Die Stadtwerke München (SWM) wollen zum Jahresende nicht nur wie seit längerem geplant aus der Kernenergie, sondern auch aus der Kohleverfeuerung aussteigen. Bereits zur Heizsaison 2022/23 soll der Kohleblock (Block 2) im Heizkraftwerk Nord in Unterföhring auf Erdgas umgestellt werden.
Aktuell würde eine Fahrweise der Anlage entwickelt, die auf eine Gasturbine ausgelegt sei, diese müsse noch mit Blick auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden, erklärte der technische Geschäftsführer der SWM, Helge-Uve Braun auf einer Pressekonferenz.
Deutliche CO2-Einsparungen
„Erste Ergebnisse dieser Untersuchung stimmen uns zuversichtlich, dass wir das schaffen werden“, so Braun weiter. Ab 2025 könnte die Anlage in etwa kostenneutral gefahren werden. Durch die Umstellung reduzierten sich die CO2-Emissionen am Standort HKW Nord bereits erheblich.
In einem Bürgerbegehren hatte sich die Bevölkerung 2017 für einen raschen Kohleausstieg ausgesprochen. Da der Block laut Bundesnetzagentur stromseitig systemrelevant ist, darf er aber nicht ersatzlos abgeschaltet werden. Zudem ist er laut SWM für eine „zuverlässige Münchner Fernwärmeversorgung“ unverzichtbar.
Der Standort Unterföhring soll zudem sukzessive in den nächsten zehn bis 15 Jahren auf grüne Energien umgestellt werden. Neben dem Einsatz von Wasserstoff sei auch die Nutzung von Geothermie sowie der Betrieb von Wärmespeichern möglich, heißt es weiter.
"Jetzt würde ich eine Pause einlegen für den tosenden Beifall all jener Kritiker....." (OB Reiter)
„Wir verabschieden uns von der Kohleverbrennung. Das macht man nicht einfach so, das kostet auch richtig Geld. Jetzt würde ich eine Pause für den tosenden Beifall all jener machen, die uns über Jahre kritisiert haben, dass unser Kohleausstiegspfad zu defensiv war“, merkte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ironisch an. Der geplante, nahezu gleichzeitige Ausstieg aus Kohle- und Kernenergie sei ein historischer Meilenstein für die Stadt München.
Das Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut geht Ende des Jahres als letztes AKW in Deutschland vom Netz. Die SWM halten an der Anlage noch 25 Prozent der Anteile, die Kosten für den ab 2023 geplanten Rückbau sind vollständig über Rückstellungen gedeckt.
Wir schlachten mit Isar 2 eine Cashcow und die EU hält Atomkraft für nachhaltig. Da habe ich gedacht, ich spinne.
Mit Kopfschütteln quittierte Reiter in dem Zusammenhang die Pläne der EU, Atomenergie künftig im Rahmen ihres Klassifikationssystems für grüne Investitionen (Taxonomie) als nachhaltig einzustufen.
„Wir schlachten mit Isar 2 eine Cashcow für die Stadtwerke München. Betriebswirtschaftlich ist das nicht die beste Idee. Für den Klimaschutz dachte ich mir bis vor wenigen Wochen aber, das ist die allerbeste Idee“, so der Oberbürgermeister weiter. Als er von dem Beschluss der EU mit Blick auf die Förderwürdigkeit von Atomkraft gehört habe, habe er gedacht „er spinne“.
Die Pläne aus Brüssel konterkarierten jegliche Bemühungen auf lokaler Ebene „unter Verzicht auf Einnahmen und unter Belastung der Steuerzahler und der Kunden“, derartige Ausstiegsvorhaben umzusetzen. Nachhaltig sei Atomenergie definitv nicht. Die politischen Geschäfte, die hinter diesen Entscheidungen in Brüssel stünden, dienten nicht dazu, die Bürger:innen sonderlich positiv zu stimmen mit Blick auf die Energiepolitik.
Hinter dem Umbau steht auch die erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit der Stadtwerke München.
Hinter dem Umbau der konventionellen hin zu erneuerbarer Energieerzeugung in München stehe auch die erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit der SWM, die dafür Milliardeninvestitionen getätigt habe und „diese auch künftig leisten wird“, führte das Stadtoberhaupt weiter aus. Erst vor kurzem hatten die Stadtwerke zusätzlich eine Neuausrichtung der Erdgasförderung beschlossen, die mittelfristig auslaufen soll.
Neben den großen Ausstiegsprojekten forcieren die SWM seit Jahren den Erneuerbaren-Ausbau und werden in diesem Jahr rund 90 Prozent von München mit Ökostrom versorgen können. Beim Einstieg in dieses Geschäftsfeld im Jahr 2009 lag der Anteil noch unter 5 Prozent. „Wir sind zuversichtlich, unser Ziel 2025, 100 Prozent Ökostrom für ganz München, zu erreichen“, ergänzte SWM-Chef Florian Bieberbach.
Auch den erwarteten künftigen Zuwachs an Strombedarf, vor allem aufgrund der E-Mobilität und des vermehrten Einsatzes von Wärmepumpen wolle man mit Ökostrom abdecken. Bis 2025 soll das Erneuerbaren-Portfolio der SWM rund 7 TWh an Strom pro Jahr erzeugen.
Der Freistaat Bayern muss seine Blockadehaltung aufgeben. (SWM-Chef Florian Bieberbach)
Zentraler Knackpunkt für den Erfolg der Energiewende ist und bleibt für Bieberbach „die Akzeptanz der Bevölkerung und der Wirtschaft und zwar nicht nur für die grundsätzlichen Ziele, sondern auch für die erforderlichen Maßnahmen.“ Zudem müsse der Freistaat Bayern seine Blockadehaltung aufgeben, sonst drohe er dauerhaft das Schlusslicht in Sachen Windkraftausbau und Energiewende in Deutschland zu werden.
Der Stadtrat von München soll am Mittwoch (19. Januar) ein 500 Mio. Euro umfassendes Klimaschutzpaket für die nächsten Jahre beschließen mit über 60 Einzelmaßnahmen. Der Entwicklungspfad sieht unter anderem neben klimaneutraler Fernwärme, den Umstieg von Erdgas und Heizöl auf Wärmepumpen und andere erneuerbare Alternativen sowie den Ausschluss fossiler Brennstoffe über die Festsetzungen in Bebauungsplänen vor. (hoe)



