deshalb weitgehend auf sich selbst gestellt seien, mit Bürgschaften oder einer Anpassung des bundeseigenen Liquiditätsprogamms zu helfen.
VKU: Bund könnte sogar selbst Wettbewerb ankurbeln
Kritik gibt es insbesondere an der Reichweite des jüngst von der Bundesregierung verlängerten Liquiditätshilfsprogramms für Energieversorger. "Das Programm sollte nicht künstlich auf den Börsenhandel mit angeschlossenem Clearing begrenzt sein, wo in der Regel nur große, finanzkräftige Akteure unterwegs sind" wird Sebastian Sladek, Vorstand der EWS Elektrizitätswerke Schönau, in einer Presseaussendung zitiert.
Auch VKU-Chef Liebing erneuerte seine Forderung, den außerbörslichen Terminhandel in das Bundesprogramm mit einzubinden. So könnte die Bundesregierung "sogar selbst den Wettbewerb ankurbeln", teilte er mit.
Bundeskartellamt rüstet personell auf
Investiert wurde auf Bundesebene zumindest in den vergangenen Wochen anderswo. Wie die "Rheinische Post" berichtet, wurden dem Bundeskartellamt 18,5 zusätzliche Stellen genehmigt, um möglichen Missbrauch bei Strom- und Gaspreisen im Zuge der beschlossenen Preisbremsen nachzugehen. "Überwiegend werden die aktuellen Preiserhöhungen die Kostenexplosion der Beschaffungspreise des vergangenen Jahres widerspiegeln", wird Präsident Andreas Mundt in der Zeitung zitiert. "Unsere Aufgabe ist es aber, die schwarzen Schafe zu finden." (aba)



