Die Gaskrise hält die deutsche Energiebranche in Atem und bringt so manchen Versorger in große Schwierigkeiten. Ein Gespräch mit Carsten Liedtke, Sprecher des Vorstands der Stadtwerke Krefeld und Mitglied des VKU-Vorstands, über wenige Angebote, hohe Preise und die Auswirkungen auf den Vertrieb.
Herr Liedtke, die Energiemärkte scheinen völlig aus den Fugen geraten zu sein. Wie erleben die Stadtwerke Krefeld die Situation?
Die Lage am Gasmarkt ist besonders kritisch. Wir können angesichts der sehr wenigen Anbieter dort eigentlich nicht mehr von einem liquiden Markt sprechen. Nehmen wir Uniper, den größten Gasimporteur Deutschlands, der auch für uns ein wichtiger Vorlieferant ist. Kaum war die Alarmstufe des Gas-Notfallplans ausgerufen, erklärte der Konzern, bis Mitte 2023 überhaupt keine neuen Gasverträge mehr anzubieten.
Andere große Unternehmen bieten nur noch sehr wenige Mengen an. Für uns heißt das: Größere Beschaffungsvolumina können wir nur noch unter großem Aufwand oder gar nicht mehr tätigen. Zugleich sind die Preise am Spotmarkt extrem hoch. Das bereitet uns große Probleme.
Wie sieht es am Strommarkt aus?
Hier funktioniert der Markt noch. Allerdings sind auch hier die Preise enorm gestiegen. Und beim Blick nach Frankreich sehen wir, dass es noch deutlich teurer werden kann. Da wurden teils Strompreise von 1000 Euro und mehr pro MWh abgerufen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Strom im Großhandel jemals so teuer war. Wir erleben schon extreme Zeiten.
Bekommen die Stadtwerke Krefeld die hohen Preise finanziell gestemmt?
Unser Unternehmen ist stark aufgestellt, wir haben eine Eigenkapitalquote von 42 Prozent. Wir haben auch kaum Finanzverbindlichkeiten in unserer Bilanz und keine Probleme mit unseren Banken. Wir sind momentan also ausreichend finanziert und abgesichert. Allerdings bedeutet die Lage auch für uns, dass wir das Thema Risikomanagement noch einmal ganz anders betrachten müssen. Es reicht nicht mehr, bei der Beschaffung 98 Prozent im Griff zu haben. Denn schon eine Lücke von zwei Prozent in der Eindeckung ist bei zehnfach gestiegenen Preisen ein Riesenthema.
Was tun Sie konkret?
Wir haben ein abteilungsübergreifendes Krisenteam Energie eingerichtet, das sich wöchentlich trifft, um die Lage zu bewerten und Entscheidungen zu fällen. Wir sind dabei, in allen Facetten das Vier-Augen-Prinzip auszuweiten zu einem Sechs- oder sogar Acht-Augen-Prinzip. Wir haben zudem die Abstimmung zwischen Energiemanagement, Beschaffung und Vertrieb weiter erhöht. Auch geht es darum, die juristische und kaufmännische Expertise noch stärker einzubinden.
Wir müssen außerdem jetzt schon überlegen, was unsere Kunden in den nächsten Monaten tun werden. Wir haben beispielsweise einzelne Kunden mit Jahresverträgen, die in der Regel zum 30. September kündigen können. Mit ihnen müssen wir frühzeitig in Kontakt treten, Empfehlungen aussprechen und gegebenenfalls für die Beschaffung Entscheidungen treffen. Das haben wir in dieser Form bisher noch nicht tun müssen.
Sind die Stadtwerke Krefeld noch im Neukundenvertrieb tätig?
Ja, sogar bundesweit. Wir halten das auch für wichtig. Denn am Ende gehört der Vertrieb dazu, um den Markt und die Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten. Wir haben weiterhin einen Wettbewerbsauftrag, den wir keineswegs nur den privaten Unternehmen überlassen dürfen.
Uns hilft dabei, dass wir die sogenannte Produktflexibilisierung eingeführt haben. Dadurch haben wir im Extremfall die Möglichkeit, für jeden einzelnen Kunden weitestgehend automatisiert einen separaten Tarif zu kalkulieren und auch in Zeiten hochvolatiler Beschaffungsmärkte permanent anzupassen. Auch unsere Vertriebspartner haben diese Tarife über ihre Systeme täglich zur Verfügung. Allerdings muss man sagen, dass wir im Neukundenvertrieb derzeit nicht mehr so aktiv sind, wie wir das noch vor der Energiekrise waren.
Warum?
Dahinter steckt eine eigentlich erfreuliche Entwicklung. Uns kündigen deutlich weniger Kunden, weshalb unser Bestand höher als geplant ist. Früher hätte man gesagt: Prima, dann beschaffen wir für zwei bis drei Prozent einfach nach, ist ja kein Problem. Ist es nun aber doch, wenn die Beschaffungskosten für diese zwei Prozent zehnmal so hoch sind wie früher. (aba)
Den ersten Teil des Interviews, bei dem es um Schutzschirme, rechtliche Risiken und die Frage geht, wie weit entfernt wir noch von der Ausrufung der Gas-Notfallstufe sind, lesen Sie hier.
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

